Ihn erkennen und dich erkennen (XII) Liturgisch beten

Gedanken des heiligen Josefmaria, die helfen können, uns bei liturgischen Akten stärker mit Gott und der Kirche zu vereinigen

Opus Dei - Ihn erkennen und dich erkennen (XII) Liturgisch beten

Im April 1936 herrschen in Spanien große soziale Spannungen. In der Akademie DYA aber bemüht man sich darum, die Atmosphäre beizubehalten, die von Studium und gutem Zusammenleben geprägt ist. Mitten in dieser schwierigen Zeit berichtet einer der Studenten seinen Eltern in einem Brief, dass sie am Tag zuvor unter Anleitung eines Lehrers Gregorianischen Gesang eingeübt haben und dabei in guter Stimmung waren[i]. Welchen Sinn hatte es, dass dreißig Studenten in dieser Zeit an einem Sonntagabend Gregorianischen Gesang übten?

Die Antwort können wir einige Monate zuvor finden, als der heilige Josefmaria den Gregorianischen Gesang in seinen Bildungsplan für die Akademie aufnahm. Und das, obwohl wir wissen, dass er als Pfarrer in Perdiguera normalerweise gesungene Messen hielt, wenngleich er persönlich keine besondere Vorliebe dafür hatte. Es war auch nicht Folge eines gelehrten Interesses angesichts der Liturgischen Bewegung in Spanien. Diese Entscheidung fußte vielmehr auf seiner persönlichen pastoralen Erfahrung, die nur dem Wunsch entsprang, den jungen Leuten dabei zu helfen, betende Menschen zu werden.

Es ist interessant, den drei Veröffentlichungen, die der heilige Josefmaria in jenen 30er Jahren schrieb, Einzelheiten zu entnehmen. Alle drei hatten zum Ziel, das Gespräch mit Gott zu erleichtern. Jede einzelne passte zu einer der drei großen Ausdrucksweisen christlichen Betens. Die erste war auf das persönliche Gebet ausgerichtet, die zweite auf die volkstümliche Frömmigkeit, und die dritte sollte dem Leser helfen, sich mit dem liturgischen Gebet zu beschäftigen. Aus der ersten wurden die Geistlichen Betrachtungen, die Grundlage für sein bekanntes Buch „Der Weg“. Ergebnis der zweiten war das Büchlein „Der Rosenkranz“. Als drittes war ein Werk geplant, das den Titel haben sollte: Liturgische Frömmigkeit. Dieses Buch war für 1939 vorgesehen, wurde aber aus verschiedenen Gründen nie veröffentlicht. Es existiert aber noch das Vorwort von Felix Bilbao, dem Bischof von Tortosa, mit dem Titel: „Betet, aber betet gut!“ Dieser unveröffentlichte Text ermuntert die Leser, sich an der Hand des Autors in die Liturgie der Kirche zu vertiefen, um zu einem „frischen, soliden und wirksamen Gebet“ zu finden, „das tief mit Gott vereint“[ii].

Dem Gebet der Kirche eine Stimme geben

Für den heiligen Josefmaria war die Liturgie keine Sammlung von Vorschriften, dazu bestimmt, gewissen Zeremonien mehr Feierlichkeit zu verleihen. Er litt, wenn er merkte, dass die Art und Weise, die Sakramente und die anderen liturgischen Akte zu feiern, nicht wirklich zur Begegnung des Menschen mit Gott und den anderen Gliedern der Kirche führten. Einmal schrieb er, als er einer liturgischen Feier beigewohnt hatte: „Viel Klerus: der Erzbischof, das Domkapitel, Sänger und Messdiener… Wunderbare Gewänder: Seide, Gold, Silber, kostbare Steine, Samt und Spitze… Musik, Gesang, Kunst… Und alles ohne Volk! Wunderbarer Kult, ohne Volk“[iii].

Dieses Interesse am Volk in der Liturgie ist zutiefst theologisch. Bei liturgischen Akten findet ein Austausch der Dreifaltigkeit mit der ganzen Kirche statt, nicht nur mit einem Teil. Es ist kein Zufall, dass die meisten Gedanken über die Liturgie im „Weg“ im Kapitel über die Kirche stehen. Für den Gründer des Werkes war die Liturgie der privilegierte Ort, an dem die kirchliche Dimension des christlichen Betens erfahren wird; denn dort wird spürbar, dass wir uns alle zusammen an Gott wenden. Das liturgische Gebet ist immer sehr persönlich, öffnet sich aber Horizonten, die weiter reichen als die Umstände des Einzelnen. Im persönlichen Gebet sind wir selbst diejenigen, die sprechen, in der Liturgie spricht die ganze Kirche. In unserem persönlichen Dialog mit Gott sprechen wir als Glieder der Kirche, im liturgischen Gebet spricht die Kirche durch uns.

Daher lernen wir im Wir der liturgischen Gebete, die Dimension unserer Beziehung zu Gott zu erweitern. Wir erfahren uns als ein Kind mehr in der großen Familie der Kirche. Der deutliche Hinweis des heiligen Josefmaria überrascht uns also nicht: „Dein Gebet soll liturgisch sein. Möchtest du doch die Psalmen und die Messtexte liebgewinnen, statt Privatgebete zu verwenden“[iv].

Wer lernt, liturgisch zu beten, braucht die Demut, die feststehenden Worte zu übernehmen und auch innere Sammlung, um das Band erkennen und schätzen zu können, das uns mit allen Christen verbindet. So hilft es uns zu bedenken, dass wir vereint mit denen beten, die in diesem Moment bei uns sind und auch mit denen, die nicht da sind, den Christen des eigenen Landes, der Nachbarländer und mit allen in der ganzen Welt… Wir beten auch mit denen, die vor uns gelebt haben und die noch am Ort der Läuterung sind oder sich schon der himmlischen Herrlichkeit erfreuen. Das liturgische Gebet ist keine anonyme Formel, sondern im Gegenteil voller „Gesichter und Namen“[v]. Wir vereinen uns mit den konkreten Menschen, die Teil unseres Lebens sind und die wie wir „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ leben und am Leben der Dreifaltigkeit teilhaben.

Dem Gebet der Kirche Ausdruck verleihen

Für den heiligen Josefmaria bestand die Heiligung der Arbeit nicht vor allem darin, während der Arbeit zu beten, vielmehr darin, darauf zu achten, sie zur Ehre Gottes zu tun, indem wir uns um menschliche Vollkommenheit bemühen und daran denken, dass unser himmlischer Vater uns liebevoll anschaut. Ähnlich ist es beim liturgischen Beten: Es besteht eben nicht darin, während der Liturgie Gebete zu sprechen, sondern darin, die liturgischen Handlungen digne, attenteac devote, würdig, aufmerksam und fromm zu vollziehen, im Bewusstsein dessen, was man tut. Es geht dabei weniger um individuelle Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, sondern um Handlungen, in denen die ganze Kirche ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Liebe ausdrückt.

Der heilige Josefmaria legte großen Wert auf das, was er die Etikette der Frömmigkeit nannte, die verlangt, die kultischen Handlungen bewusst zu leben. Die Würde, die das liturgische Beten erfordert, drückt sich schon in der Körperhaltung aus; denn darin spiegelt sich unmittelbar, was vollzogen wird. Die Feier der heiligen Messe, die Beichte, die Segnungen mit dem Allerheiligsten vollziehen sich mit bestimmten Bewegungen, die selbst lebendiges Gebet sind. Der Körper betet in der Liturgie mit. Man kann auch sagen: Das Gebet der Kirche nimmt leiblich Gestalt an. Und auch wenn es oft der Priester ist, der die Aufgabe hat, Christus als dem Haupt Stimme und Hände zu leihen, so kommt es doch der Gemeinde zu, den ganzen Mystischen Leib Christi sichtbar und hörbar zu machen. Das Wissen, dass durch uns das Gebet der Heiligen und der Seelen im Fegefeuer sichtbar und hörbar wird, kann eine Hilfe sein, auf die Etikette der Frömmigkeit zu achten.

Nicht nur mit Würde, sondern auch mit Aufmerksamkeit soll sich liturgisches Beten vollziehen. So ist es also wichtig, dass wir uns sowohl auf die Worte konzentrieren, die wir sagen, als auch dass wir zutiefst wahrnehmen, was wir da erleben: wissen, mit wem wir zusammen sind, warum und mit welchem Ziel. Uns dies bewusst machen zu können setzt eine bestimmte Bildung voraus, die weiter vertieft werden kann. Mit Worten des heiligen Josefmaria: „Langsam. Bedenke, was du sagst, wer es sagt und zu wem. Denn dieses eilige und unbedachte Sprechen ist Lärm, blecherner Lärm. Ich sage dir mit der heiligen Theresia, dass ich das nicht Beten heiße, auch wenn du die Lippen kräftig bewegst“[vi].

Begegnung mit jeder der drei göttlichen Personen

Trotz unvermeidlicher Zerstreuungen, die Folge unserer Schwäche sind, nehmen wir mit der ganzen Kirche teil an der geheimnisvollen, aber realen Begegnung mit den drei göttlichen Personen der Dreifaltigkeit. Deshalb ist es eine Bereicherung, wenn wir zu unterscheiden lernen, wann wir uns an den Vater, wann an den Sohn und wann an der Heiligen Geist wenden. Im Allgemeinen stellt uns die Liturgie mit den ihm eigenen Zügen vor Gott, den Vater, auch wenn er häufig nur einfach mit „Gott“ oder „Herr“ angesprochen wird. Er ist Ursprung und Quelle allen Segens, den die Dreifaltigkeit dieser Welt schenkt, und zu ihm gelangt durch seinen Sohn aller Lobpreis, den wir als Geschöpfe auszudrücken fähig sind.

Denn was wir dem Vater sagen, sagen wir durch Jesus, der weniger vor uns steht als mitten unter uns. Das Wort ist Fleisch geworden, um uns zum Vater zu bringen. Es tröstet uns und macht uns froh, ihn an unserer Seite zu wissen als unseren Bruder, der unsere Schwachhheit kennt und sich ihrer nicht schämt. Ja, das Gebet der Liturgie entspringt als gemeinsames Beten der Kirche dem Gebet Jesu. Es ist nicht nur Fortsetzung seines Gebetes hier auf Erden, sondern es ist hier und jetzt Ausdruck seiner Fürsprache für uns im Himmel (vgl. Hebr 7, 25). Es gibt auch Gebete, die sich unmittelbar an Jesus richten, der als Sohn Gottes unser Retter ist. Daher ist das liturgische Gebet der Königsweg des Einklangs mit dem priesterlichen Herzen Jesu Christi.

Das Gebet, das sich durch den Sohn an den Vater wendet, geschieht im Heiligen Geist. Das Bewusstsein der Gegenwart der Dritten Person der Dreifaltigkeit beim Gebet der Liturgie ist ein großes Geschenk Gottes. Der Große Unbekannte, wie der heilige Josefmaria ihn nannte, bleibt äußerlich unbemerkt wie das Licht oder wie die Luft, die wir atmen. Aber ohne Licht sähen wir nichts, und ohne Luft würden wir ersticken. Das Wirken des Heiligen Geistes ähnelt dem im liturgischen Dialog. Auch wenn wir uns nicht an Ihn wenden, wissen wir doch, dass er in uns wohnt und uns mit unnachahmlichen Seufzern bewegt, uns an den Vater zu wenden mit den Worten, die Jesus uns lehrte. Sein Wirken zeigt sich indirekt. Mehr als in den Worten, die wir sprechen oder zu wem wir sie sagen, zeigt sich der Geist in der Art und Weise, wie wir sie sprechen. Er ist gegenwärtig in den Seufzern, die zu Gesang werden, wie auch im Schweigen, das Gott im Inneren unseres Seins wirken lässt.

Wie wir den Wind an den Dingen erkennen, die er bewegt, so können wir die Gegenwart des Heiligen Geistes auch an den Folgen seines Wirkens wahrnehmen. Eine erste Folge Seines Wirkens kann es sein, dass wir uns bewusst werden, als Kinder Gottes in der Kirche zu beten. Wir spüren ihn auch, wenn er das Wort Gottes in unserem Inneren erklingen lässt, das kein menschliches ist, sondern das Wort, das der Vater an einen Jeden von uns richtet. Vor allem offenbart sich der Heilige Geist in der Zärtlichkeit und Großzügigkeit, mit der Vater und Sohn uns in der liturgischen Feier verwöhnen, uns verzeihen, erleuchten, stärken oder uns ein besonderes Geschenk machen.

