Die Ehe: Berufung und Weg zu Gott

Papst Franziskus in Manila: „Eine Familie ohne Traum ist gar nicht möglich. Wenn in einer Familie die Fähigkeit zu träumen verloren geht, wachsen die Kinder nicht und wächst die Liebe nicht ..."

Opus Dei - Die Ehe: Berufung und Weg zu Gott

Ein paar Worte von Papst Franziskus, die er auf dem Familientreffen in Manila gesprochen hat, sind durch die ganze Welt gegangen: „Eine Familie ohne Traum ist gar nicht möglich. Wenn in einer Familie die Fähigkeit zu träumen verloren geht, wachsen die Kinder nicht und wächst die Liebe nicht, wird das Leben schwächer und erlischt. Darum empfehle ich euch, dass ihr euch am Abend, wenn ihr die Gewissenserforschung macht, auch fragt: Habe ich heute von der Zukunft meiner Kinder geträumt? Habe ich heute von der Liebe meines Mannes bzw. meiner Frau geträumt? Habe ich heute von meinen Eltern, von meinen Großeltern geträumt, die die Geschichte bis zu mir weitergeführt haben?“i

Träumen

Die Fähigkeit zu träumen hat zu tun mit der Begeisterung, die wir für unsere Zukunftsaussichten und –hoffnungen hegen. Vor allem geht es dabei um die Menschen, besser gesagt um das, was wir ihnen in Bezug auf verschiedene Güter oder Fähigkeiten wünschen, die sie erwerben können, oder die Hoffnungen, die wir uns für sie machen. Die Fähigkeit zu träumen, ist so viel wie die Fähigkeit, den Sinn unseres Lebens auf jene auszurichten, die wir lieben. Deshalb ist sie tatsächlich entscheidend für jede einzelne Familie.

Der heilige Josefmaria hat schon sehr früh daran erinnert, dass es zur Lehre der Kirche gehört, dass die Ehe, Keimzelle der Familie, im vollsten Sinn des Wortes einen spezifischen Ruf zur Heiligkeit darstellt, der in der gemeinsamen christlichen Berufung inbegriffen ist. Es handelt sich um eine Berufung, die sich von der Berufung zum Zölibat der Priester, Laien oder Ordensleute unterscheidet, sie aber ergänzt. „Die Liebe, die zu Ehe und Familie führt, kann zugleich ein Weg Gottes, ein herrlicher Weg der Berufung und der rückhaltlosen Hingabe an den Herrn sein.“ii

Andererseits bedeutet dieser Ruf Gottes in der Ehe keineswegs, dass man die Anforderungen, die die Nachfolge Jesu an uns stellt, herunterschrauben würde. Denn wenn „bei denen, die Gott lieben, alles zum Guten führt“iii, dann finden die christlichen Eheleute in ihrem Ehe- und Familienleben das Material für ihre persönliche Heiligung, also ihre persönliche Identifizierung mit Christus. Denn Opfer und Freuden, Erfreuliches und Verzicht, die Arbeit zu Hause und außerhalb davon sind die Elemente, aus denen man im Licht des Glaubens das Gebäude der Kirche errichten soll.

Mit der Ehefrau oder dem Ehemann gemeinsam zu träumen heißt für einen Christen, ihn oder sie mit den Augen Gottes zu betrachten. Es bedeutet, dass man im Laufe der Zeit sieht, wie sich das Projekt verwirklicht, das der Herr für jeden einzelnen und für beide gemeinsam in ihrer konkreten ehelichen Beziehung erdacht und gewollt hat. Es heißt auch, dass man die Verwirklichung dieser göttlichen Pläne in der Familie, in den Kindern, falls Gott sie schickt, in den Großeltern und in den Freunden ersehnt, die einem die göttliche Vorsehung auf den Weg der Lebensreise als Begleiter mitgibt. Es bedeutet schließlich, dass jeder in seinem Partner den eigenen besonderen Weg zum Himmel sieht.

Das Geheimnis der Familie

Christus hat die Ehe wirklich zu einem göttlichen Weg zur Heiligkeit gemacht, so dass man Gott inmitten der täglichen Beschäftigungen, der Familie und der Arbeit begegnen und Freundschaft, Freuden und Leiden und die tausend kleinen häuslichen Angelegenheiten auf das Niveau bringen kann, das die Liebe von Ewigkeit her besitzt. Darin liegt das Geheimnis der Ehe und der Familie. So nimmt man die Schauung und das Glück des Himmels vorweg, in dem wir die volle und endgültige Glückseligkeit finden werden.

