Der Papstbrief soll die Brücke zur Weltkirche stabilisieren

„Da kann sich jeder raussuchen, was ihm passt.“ So war zu hören, kaum dass das „Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ vom 29. Juni veröffentlicht war. Dass das so nicht stimmt, belegt auch Ruthard von Frankenberg.

von Papst und Kirche
Opus Dei - Der Papstbrief soll die Brücke zur Weltkirche stabilisieren

Zuerst fällt der Adressat auf, „das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“. Darin steckt bereits ein Verweis auf die Gesamtheit des Volkes Gottes, die „in Deutschland“ aus dem Blick zu geraten droht. Der Papst warnt:

„Heute ... stelle ich gemeinsam mit euch schmerzlich die zunehmende Erosion und den Verfall des Glaubens fest mit all dem, was dies nicht nur auf geistlicher, sondern auch auf sozialer und kultureller Ebene einschließt.“ (Nr. 2)

„Die derzeitige Situation ... ist ... eine Einladung, sich dem zu stellen, was in uns und in unseren Gemeinden abgestorben ist, was der Evangelisierung und der Heimsuchung durch den Herrn bedarf. Das aber verlangt Mut, denn, wessen wir bedürfen, ist viel mehr als ein struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel.“ (5)

„Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind. ... Ein wahrer Wandlungsprozess ... verlangt eine pastorale Bekehrung.“ (6)

Wie „Die Tagespost“ kommentierte, geht es „nicht mehr um eine prekäre Sondersituation in einem bestimmten Land oder um die Missbrauchskrise, nein, es geht um das Ganze, um den Fortbestand des christlichen Glaubens an sich.“ Ein anderer Kommentator der Wochenzeitung aus Würzburg stellte fest, Franziskus erneuere „seine Warnung vor einer Fixierung auf die Strukturen. Zu denken, der ‚perfekte Apparat‘ könne die Kirche in Deutschland retten, gleiche dem Glauben an die Selbsterlösung, so der Papst. Stattdessen verordnet er erneut, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen‘". Wohlbedacht benutzt der Papst wiederholt zwei Begriffe, 1. „Synodalität“ und 2. „sensus Ecclesae“.

1. „Synodalität“ – was darunter zu verstehen ist

Zur Überraschung mancher Kommentatoren geht Papst Franziskus nirgends auf den hierzulande angelaufenen „synodalen Weg“ als solchen ein – unter dem übergeordneten Ausdruck „Synodalität“ umso intensiver auf diesen Urbestandteil kirchlicher Identität, der im Laufe der Jahrhunderte die Gestalt von Allgemeinen Kirchensynoden – den „Oekumenischen Konzilien“ – und zahllosen regionalen Synoden Gestalt annahm. Meist wurden sie wegen Krisen abgehalten, die „von unten“ aufgekommen waren. Im 19. Jahrhundert kam das Erste Vaticanum nicht mehr dazu, nach dem Primat des Papstes wie geplant die Befugnisse der Bischöfe und ihrer Synoden sowie überhaupt die „Synodalität“ näher zu bestimmen. Das hat das Zweite Vatikanum im Grundsatz nachgeholt. Der selige Paul VI., der heilige Johannes Paul II. wie auch Benedikt XVI. schlossen daran ebenso an wie jetzt Franziskus mit zahlreichen Verweisen auf die Konzilsbeschlüsse und seine Vorgänger. Die Inhalte hinter den Verweisen gehören zu seinem Schreiben, auch wenn sie hier nicht berücksichtigt werden.

Zunächst erklärt Papst Franziskus zur zeitlichen Abfolge:

„Synodalität von unten nach oben, das bedeutet die Pflicht, für die Existenz und die ordnungsgemäßen Funktionsvorgänge ... Sorge zu tragen …. So ist es nicht möglich eine große Synode zu halten, ohne die Basis in Betracht zu ziehen … Dann erst kommt die Synodalität von oben nach unten, die es erlaubt, in spezifischer und besonderer Weise die kollegiale Dimension des bischöflichen Dienstes und des Kirche-Seins zu leben. Nur so gelangen wir in Fragen, die für den Glauben und das Leben der Kirche wesentlich sind, zu reifen Entscheidungen.“ (3)

Erst von unten, dann von oben. So entspricht es den Traditionen seit frühchristlicher Zeit. Man beachte: Die Basis als Auslöser ist in Betracht zu ziehen, aber reife Entscheidungen kommen von oben. Später geht der Papst Franziskus inhaltlich auf die Synodalität ein:

