Jesus trat in unsere Verlassenheit ein und führt uns zurück zu Gott

Zur Karwoche bedenkt Andreas Kuhlmann den erschütternden und irritierenden Ruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Opus Dei -  Jesus trat in unsere Verlassenheit ein und führt uns zurück zu Gott

Am Karfreitag gedenken wir des Todesleidens und Sterbens Jesu Christi. Eines der letzten Worte Jesu erschüttert und irritiert uns: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Ein herzzerreißendes Wort, das Jesus an seinen Vater richtet. Für uns gläubige Christen ist es umso erschütternder, weil wir glauben, dass Jesus der Sohn Gottes des himmlischen Vaters ist, dieses Gottes, von dem der Erste Johannesbrief bezeugt: „Gott ist Liebe – Deus caritas est“ (1 Joh 4,16). Wenn Gott die reine und vollkommene Liebe ist, wie soll man dann dieses bleischwere Wort Jesu am Kreuz verstehen, der sich von Gott im Stich gelassen fühlt? Kann Gott so unbarmherzig und lieblos sein – und das sogar mit seinem eigenen Sohn, über den er doch bei der Taufe im Jordan gesagt hat: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17)?

Vor genau 100 Jahren hat der berühmte Romano Guardini seine kleine Schrift „Der Kreuzweg unseres Herrn und Heilands“ herausgegeben. In der 12. Station, die der Todesstunde Jesu gedenkt, warnt er: „Niemand lüftet dieses Geheimnis, wie Gottes Sohn von Gott verlassen sein kann.“ So wollen wir bescheiden bleiben und als Beter den Heiligen Geist bitten, uns wenigstens etwas tiefer in das erlösende Geheimnis der Passion Christi einzuführen.

Die zunehmende Verlassenheit Jesu

Guardinis Warnung ist nur zu berechtigt angesichts der widersprüchlich erscheinenden Begebenheiten, von denen uns das Evangelium am Anfang und nun am Ende von Jesu öffentlichem Leben berichtet. Es begann mit seiner Taufe im Jordan und endete mit dem Tod auf Golgota. Wenn Jesus nur ein Mensch wie wir gewesen wäre – und er war wirklich ganz und gar Mensch wie wir, „wahrer Mensch“ ohne Abstriche, aber auch ohne Sünde –, dann wären die Worte vom Kreuz herab nicht so schwer zu verstehen. Als Geschöpf wie wir hätte er zweifelsfrei eine besonders intensive Beziehung zu Gott gehabt und hätte nun am Kreuz seine bittere Gottverlassenheit beklagt, die viele Menschen erleben und erleiden. Aber wir Christen glauben und bekennen, dass Jesus nicht nur Mensch, sondern auch Gott war und ist – die zweite göttliche Person des dreifaltigen Gottes. Jesus Christus ist Gott und Mensch zugleich. Er ist Gott, der die menschliche Natur ganz in sich aufgenommen hat. Deshalb konnte leiden und sterben, wie er auch Hunger und Durst hatte. Und gerade deshalb ist das Rätsel so groß: Wie kann er selbst Gott sein und sich dennoch von Gott verlassen fühlen?

Der heilige Kirchenvater Augustinus drückt das Problem in einer Betrachtung über den Psalm 86 so aus: „Betrachten wir seine Erhabenheit und Gottheit, wenn wir hören: ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Durch das Wort ist alles geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.‘ Wenn wir das also auch hören und diese höchste, alle Geschöpfe übersteigende Größe des Sohnes Gottes betrachten, so hören wir ihn doch auch in Teilen der Heiligen Schrift stöhnen, beten und bekennen. Wir zaudern, diese Worte auf ihn zu beziehen, weil wir nicht gerne zu seiner Menschheit hinabsteigen, nachdem wir uns eben in die Betrachtung seiner Gottheit vertieft haben.“

Die Klage Jesu lässt uns ahnen, dass zu Folter und Hinrichtung ein grausamer Seelenschmerz hinzukommt. Es scheint diese absolute Ausgesetztheit zu sein, die schon mit seiner Geburt begann, als er die himmlische Herrlichkeit verließ, in Maria Mensch wurde und dann das Menschenschicksal mit uns teilte – bis zur äußersten Konsequenz, die wir gerade zu verstehen versuchen. Am Kreuz wurde diese Ausgesetztheit zu radikalem Alleingelassensein, zur grausamen Trennung von seinen Wurzeln in der göttlichen Herrlichkeit, als wenn die Verbindung zu seiner Herkunft zerrissen wäre. Wir werden Zeugen des seelischen Dramas, das im Abendmahlssaal begann, sich im Ölgarten zuspitzte und mit den Worten am Kreuz seinen letzten Ausdruck fand. Wie die Druckwelle nach einer Explosion überträgt sich seine innere Erschütterung in geheimnisvoller Weise auf die Umgebung. Der Evangelist Matthäus berichtet: „Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich“ (Mt 27,51). Lukas fügt hinzu: „Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Es ist ein Wort aus dem Psalm 31. Jesus hat trotz aller Verlassenheit weiter auf seinen göttlichen Vater vertraut und starb in diesem Vertrauen (vgl. Lk 23,46).

Eine Annäherung an diese geheimnisvollen Worte

Doch bleiben wir bei der Verlassenheit Jesu am Kreuz. Um sich ihr zu nähern, kann helfen, was der englische Schriftsteller C. S. Lewis 1948 in einem Vortrag „Gott auf der Anklagebank“ als Defizit des modernen Menschen diagnostiziert hat: „Die Prediger der frühen Christenheit konnten bei ihren Hörern – ob es nun Juden, Konvertiten oder Heiden waren – ein Wissen um ihre Schuld voraussetzen. … Darum wurde auch die christliche Botschaft in jener Zeit unmissverständlich als Evangelium gehört, als ‚frohe‘ Botschaft. Sie versprach denen Heilung, die um ihre Krankheit wussten. Wir hingegen müssen unsere Zuhörer erst von der unbequemen Diagnose überzeugen, bevor wir von ihnen erwarten können, dass sie das Angebot des Heilsmittels willkommen heißen.“ In diesem Sinne hat der selige Papst Pius XII. den „Verlust des Sündenbewusstseins“ die „größte Sünde des modernen Menschen“ genannt. Darunter verstand er keinen versehentlichen Verlust, kein Ungeschick, sondern die rebellische Zurückweisung Gottes und seiner Weisungen. Wer sich nicht als Sünder wahrnimmt und bekennt, weiß nicht, dass er Vergebung, dass er Erlösung braucht. Wir Menschen sind oft blind für unsere tatsächliche Situation und brauchen Hilfe, vor allem von Gott selbst.

In „Gaudium et spes“, der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, steht der zentrale Satz: „Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung“ (Nr. 22). Meist wird das nur so verstanden, dass Gott uns die Augen für unsere besondere Würde öffnet, wie sie Psalm 8 bestaunt und besingt: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße.“ (Vers 6–7) Wenn aber Jesus wie wir ganz und gar Mensch war und als Mensch am Kreuz endete, muss in der Aussage des Konzils auch das Elend des Menschen mitgedacht und mitverstanden werden. Auch dafür öffnet uns Gott die Augen: Das große Elend des Menschen ist seine Trennung von Gott. Es ist aber nicht Gott, der dem Menschen seine Größe nimmt, sondern der Mensch selbst verkennt und vergeudet sie, so wie im berühmten Gleichnis vom verlorenen Sohn – das treffender auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater genannt wird – der jüngere Sohn sein Erbe verschleudert. Das Gleichnis deutet das Ausmaß der Tragödie nur an, die die freiwillige Entfernung von Gott ist. Ihre schlimmen Folgen haben uns zum Beispiel die menschenfeindlichen Systeme des 20. Jahrhunderts drastisch demonstriert.

Nochmals: Warum das grausame physische und psychisch-seelische Leiden Jesu? Um uns diesem Geheimnis weiter zu nähern, betrachten wir sein Leiden zusammen mit seiner Menschwerdung. Der Gottmensch Jesus Christus Mensch kam mit dem Auftrag auf die Welt, uns zurückzuholen aus der Verlorenheit und ihren Folgen, unseren sündhaften Entscheidungen und Praktiken. Romano Guardini schreibt: „Gott ist dem Menschen nachgegangen, wie es im Gleichnis vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme geschrieben steht (Lk 15), in das Reich des Verlorenseins, in das böse Nichts, das unter der Tat des Menschen aufgeklafft war.“ (Der Herr, Kap. 14) Lämmer gehen leichter verloren als Schafe. Sie tollen herum, sind unerfahren und neugierig, überhören den Ruf des Hirten und geraten in Lebensgefahr. Auch wir suchen die Freiheit, das Schöne und Attraktive, und können uns dabei von unserer Bestimmung, von unserem Ort des Glücks entfernen. Überhören wir den Ruf Jesu, der Guten des Hirten, sind wir auf dem Weg ins Unglück, auch wenn es ohne böse Absicht geschieht.