Im Rahmen dieses „göttlichen Weges“ sprach der heilige Josefmaria vom tiefen und schönen christlichen Sinn der ehelichen Beziehung: „Bei den anderen Sakramenten ist die Materie Brot, Wein oder Wasser… aber hier ist es euer Leib. (…) Ich sehe das Ehebett als Altar, dort befindet sich die Materie des Sakramentes.“iv Der Ausdruck Altar kann überraschen, ist aber zugleich die logische Folge einer gründlichen Lesart der Ehe, die in ihrem Wesenskern das una carov beinhaltet, die vollständige Vereinigung der menschlichen Körper, die nach dem Bild und Gleichnis Gottes erschaffen wurden.

Unter diesem Gesichtspunkt versteht man, dass die christlichen Eheleute in der Sprache des Leibes das eigentliche Wesen des Ehesakramentes ausdrücken. Mit ihrer gegenseitigen Hingabe loben sie Gott und verherrlichen sie ihn. Sie verkünden und aktualisieren die Liebe zwischen Christus und der Kirche, indem sie das Werk des Heiligen Geistes in den Herzen unterstützen. Von dort geht für die Eheleute, für ihre Familie und für die Welt ein Strom der Gnade, der Kraft und des göttlichen Lebens aus, der alles neu macht.

Dies erfordert ständige Vorbereitung und Bildung sowie einen beständigen und positiv ausgerichteten Kampf. „Die starken Symbole des Leibes enthalten die Schlüssel zur Seele: Wir können mit den leiblichen Bindungen nicht leichtfertig umgehen, ohne eine dauerhafte Wunde im Geist zu öffnen.“vi

Das Band, das aus dem Ehekonsens entsteht, wird gefestigt und bereichert durch die intimen Beziehungen zwischen den Ehegatten. Die Gnade Gottes, die sie in der Taufe erhalten haben, findet so eine neue Bahn, die die eheliche Liebe nicht nur hinzufügt, sondern sie in sich aufnimmt. Das Ehesakrament ist kein bloß äußerlicher Zusatz zur natürlichen Ehe, sondern die sakramentale Gnade formt die Ehegatten von innen her und hilft ihnen, ihre Beziehung treu, ausschließlich auf den Partner bezogen und offen für möglichen Nachwuchs zu gestalten. „Es ist wichtig, dass die Eheleute die Würde ihrer Berufung klar erkennen und sich bewusst machen, dass sie von Gott dazu berufen sind, gerade durch die menschliche Liebe zu Seiner Liebe, der Liebe schlechthin, zu gelangen; dass er sie von Ewigkeit her auserwählt hat, durch die Zeugung und die Erziehung ihrer Kinder an der göttlichen Schöpfermacht teilzunehmen; und dass der Herr von ihnen erwartet, dass ihr Haus und ihr ganzes Familienleben zum Zeugnis christlicher Tugenden werde.“vii

Die Kinder sind immer die beste „Investition“, und die Familie ist das solideste „Unternehmen“, das größte und faszinierendste Abenteuer. Alle tragen mit ihrer Rolle dazu bei, aber der Roman, der daraus entsteht, ist noch viel interessanter als die einzelnen Geschichten, weil Gott dabei handelt und Wunder wirkt.

Und deshalb ist es so wichtig, dass man imstande ist, einander zu verstehen, nämlich dass sich die Eltern untereinander und mit den Kindern verstehen. Man muss auch lernen, einander um Verzeihung zu bitten, um so, wie es der heilige Josefmaria gelehrt hat, alle gegenseitigen Fehler zu lieben, insofern sie keine Beleidigung Gottes darstellenviii. „Und wie viele Schwierigkeiten im Leben der Eheleute lassen sich lösen, wenn wir einen Raum bewahren für den Traum, wenn wir innehalten und an den Ehepartner denken und von der Güte, den guten Seiten träumen, die er bzw. sie hat. Darum ist es sehr wichtig, die Liebe wiederzugewinnen durch den Traum eines jeden Tages. Hört nie auf, Brautleute zu sein!“ix

Anhand der Aussagen des Papstes könnte man sagen, die Ehepartner sollten nicht versäumen, immer wieder innezuhalten, um die schönen Augenblicke und die gemeinsam erlebten Schwierigkeiten miteinander zu teilen und sich ins Gedächtnis zu rufen, um zu überlegen, welche Umstände Erfolg oder Misserfolg bewirkt haben, oder um einfach ein bisschen zu verschnaufen oder gemeinsam über die Erziehung der Kinder nachzudenken.