„Die synodale Sichtweise hebt weder Gegensätze oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte den Beschlüssen eines ‚guten Konsenses‘ ... untergeordnet. [Das würde] den Glauben kompromittieren, [ihn] den Ergebnissen von Umfragen oder statischen Erhebungen [unterordnen], die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben... Das wäre sehr einschränkend. Mit dem Hintergrund und der Zentralität der Evangelisierung und dem Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA beansprucht die Synodalität bewusst eine Art und Weise des Kirche-Seins anzunehmen, bei dem das Ganze mehr ist als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe. Man darf sich also nicht zu sehr in Fragen verbeißen, die begrenzte Sondersituationen betreffen, sondern muss immer den Blick weiten, um ein größeres Gut zu erkennen.“ (11)

2. Was bedeutet „Sensus Ecclesiae“?

Der Begriff gehört zur klassischen Lehre von der Kirche und umfasst die Gesamtheit des Volkes Gottes aller Zeiten und Ebenen, uns Lebende ebenso wie die Menschen im Reinigungszustand und die Heiligen bei Gott. Alle haben mitzureden, die Urchristen, die Kirchenväter und Kirchenlehrer, das Lehr- und Leitungsamt. Der „sensus Ecclesiae“ betrifft die epochenübergreifende Universalkirche einschließlich der derzeitigen Weltkirche und eben des pilgernden Volkes Gottes in Deutschland. „Sensus“ bedeutet den Sinn, das Gespür der Gesamtkirche für einzelne Völker, Gruppen oder Epochen und zugleich den Sinn der einzelnen Völker, Gruppen oder Epochen für das übergeordnete Gesamt der Kirche.– Der Papst:

„Es ist Aufgabe der Synodalität auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens, „gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt, die wir treffen, und der alle Ebenen nährt und durchdringt. Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird.“ Falls die Teilkirchen „von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten. Das hilft uns, die Angst zu überwinden, die uns in uns selbst und in unseren Besonderheiten isoliert“. ... Das bedeutet zu gehen, voranzuschreiten, etwas zu ändern und [auch] einmal zu debattieren und zu widersprechen. ... Die anstehenden Herausforderungen ... können nicht ignoriert oder verschleiert werden; man muss sich ihnen stellen, wobei darauf zu achten ist, dass wir uns nicht in ihnen verstricken und den Weitblick verlieren, [sodass] der Horizont sich dabei begrenzt und die Wirklichkeit zerbröckelt. ... Der Sensus Ecclesiae befreit uns von Eigenbrötelei und ideologischen Tendenzen.“ Er „hilft uns, auf diese alte und immer neue Versuchung ... zu achten, ... etwas immer Neues und Anderes zu sagen als das, was [uns] das Wort Gottes ... geschenkt hat.“ (9)

Die Blog-Autorin Reinhild Rössler schreibt: Der Pontifex „schickt einen Stahlträger, um die wankende Brücke von Deutschland zur Weltkirche zu stabilisieren.“ Damit kennzeichnet sie den eigentlichen Kern des päpstlichen Briefes. Dazu drei Stellen:

Es geht um den „Primat der Evangelisierung“

Es ist „notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen, um die Zukunft mit Vertrauen und Hoffnung in den Blick zu nehmen, denn die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren. ... Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein. Es gibt ganz sicher harte Momente und Zeiten des Kreuzes; nichts aber kann die übernatürliche Freude zerstören, die es versteht sich anzupassen, sich zu wandeln und die immer bleibt, wie ein wenn auch leichtes Aufstrahlen von Licht, das aus der persönlichen Sicherheit hervorgeht, unendlich geliebt zu sein, über alles andere hinaus. Die Evangelisierung bringt innere Sicherheit hervor, eine hoffnungsfrohe Gelassenheit, die eine geistliche Zufriedenheit schenkt, die für weltliche Maßstäbe unverständlich ist. Verstimmung, Apathie, Bitterkeit, Kritiksucht sowie Traurigkeit sind keine guten Zeichen oder Ratgeber; vielmehr gibt es Zeiten in denen die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat: Man ist so in sich selbst verschlossen, dass man unfähig wird, die Geschenke Gottes anzuerkennen.“ (7)

„Der Herr drückte sich klar aus: «Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben» (Mt 6,33). Das bedeutet hinauszugehen, um mit dem Geist Christi alle Wirklichkeiten dieser Erde zu salben, an ihren vielfältigen Scheidewegen, ganz besonders dort, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, um mit dem Wort Jesu den innersten Kern der Seele der Städte zu erreichen.“ (8)

„Dies verlangt vom ganzen Volk Gottes und besonders von ihren Hirten eine Haltung der Wachsamkeit und der Bekehrung ... Die Wachsamkeit und die Bekehrung sind Gaben, die nur der Herr uns schenken kann. Uns muss es genügen, durch Gebet und Fasten um seine Gnade zu bitten.“ (12)

Quelle: Schreiben von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland