DAS TÄGLICHE Leben ist voller Entscheidungen und Gelegenheiten, die unser Leben in eine bestimmte Richtung lenken – einige davon sind von großer Tragweite für unsere Zukunft. Gerade in solchen Momenten ist es umso wichtiger, unsere Überlegungen bewusst in der Gegenwart Gottes anzustellen. Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen (Mt 1,20), so sprach der Engel zu dem jungen Mann, den Gott erwählt hatte. Matthäus berichtet, dass Josef im Gebet über das Geschehene nachdachte, um zu erkennen, wie er nun handeln sollte. Dies lässt ihn, wie Papst Franziskus schreibt, „als respektvollen und feinfühligen Mann erscheinen, der sich, obwohl er nicht alle Informationen hatte, zugunsten des guten Rufs, der Würde und des Lebens Marias entscheidet. Und in seinem Zweifel, wie er am besten agieren soll, hilft ihm Gott mit dem Licht der Gnade.“1
Maria empfing Christus im Glauben, indem sie die Pläne des Herrn annahm und darauf vertraute, dass sich die Worte des Engels erfüllen würden. Dasselbe gilt für Josef: Auch er nahm an, was Gott ihm offenbarte. Er vertraute auf dieses Wort und machte sich den göttlichen Plan zu eigen – nicht nur der Menschheit, sondern auch sich selbst zuliebe. Er erkannte sich als Teil des göttlichen Plans und sah darin ein unaussprechliches Glück und viel Segen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnen wir die Reproduktion eines Kunstwerks als „getreu“, wenn sie dem ursprünglichen Werk entspricht. Gottes Schöpfung hingegen ist lebendig – er tritt in Beziehung zu freien Geschöpfen, die selbst entscheiden können. Die wahre Kunst liegt für uns daher darin, dass wir im Laufe unseres Lebens Gottes Pläne annehmen und darin das Gute für uns selbst und für andere erkennen: ein unaussprechliches Glück und viel Segen.
Josef reift in den gewöhnlichen Umständen des Lebens: in seiner Arbeit, Familie, im Alltag. Dort lernt er, Gottes Geschenke in Empfang zu nehmen und umzusetzen. Diese Haltung ist für alle Christen wesentlich. Bitten wir den heiligen Patriarchen, unseren Blick und unser Herz zu erneuern, damit wir offen bleiben für die Gaben und Pläne Gottes – mit der Frische eines Glaubens, der an den Herausforderungen wächst.
WIR ALLE sind dazu berufen, ein Zuhause zu schaffen, das wie das der Heiligen Familie offene Türen hat – auch für den Willen Gottes. Jemanden aufnehmen heißt, ihn mit Liebe zu empfangen, das Gute zu erkennen und zu fördern, die Initiative zu ergreifen und sich nicht mit der Bequemlichkeit des Gewohnten zu begnügen. Es heißt, für die Bedürfnisse anderer offen zu sein.
Der heilige Josef ist ein gläubiger Mensch, der sich allem voran für die Stimme Gottes öffnet. Er nimmt aber auch das Hell-Dunkel der Geschichte an, in der er steht, sowie alles, was seine Sendung erleichtert oder erschwert. Papst Franziskus sieht darin „jenen christlichen Realismus, der nichts von dem verwirft, was da ist.“2 Die Wirklichkeit, mit all ihren Höhen und Tiefen, ist aus Sicht eines gläubigen Menschen Trägerin eines tieferen Sinns. Deshalb kann der Apostel Paulus sagen: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht (Röm 8,28). Der heilige Augustinus fügt hinzu: „Auch das, was man als böse bezeichnet.“3 Aus dieser Perspektive hat jedes Ereignis, sei es glücklich oder traurig, einen Sinn.
