Für eine spirituelle Theologie des Zölibats

Ist der Zölibat an das Weihesakrament gebunden?

Über das christliche Leben
Opus Dei - Für eine spirituelle Theologie des Zölibats

Wir zeichnen die Grundlinien eine Referates nach, das Prof. Dr. Laurent Touze von der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom im Rahmen einer Tagung über den Zölibat gehalten hat, die am 4. und 5. März 2010 an der Theologischen Fakultät stattfand.

Auf der einen Seite unterstreicht der Heilige Stuhl immer wieder, dass der Zölibat nicht verhandelbar ist. So zum Beispiel Benedikt XV. am 16. Dezember 1920 in einer Ansprache an das Geheime Konsistorium: “Wir bekräftigen hiermit feierlich und in aller Form (…), dass sich dieser Apostolische Stuhl niemals dazu bereit finden wird, das heilige und überaus heilsame Gesetz des kirchlichen Zölibats aufzuheben, noch auch es abzuschwächen oder teilweise zu mildern." Auf der anderen Seite lässt der Heilige Stuhl immer wieder Ausnahmen von dieser Regel zu. So in einigen katholischen Kirchen des orientalischen Ritus, aber auch in der lateinischen Kirche, angefangen bei Entscheidungen von Pius XII. bis hin zur Apostolischen Konstitution „Anglicanorum coetibus“ von Benedikt XVI. für Anglikaner, die mit der katholischen Kirche in volle Sakramentengemeinschaft treten wollen. Ist das nicht inkonsequent?

Hier geht es darum, hinter den „Tagesereignissen“ den tieferen Zusammenhang zwischen Priestertum und Zölibat zu sehen. Es tut sich da ein doppelter Aspekt auf: der eucharistische und der sogenannte bräutliche.

Der Zölibat ist eucharistisch und bräutlich

Die Haupttätigkeit des katholischen Priesters besteht in der Feier der Heiligen Messe. In der Messe – „für jeden Gläubigen Quelle und Höhepunkt der Evangelisierung“ – ist der Priester innerlich und äußerlich mit dem verbunden, den er darstellt, also mit Christus, das heißt er wird genau wie dieser Priester und Opfer zugleich – und zwar in aller Öffentlichkeit. Und genau dort erkennt die Kirche im Priester die zwei Seinsweisen, die eigentlich Christus zueigen sind. Christus opfert sich am Kreuz für seine Braut, die Kirche.

Der Priester ist zunächst Diener des Bräutigams Christus, der sich am Kreuz, auf dem Altar seiner Vermählung mit der Kirche, hingibt. Dann aber wird der Priester selbst durch seine besondere Identifikation mit dem Erlöser dazu berufen, dieses Opfer mitzuvollziehen. Das geschieht unter anderem durch den Zölibat. Die päpstlichen Dokumente Sacerdotalis coelibatus (1967) und Pastores dabo vobis (1992) fassen diese Gedanken zusammen. Benedikt XVI. stellt in Sacramentum caritatis (2007) zudem den eucharistischen Bezug noch besonders heraus.

Der Gedanke der bräutlichen Liebe Gottes zu seinem Volk findet sich bereits sehr ausgeprägt im Alten Testament. Der Bund, den Gott immer wieder mit seinem Volk schließt, ist nicht eine juristische Vereinbarung, sondern der auf bedingungsloser Treue gründende Ehebund eines grenzenlos Verliebten. Gott selber hält diese Treue, aber seine „Braut“ fällt immer wieder ab. Wie ergreifend sind die ganz menschlich gefassten Klagen des Betrogenen, der unter den immer wieder neuen Untreuen seiner Braut, des auserwählten Volkes, „leidet“, der sich aber nicht von seiner Liebe abbringen lässt und immer wieder den Bund erneuert!

In seiner Menschwerdung macht sich der Sohn Gottes diese grenzenlose Liebe zueigen, ja er treibt sie, allen zu erwartenden Enttäuschungen zum Trotz, geradezu auf die Spitze. Im Kreuzesopfer, das sich in der Eucharistie geradezu verewigt, wird diese Liebe zur vollkommenen Hingabe, sozusagen zur Selbstaufgabe Gottes. Ein französischer zeitgenössischer Theologe, Marc-Francois Lacan, formuliert das so: „Im Geheimnis des Kreuzes, der Torheit Gottes, enthüllt sich die Liebe des Herrn zu seiner treulosen Braut. Er, Christus, ist der Bräutigam, und zwar der gekreuzigte Christus.“ Wie die alten Bundesschlüsse wird dieser Neue Bund im Blut geschlossen, aber nicht mehr im Blut „von Böcken und Stieren“, sondern im kostbaren Blut des Gottmenschen selbst. Hier also verbinden sich die beiden Aspekte zu einer untrennbaren Einheit: der bräutliche und der eucharistische. Auch die anderen Sakramente entstehen aus dieser Opferliebe und teilen sie mit.

Die Rolle des Priesters

In der Theologiegeschichte ist eine deutliche Entwicklung zu erkennen von den frühen Kirchenvätern mit ihren mehr moralischen Begriffen hin zur sakramentalen Sicht der Spätpatristik und des Mittelalters.

Eine ‚moralische' Betrachtungsweise findet sich da, wo die Freiheit des Subjekts das bräutliche Handeln hervorbringt. Dort werden die tieferen Dimensionen der Liebe in der Betrachtung des Gekreuzigten gesehen, den man nachahmen will. Mit dem Begriff ‚sakramental' verbindet sich dagegen nicht eine äußere Nachahmung. Vielmehr kommt darin zum Ausdruck, dass das Leben Christi des Bräutigams sich im einzelnen Christen wie auch in der Kirche als Ganzes realisiert, und zwar durch die Sakramente. Der Priester ist derjenige, der durch seine gottgeschenkte Berufung und damit in der Spendung der Sakramente, diese Identifikation mit Christus zum Inhalt seines eigenen Lebens macht. Im Laufe ihrer Geschichte gelangt die Kirche von der ‚moralischen' zur ‚sakramentalen' Sicht, doch im Grunde gehören beide zusammen.

Ein bedeutender Theologe des 20. Jahrhunderts, Hans Urs von Balthasar, versucht, die Spiritualität des Priesters aus einer dem Ordensstand zugehörigen Spiritualität abzuleiten. Für ihn sind die so genannten Evangelischen Räte, also Keuschheit, Armut und Gehorsam, die Voraussetzung für priesterliche Heiligkeit, ja er sieht Heiligkeit, Bräutlichkeit und Evangelische Räte als ein Ganzes. Dabei scheint er aber dem Gehorsam einen zu wichtigen Platz zuzuweisen und kommt bei der Gegenüberstellung von Allgemeinem Priestertum und Amtspriestertum zu dem Schluss, dass das erstere dem zweiten im Gehorsam unterstellt sein solle.

Ganz anders die Sicht des hl. Thomas von Aquin. Er geht von der Tatsache aus, dass Frauen das Sakrament der Priesterweihe nicht empfangen können. An dieser Stelle mag mancher einwenden, das sei aber nicht Ausgangspunkt, sondern – wenn überhaupt – Schlussfolgerung. Aber lassen wir die Diskussion über das Frauenpriestertum hier einmal beiseite und versuchen wir, dem Argument zu folgen. Thomas von Aquin sagt, dass die Unmöglichkeit der Priesterweihe für die Frau sich daraus ableitet, dass der Priester Christus in sakramentaler Weise repräsentiert, besonders bei der Feier der Eucharistie, bei der er den Platz des Erlösers einnimmt. Das zeigt sich darin, dass er die Wandlungsworte in der Ich-Form spricht. Der heilige Josefmaria Escrivá geht so weit zu sagen: Der Priester stellt in der Hl. Messe nicht nur Christus dar, er ist dann Christus. Und Christus ist Mann, und er ist zölibatär.

Christus sichtbar werden lassen

Betrachten wir den Gedanken noch aus einem anderen Blickwinkel: Der Priester ist ein Zeichen, dessen übernatürliche Wirksamkeit der Priesterweihe entstammt. Zugleich muss er ein Zeichen sein, das die Gläubigen leicht erkennen können.

Die Sakramente sind Zeichen durch „natürlich ablesbare Symbole“. Wofür ist die Priesterweihe ein Zeichen? – Hier gebraucht die Kongregation für die Glaubenslehre den Ausdruck nuptialitas – geistliche Brautschaft (vgl. Inter insigniores vom 15.10.1976). Die Priesterweihe bedeutet das von Gott angebotene Heil im Rahmen einer bräutlichen Heilsökonomie, deren ganze Logik sich aus der Hingabe des Herrn am Kreuz ergibt, die wiederum in der Eucharistiefeier ‚repräsentiert' wird. Wenn Christus sich als der Bräutigam des als Braut gesehenen Volkes erweist, ist es mehr als angebracht, dass sein Repräsentant ein erkennbares Zeichen des Bräutigams ist, also ein Mann sein muss, der nicht an eine andere „Braut“ gebunden ist – ganz besonders in dem herausragenden bräutlichen Akt, der die Messe aufgrund des österlichen Mysteriums ist.

Das Zweite Vatikanischen Konzil sagt, dass der Priester in seiner Einswerdung mit Christus gekennzeichnet ist durch die consecratio und mit ihr die nuptialitas sowie – im Hinblick auf den Dienst an den Seelen – die missio. Dazu schreibt Alvaro del Portillo: „Diese Einheit (der beiden Elemente) und ihre gegenseitige Abhängigkeit waren die eigentliche Leitidee für die Abfassung des Dekrets Presbyterorum ordinis" (vgl. Del Portillo, Schriften über das Priestertum). Portillo bezeugt das aus eigenem Erleben, denn der spätere Bischof und Prälat des Opus Dei war während des Konzils Sekretär der Kommission zur Redaktion dieses Konziltextes über die Priester.

Die zeitgenössische Theologie sieht im geweihten Priester nicht nur eine repraesentatio Christi in Bezug auf die Person des Priesters selbst, sondern erkennt in ihm immer auch eine öffentliche Person. Sein Handeln in persona Christi ist ihm nicht nur um seiner eigenen Person willen gegeben, sondern auch und vor allem im Hinblick auf die Kirche: Er muss Christus vor den Augen der Menschen sichtbar werden lassen.

Weitere Literaturempfehlung zum Thema Priesterweihe: Ratzinger, Scheffczyk, Balthasar, Galot u.a.: Im Namen des Herrn, Theologie des geweihten Priesters, Turin 1992.