„Unsere Kirchen in Karakosh waren voll“ - Etappen einer Flucht

Christenverfolgung im Irak. Ein Abend mit Emée Raad Naser und Marie Maaz von der Gemeinde der arabisch-sprechenden Christen im Bildungszentrum Hogesteg in Münster

Opus Dei - „Unsere Kirchen in Karakosh waren voll“ - Etappen einer Flucht

Zeit, um noch Koffer zu packen, gab es nicht. Sie mussten alles stehen und liegen lassen. „Meine Familie hatte zum Glück ein Auto, wir sind sofort geflohen“, erzählt Emée Raad Naser. Damals war sie 15 und lebte im Karakosh, der größten christlichen Stadt im Irak - bis auch dort die IS-Kämpfer die Region einnahmen. Die Nachricht vom Anrücken des IS wurde per Megafon bekanntgegeben, und nur eine Stunde später hatten die meisten Menschen die Stadt verlassen.

Emée Raad Naser und Marie Maaz

„Wir sind zusammen mit anderen Familien nach Erbil gefahren, dort fühlten wir uns sicherer“, schildert die heute 18-Jährige. Erbil liegt im Norden des Landes und ist die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. Von dort ging Emées Flucht weiter über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich bis nach Deutschland. Es war die Route, die alle Zuhörer aus dem Fernsehen kannten. Als Emée dann das Foto von dem kleinen Boot zeigt, in dem sie mit ihrer Mutter und drei Geschwistern geflohen ist, wird es still im Raum. „Wir hatten sogar noch mehr Geld bezahlt, weil man uns versprochen hatte, dass dann nur 30 Leute ins Boot kommen würden. Aber am Ende waren wir 100 - und die versprochenen Rettungswesten hatten wir auch nicht.“ Die Überfahrt dauerte zwei Stunden. Zwei Stunden voller Angst.

Emées Vater blieb zunächst in Erbil zurück. Von dort schickte er das Geld, um die Schlepper zu bezahlen. „Aber sie haben das Geld immer erst bekommen, wenn wir unser Ziel erreicht hatten.“ Vor einem Jahr konnte nun auch der Vater nach Deutschland kommen. Die Familie lebt wieder zusammen - in Münster-Nienberge. Emée wird nächstes Jahr die Schule beenden und will eine Ausbildung als Krankenschwester machen.

Dass es ihr gut gelungen ist, sich in Deutschland einzuleben, hat auch mit der Unterstützung zu tun, die Emée in der Gemeinde der arabisch-sprechenden Christen in Münster erfahren hat. Dort lernte sie Marie Maaz kennen, die aus dem Libanon stammt und nach Münster kam, um hier Physik zu studieren. Inzwischen hat sie auch noch eine halbe Stelle als Pastoral-Assistentin und unterstützt die Arbeit von Dr. Miled Abboud, dem Pfarrer der arabischen Gemeinde. „Dort habe ich natürlich viele Menschen getroffen, die nach Deutschland geflüchtet sind - etwa aus Syrien“, erzählt Marie Maaz, die gemeinsam mit Emée vom Leben in ihrer Gemeinde berichtet. „Es klingt so vertraut, wenn ich die Liturgie auf Arabisch mitfeiern kann“, sagt sie. Das schaffe ein Stück Heimat. Und da viele der Gemeindemitglieder Geflüchtete sind, teilen sie nicht nur ihren Glauben, sondern auch ihre Lebenserfahrung. Das verbindet. „Gleichzeitig suchen wir Kontakt zu den Pfarreien hier.“ Emée ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist Messdienerin in der Pfarrei St. Sebastian in Nienberge. Und hat dort freiwillig am Firmunterricht teilgenommen - obwohl sie schon gefirmt war. „Nach unseren orientalisch-christlichen Traditionen werden Taufe und Firmung immer zusammen gespendet“, erklärt Marie Maaz. Viele Zuhörer sind beeindruckt: Aus purem Interesse am Firmunterricht teilnehmen? Das können sich deutsche Jugendliche kaum vorstellen.

In der Diskussion kommt die Überlegung auf, ob die Diaspora-Situation den Christen im Irak geholfen hat, ihren Glauben besonders zu pflegen. Leere Kirchen kennt Emée aus dem Irak jedenfalls nicht. „Unsere Kirchen in Karakosh waren voll“, strahlt sie. Und sonntags habe der erste Gottesdienst schon um 6 Uhr morgens stattgefunden. Marie Maaz erläutert, dass auch der familiäre Hintergrund eine wichtige Rolle spiele. „Wenn die Eltern zur Kirche gehen, kommen die Kinder mit. Es ist nicht vorstellbar, dass Jugendliche dann alleine zu Hause bleiben - wie es in Deutschland der Fall sein kann.“

Überhaupt sei die gegenseitige Unterstützung für die arabisch-sprechenden Christen von großer Bedeutung. Sie umfasst alle Lebensbereiche: Hilfe bei der Wohnungssuche, beim Ausfüllen von Formularen, aber eben auch in der Glaubensbildung. „Es kommt auf die Familie an, aber für manche ist es zum Beispiel ganz normal, sonntags gemeinsam in der Bibel zu lesen“, erzählt Marie Maaz.

Ob sie sich vorstellen kann, später in den Irak zurückzugehen, wird Emée gefragt. Die 18-Jährige verneint. „Weil ich dort keine Freiheit habe“, lautet ihre Begründung. Inzwischen sei die Heimat zwar zurückerobert, aber die ganze Infrastruktur fehle, sagt Emée und zeigt Fotos ihres zerstörten Elternhauses. Natürlich sorge man sich um diejenigen, die in der Heimat zurückgeblieben sind. „Wir versuchen zu helfen und Geld zu schicken.“ Marie Maaz weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass inzwischen immer mehr Christen den Nahen Osten verlassen. Wegen der unsicheren Lage. Dabei gibt es in ihrem Heimatland, dem Libanon, ein relativ gutes Zusammenleben von Christen und Muslimen. Trotzdem halte der Exodus der Christen aus der Region an. Ein schmerzlicher Gedanke. Schließlich könnte das Christentum gerade dort verloren gehen, wo seine Geburtsstätte ist: in den Ländern des Nahen Ostens.