Der Advent – eine starke liturgische Zeit

Eine Betrachtung von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr von Josef Arquer

Die Liturgie der Adventszeit sieht die kommende Geburt des Herrn nicht als ein isoliertes Ereignis in der Vergangenheit, sondern als den Anfang unserer Erlösung, die sich noch immer ereignet. Auch wenn die freudige Erwartung des Weihnachtsfestes vorherrscht, stehen die beiden ersten Adventsonntage noch nicht im Zeichen der Menschwerdung, sondern der Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit. Man könnte meinen, dass die Kirche damit Ursache und Wirkung geradezu umkehrt: Zuerst schaut sie voraus und entdeckt im Geschehen am Ende der Zeiten die Ursache für ein Geschehen, das sich lange zuvor ereignet hat und Weihnachten gefeiert wird. Mit anderen Worten: Im Glaubensbekenntnis bekräftigen wir, dass Gott Mensch geworden ist „für uns Menschen und zu unserem Heil“. Und dieses Heil wird sich erst am Ende der Zeit vollenden. Unser natürliches Empfinden richtet sich hingegen gleich am Anfang des Advents auf Weihnachten, denn anders als seine Wiederkunft lässt sich die Geburt Christi leicht in Bilder einfangen.

Zeit der Hoffnung

Der Advent ist eine Zeit der Hoffnung: Selbst noch im Dunkel, glimmt ein kleines Licht in uns, das nach und nach heller aufleuchtet. Das Licht ist in uns, doch kommt es nicht von uns. Es kommt von Gott. Der Adventskranz macht diese Hoffnung im Symbol sichtbar. Sich dem Licht aussetzen heißt zugleich die Schatten erkennen, die das eigene Leben verdunkeln: Sich Zeit nehmen für Gebet und innere Umkehr, sich innewerden, dass der Herr, dessen Kommen wir erst erwarten, zugleich schon bei uns ist. Mit einem Wort des heiligen Josefmaria: „Advent. Wie sehr drängt uns diese Zeit, unsere Erwartung, unsere Sehnsucht, unser aufrichtiges Verlangen nach dem Kommen Christi zu erneuern! Und Er kommt ja jeden Tag in deine Seele, in der Eucharistie! – „Ecce veniet! – Siehe, Er kommt bald!, so ruft uns die Kirche zu.“ (Im Feuer der Schmiede, 548)

Die Adventszeit führt uns von neuem zu den Anfängen zurück – zur Menschwerdung und zu den dunklen Zeiten der Heilserwartung: Gott ist in Jesus Mensch geworden und hat „unter uns gewohnt“. Wörtlich übersetzt heißt die Stelle im Johannes-Evangelium (1,14): Er „hat unter uns gezeltet“.

Gottes Menschwerdung in Jesus Christus ist die einzig wirklich radikale Wende in der Weltgeschichte, der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit. Gott wollte herabsteigen in unsere Niederungen und unser Dasein mit allem teilen, was es ausfüllt: Alltag, Arbeit, großen wie kleinen Freuden, Leiden und selbst dem Tod… Gott schenkt uns die Zeit als Gegenwart, als ein Heute. Und er schenkt sie uns weiter, Tag für Tag, Stunde für Stunde – solange er will... Die Vergangenheit bleibt im gewissen Sinne gegenwärtig – als Erinnerung an Fehler, die wir vor Gott bereuen, an Wohltaten, die uns zum Dank bewegen, an Erfahrungen, die uns reicher machen. Die Zukunft steht vor uns als Ansporn für unsere Hoffnung und für unser Gottvertrauen.

Zwei adventliche Gestalten

Zwei Gestalten an der Tür zum Advent laden uns ein, durch die Porta fidei zu gehen und ihre Erwartung gleichsam nachzuleben: Maria und Johannes der Täufer. Maria macht sich gleich nach der Verkündigung durch den Engel auf zu Elisabeth und lässt ihre Verwandte teilhaben an ihrer Freude. Ein alter Hymnus nennt sie die „erhabne Mutter des Erlösers, die allezeit offne Pforte des Himmels und Stern des Meeres“: So können auch wir zur Porta fidei und Wegweisung werden für unsere Mitmenschen auf Christus hin. Johannes nennt sich die „Stimme, die in der Wüste ruft“ (Joh 1,23). Wie seine Stimme auf Das Wort verweist, können auch wir auf Christus hinweisen. Zuerst müssen wir selber innerlich still werden und uns besinnen, dann werden wir hellhörig für das Wort Gottes und dürfen es weitersagen.