Schließlich vollzieht sich das Wirken des Heiligen Geistes ganz tief im Inneren und ist notwendig, denn es hat zur Folge, dass das liturgische Handeln zur wahren Kontemplation der Dreifaltigkeit wird und uns erlaubt, die ganze Kirche und Jesus selbst zu sehen, obgleich uns die äußeren Sinne nichts wahrnehmen lassen. Der Heilige Geist ist es, der uns entdecken lässt, dass die Seele des liturgischen Gebetes nicht in Worten und Gesten besteht, sondern in der Liebe, mit der wir aufrichtig dienen und auch uns dienen lassen wollen. Der Heilige Geist lässt uns teilhaben an seinem persönlichen Geheimnis, wenn wir dahin kommen, uns an Gott zu erfreuen, der herabsteigt, um uns zu dienen, sodass wir danach fähig sind, den anderen zu dienen.

Ich habe das Evangelium gelebt

Es ist nicht verwunderlich, dass einer der am meisten gebrauchten Begriffe der Schrift und der Tradition in Bezug auf liturgische Handlungen der des Dienens ist. Diese Dimension des Dienstes hier zu entdecken hat viele Folgen für das innere Leben. Nicht nur, weil jemand, der aus Liebe dient, sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellt, sondern auch, weil das Verständnis der Liturgie als Dienst der Weg ist, um sie in Leben umwandeln zu können. Auch wenn es paradox erscheinen mag, finden wir in zahlreichen Gebeten in den liturgischen Texten die Mahnung, das, was wir gefeiert haben, in unserem Leben nachzuahmen. Diese Einladung meint nicht, wir sollten die Sprache der Liturgie auf unsere familiären und beruflichen Beziehungen übertragen, sondern wir sollen, was die Feier uns betrachten und erleben ließ, zum Programm unseres Lebens machen[vii]. Deshalb rief der heilige Josefmaria, wenn er das Wirken Gottes in seinem Alltag sah, bei mehr als einer Gelegenheit aus: „Wahrhaftig, ich habe das Evangelium des Tages erlebt“[viii].

Um die Liturgie des Tages zu erleben und so unseren Tag in einen Dienst zu verwandeln, in eine Messe von 24 Stunden, müssen wir unsere persönlichen Lebensumstände im Licht dessen betrachten, was wir gefeiert haben. Bei dieser Aufgabe ist die persönliche Betrachtung unentbehrlich. Der heilige Josefmaria hatte die Gewohnheit, Worte oder Ausdrucksweisen zu notieren, die ihn während der Feier der heiligen Messe oder beim Stundengebet im Inneren getroffen hatten. Eines Tages schrieb er: „Ich werde keinen Psalm mehr aufschreiben, sonst müsste ich sie alle abschreiben; denn sie alle enthalten Wunder, die die Seele sieht, wenn sie Gott dient“[ix]. Tatsächlich ist das liturgische Beten Quelle für das persönliche Gebet, aber sicher ist auch, dass es ohne persönliches Betrachten sehr schwierig ist, den Reichtum der Liturgie innerlich aufzunehmen.

Im Gespräch mit Gott in der Stille erlangen die Formulierungen der liturgischen Gebete eine tiefe persönliche Bedeutung. Hier ist das Beispiel Mariens erhellend. Sie lehrt uns: Um das Fiates geschehe – der Liturgie zu verwirklichen, um es in Dienst zu übersetzen, muss man Zeit damit verbringen, „alle diese Worte im Herzen“ zu erwägen (Lk 2, 19).

Juan Rego


[i] Vgl. «Un estudiante en la Residencia DYA. Briefe von Emiliano Amann an seine Familie (1935-1936)», in: Studia et Documenta, Bd. 2, 2008, p. 343.

[ii] Generalarchiv der Prälatur; 77-5-3.

[iii] Persönliche Aufzeichnungen, Nr. 1590, 26.10.1938, zit. in: Camino. Edición crítico-histórica, Rialp, Madrid, 2004, p. 677.

[iv] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 86.

[v] Franziskus, Apostol. Schreiben Evangelii gaudium, Nr. 274.

[vi] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 85.

[vii] Vgl. Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 88.

[viii] Cuaderno IV, Nr. 416, 26.11.1931, zit. in: Camino. Edición crítico-histórica, Nr. 298.

[ix] Cuaderno V, Nr. 681, 03.04.1932, zit. in: Camino. Edición crítico-histórica, Nr. 297.