Der heilige Josefmaria betonte oft, dass Josef stets nach den besten Lösungen suchte, um Gottes Pläne zu erfüllen – Pläne, die auch seine eigenen geworden waren. Und so stellt er „seine ganze menschliche Erfahrung in den Dienst des Glaubens.“4 Josef stellt auch keine Bedingungen. Daher ist er wendig und schlägt prompt eine andere Richtung ein, als er auf der Rückreise aus Ägypten hört, dass in Judäa Gefahr droht und er sich daher in Galiläa niederlassen soll.
Auf unserem eigenen Weg, die Sendung zu erfüllen, die Gott uns anvertraut hat, werden wir Erfolge, aber auch Rückschläge erleben. Doch gerade in schwierigen Momenten können wir Gottes Stimme vernehmen – eine Stimme, die uns tröstet, lehrt und erleuchtet. „Das Leben auf diese Weise anzunehmen führt uns zu seinem verborgenen Sinn. Das Leben eines jeden von uns kann auf wundersame Weise neu beginnen, wenn wir den Mut finden, es so zu leben, wie uns das Evangelium sagt. Und dabei spielt keine Rolle, ob jetzt alles schief gelaufen zu sein scheint und manches unumkehrbar ist. Gott kann es zwischen den Felsen blühen lassen“ (Patris corde5).
„SCHAUT EUCH an, in welchem Umfeld Christus geboren wurde“, lädt uns der heilige Josefmaria ein. „Alles verlangt diese bedingungslose Hingabe: Josef – eine Geschichte voller Schicksalsschläge, verbunden mit der Freude, der Beschützer Jesu zu sein – bietet seine Ehre, den geordneten Fortgang seiner Arbeit, seine ruhige Zukunft auf; sein ganzes Leben ist Bereitschaft für das, was Gott von ihm verlangt (...). In Bethlehem hält niemand etwas zurück. Dort hört man weder von meiner Ehre, noch von meiner Zeit, noch von meiner Arbeit, noch von meinen Ideen, noch von meinen Vorlieben, noch von meinem Geld reden. Dort wird alles in den Dienst des großartigen Spiels Gottes mit der Menschheit gestellt.“6
Um die Wirklichkeit und die Mitmenschen wie Josef – das heißt, so wie sie sind – annehmen zu können, müssen wir mehr auf Gott als auf uns selbst vertrauen. So werden wir bereit, von allem und jedem zu lernen, sogar aus unseren Fehlern, denn selbst in ihnen lässt sich ein göttliches Raunen erkennen. Papst Franziskus schreibt: „Das geistliche Leben Josefs weist uns nicht einen Weg, der erklärt, sondern einen Weg, der annimmt. Nur aus dieser Annahme, aus dieser Versöhnung heraus können auch wir (in unserem Leben) eine größere Geschichte und einen tieferen Sinn ahnen.“7
Josef hörte die Ankündigung des Engels und zögerte nicht, sich auf den Weg zu machen – dorthin, wo er es für Jesus am besten hielt. Er haderte nicht mit Maria über ihre Reaktion auf die Botschaft der Empfängnis. Er beklagte er sich nicht über jeden verschlossenen Türbogen, als sie in Bethlehem keine Unterkunft fanden. Und als Herodes eine Bedrohung darstellte, klammerte er sich nicht stur an Bethlehem, sondern nahm die Flucht nach Ägypten auf sich – so ungerecht es auch erscheinen mochte.
„Josef lernte nach und nach, dass die übernatürlichen Pläne eine göttliche Kohärenz besitzen, die manchmal im Widerspruch zu den menschlichen Plänen steht.“8 Wir sollten den herrlichen heiligen Josef um Weisheit bitten, damit auch wir diese göttliche Logik verstehen und die Menschen und Ereignisse als das erkennen, was sie sind: Wege, durch die Gott zu uns spricht.
1 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris Corde, Nr. 4.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.
5 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris corde, Nr. 4.
6 Hl. Josefmaria, Brief vom 14. Februar 1974, Nr. 2.
7 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris corde, Nr. 4.
8 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.