Fundament der Zukunft der Menschheit

Das Ehe- und Familienleben besteht nicht darin, dass man sich in einer sicheren und bequemen Existenz häuslich einrichtet, sondern dass man sich einander gegenseitig widmet und den übrigen Familienmitgliedern großzügig Zeit schenkt. Das beginnt schon mit der Kindererziehung und sollte das Erlernen der Tugenden und die Einführung in das christliche Leben erleichtern und dazu führen, dass man sich auch den Freunden, anderen Familien und besonders den Bedürftigsten öffnet. Auf diese Weise teilt man durch die Konsequenz, mit der der Glaube in der Familie gelebt wird, die frohe Botschaft – das Evangelium – anderen mit: die Tatsache, dass Christus auch weiterhin unter uns zugegen ist und dass er uns einlädt, ihm nachzufolgen.

Den Kindern wird Jesus offenbar durch den Vater und die Mutter. Für sie ist ja jedes Kind in erster Linie ein Kind Gottes, das einzigartig und unwiederholbar ist, von dem Gott als Erster geträumt hat. Deshalb konnte Papst Johannes Paul II. versichern: „Die Zukunft der Menschheit geht über die Familie!“x

Die Familien, die keine Kinder bekommen können

Und welchen Sinn sollen die christlichen Eheleute ihrer Ehe geben, die keine Nachkommen haben? Auf diese Frage antwortete der heilige Josefmaria, sie sollten vor allem Gott bitten, dass er sie, falls dies seinem Wille entspräche, mit Kindern segne, so wie er die Patriarchen des Alten Testaments gesegnet hatte, und dann einen guten Arzt aufsuchen. „Wenn Gott ihnen trotz allem keine Kinder gibt, dürfen sie deshalb ihre Ehe nicht als inhaltslos ansehen, sondern müssen sich bemühen, auch hierin den Willen Gottes für sie zu entdecken. Manchmal schenkt Gott keine Kinder, weil er mehr verlangt, das heißt, weil er verlangt, dass wir ohne die lautere menschliche Freude, Kinder zu haben, die gleiche Anstrengung aufwenden und uns mit der gleichen feinfühligen Hingabe dem Dienst am Nächsten widmen. Es gibt keinen Grund für die Gatten, sich als gescheitert anzusehen und der Niedergeschlagenheit Raum zu geben.“

Und er sagt weiter: „Wenn die Ehegatten inneres Leben besitzen, werden sie begreifen, dass Gott sie gleichermaßen drängt, ihr Leben in ein großmütiges christliches Dienen, in ein apostolisches Wirken zu verwandeln, das zwar anders ist als die Arbeit für die eigenen Kinder, aber deswegen nicht weniger großartig. In ihrer Umgebung werden sie leicht Menschen finden, die ihre Herzlichkeit, Hilfe und Liebe brauchen. Außerdem gibt es vielerlei apostolische Tätigkeiten, bei denen sie mitwirken können. Und wenn sie es wirklich verstehen, ihr Herz in eine solche Aufgabe hineinzulegen, sich selbst zu vergessen und großzügig anderen zu dienen, werden sie eine herrliche Wirksamkeit erreichen, und diese geistige Elternschaft wird sie mit tiefer Genugtuung erfüllen.“ xi

Auf jeden Fall dachte der hl. Josefmaria gern an die ersten Christen: „Familien, die aus der Kraft Christi lebten und Christus verkündeten; kleine christliche Gemeinschaften, die wie Brennpunkte des Evangeliums waren. Es waren Familien wie so viele andere Familien jener Zeit, aber sie waren von einem neuen Geist beseelt, der alle ansteckte, mit denen sie verkehrten. So waren die ersten Christen, und so müssen wir Christen von heute sein: Boten des Friedens und der Freude, die Christus uns brachte.“xii

Ramiro Pellitero

i Papst Franziskus, Ansprache bei der Begegnung mit den Familien in Manila, Philippinen, 16.1.2015.

ii Vgl. hl. Josefmaria, Homilie „Die Welt leidenschaftlich lieben“ in Gespräche, Nr. 121; vgl. hl. Josefmaria, Christus begegnen, „Die Ehe, eine christliche Berufung“.

iii Röm 8, 28.

iv Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen (1967), Diccionario de San Josemaría, Burgos 2013, S. 490.

v Vgl. Gen 2,24; Mk 10, 8.

vi Papst Franziskus, Generalaudienz, 27.5.2015.

vii Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 93.

viii Vgl. hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 1.7.1974.

ix Papst Franziskus, Ansprache bei der Begegnung mit den Familien in Manila, Philippinen, 16.1.2015.

x Hl. Johannes Paul II., Familiaris consortio, Nr. 86.

xi Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 96.

xii Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 30.