Gerade so geschah es dem Volk Israel immer wieder. Jedes Mal mahnten die Propheten das Volk Gottes, aber man hörte nicht auf sie. Nun kommt der Sohn Gottes und geht seinem Volk entgegen. Wieder Guardini in „Der Herr“: „Jenen Sturz des Menschen in das Nichts, der sich in der Empörung gegen Gott vollzog, und worin das Geschöpf nur zerbrechen und verzweifeln konnte, hat Er in der Liebe, wissenden Geistes, freien Willens, fühlenden Herzens durchgelebt. Umso größer die Vernichtung, je größer Der ist, den sie trifft. Niemand ist so gestorben, wie Christus starb, weil Er das Leben selbst war. Niemand ist für die Sünde gestraft worden wie Er, weil Er der Reine war. Niemand hat den Absturz in das böse Nichts so erfahren wie Er – bis zu jener furchtbaren Wirklichkeit, die hinter dem Worte steht: ‚Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‘ –weil Er der Sohn Gottes war (Mt 27,46). … Da hat Er, der unendlich geliebte Sohn des ewigen Vaters, die absolute Tiefe, den Grund des Bösen erreicht.“

Einen Weg zurück aus der Sackgasse der selbstgewählten Verlassenheit des alten Menschen öffnet die Verlassenheit des neuen Menschen Jesus Christus. Er begibt sich selbst in tiefste Verlassenheit und hebt ihre Ausweglosigkeit auf! Guardini sagt es so: „Er ist bis zu jenem Nichts vorgedrungen, aus dem die Neue Schöpfung geschehen sollte: die re-creatio, wie die Alten sagen, die Wieder-Schöpfung des bereits seienden, aber zum Nichts abstürzenden Geschaffenen in neues Sein: in den Neuen Menschen, den Neuen Himmel und die Neue Erde.“

Zum Sinn des Lebensopfers Christi

Jesus Christus vollbringt weiterhin diese Neuschöpfung, sein Erlösungswerk. Sein einmaliges Lebensopfer vergegenwärtigt sich jeden Tag im Sakrament der Eucharistie an vielen Orten der Erde auf unblutige Weise und doch in voller Wirksamkeit. So betet die Kirche im Vierten Hochgebet der Messfeier: „Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis unserer Erlösung. Wir verkünden den Tod deines Sohnes und sein Hinabsteigen zu den Vätern, bekennen seine Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten sein Kommen in Herrlichkeit. So bringen wir dir seinen Leib und sein Blut dar, das Opfer, das dir wohlgefällt, und der ganzen Welt Heil bringt.“

Unsere Teilnahme am Opfer der Heiligen Messe soll sich in eine Hingabe übersetzen, die unser ganzes Leben umfasst. Der heilige Josefmaria lud an einem Karfreitag zur persönlichen Anteilnahme am Todesleiden Jesu ein: „Vor dem Kreuz also: Schmerz über unsere Sünden, über die Sünden der Menschheit, die Jesus den Tod brachten; Glauben, um uns der erhabenen Wahrheit zu nähern, die alles Begreifen übersteigt und uns angesichts der Liebe Gottes verstummen lässt; Gebet, damit Leben und Tod Christi Vorbild und Anstoß für unser Leben und unsere Hingabe werden.“ (Christus begegnen, Nr. 101) Unser Dank für Gottes Erlösungsopfer drückt sich in großzügiger Nachfolge Christi aus. Der Christ nimmt Anteil am Liebesopfer Jesu, wie es seine Mutter Maria und der Apostel Johannes getan haben – zunächst unter dem Kreuz und dann in ihrem ganzen weiteren Leben. Umfassende und wirksame Dankbarkeit für die unfassbare Liebe Jesu zu seinem Vater. Sie hat ihn dazu gebracht, den Kelch des Leidens am Ölberg anzunehmen, um uns verlorene Menschen aus unserer Verlassenheit zurück in das Leben mit Gott zu holen. Das war damals nötig und ist es auch heute.

Ganz anders als auf Maria und Johannes verweist uns Jesu Verlassenheit am Kreuz auf Petrus, der ihn im Stich gelassen – verlassen – hatte, als es darauf ankam. Nachher weinte er bitterlich über das beschämende Versagen, seinen Herrn und Meister aus Menschenfurcht verleugnet zu haben. Ganz besonders in der Fastenzeit sind wir eingeladen zu überlegen, ob der Herr uns wie Petrus fragen muss: „Liebst du mich?“ Lässt Du mich jetzt nicht mehr allein? Bist du wirklich bereit, den Willen meines Vaters im Himmel zu entdecken und zu tun? Oder muss ich weiter an deiner Stelle für dich leiden?

Aus Liebe zu uns hat der göttliche Vater seinem Sohn die äußerste Verlassenheit zugemutet, in die uns unser Eigenwille und unsere Schwäche immer wieder stürzen. Jesus ist in unsere Verlassenheit eingetreten und auf dem Weg vorangegangen, der aus der Verlassenheit führt. Diesen Ausweg feiern wir in wenigen Tagen im Osterfest. Seine Liebe hat das Böse besiegt und das Leben neu geschaffen. Die dunkle Verlassenheit Jesu wird zur Geborgenheit in Gott, wenn wir uns vom Osterlicht des Auferstandenen durchdringen lassen.