WIR BEFINDEN uns im dritten Jahr des öffentlichen Wirkens des Herrn. Jesus hält sich in Jerusalem auf, wo gerade das Laubhüttenfest gefeiert wird – eines der drei großen Wallfahrtsfeste des jüdischen Volkes. In den Straßen haben die Familien Laubhütten errichtet, mit Zweigen und Stroh bedeckt, zur Erinnerung an Israels Wanderung durch die Wüste nach der Befreiung aus Ägypten. Das Fest dauerte mehrere Tage und markierte das Ende des landwirtschaftlichen Jahres, in der Zeit zwischen September und Oktober. Es war ein Fest des Dankes für die Ernte und zugleich eine Bitte um Gottes Segen für die Zukunft – mit Blick auf den verheißenen Erlöser.
Pilger aus allen Teilen des Landes drängten sich durch die Straßen. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten fürchteten, Jesus könnte in dieser festlichen Atmosphäre als Messias ausgerufen werden. Deshalb sandten sie einige Tempelwächter aus, um ihn festzunehmen. Diese wollten keine Gewalt anwenden, um einen Aufruhr zu vermeiden. Als sie an den Ort kamen, an dem der Herr seine Jünger lehrte, blieben sie daher zunächst am Rand stehen, um das Ende seiner Rede abzuwarten. Ihr Plan war, ihn danach unauffällig festzunehmen, ohne die Menge zu beunruhigen. Doch während sie warteten, hörten sie seine Worte – und sie gingen ihnen zu Herzen. So sehr, dass sie das Vorhaben, zu dem sie ausgesandt worden waren, aufgaben und unverrichteter Dinge zu den Hohenpriestern und Pharisäern zurückkehrten, um ihnen zu berichten. Diese fragten empört: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht? (Joh 7,45). Und die Wächter antworteten nur: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen (Joh 7,46).
Wie unterschiedlich sind diese Menschen! Die Hohenpriester und Schriftgelehrten zeigen sich innerlich verhärtet. Sie wollen Jesus nicht hören und haben ihre Herzen unter einem Berg von Vorurteilen begraben. Die Tempelwächter hingegen sind einfache Menschen. Sie hören den Herrn ohne Vorbehalte reden und sind offen für das, was sie empfangen. Diese scheinbaren Randfiguren des Evangeliums erinnern uns an die Notwendigkeit, das Wort Gottes mit einem schlichten, offenen Herzen zu hören – damit es, einmal angenommen, zum Licht wird, das unser Leben leitet.
HÖRT DOCH auf das, was er euch heute sagt: Verschließt eure Herzen nicht (Ps 95,7-8). Immer wieder lässt die Kirche uns diese Worte des Psalms in der Fastenzeit beten – als Mahnung, dass unsere Herzen sich verhärten können, selbst wenn wir uns schon lange, vielleicht seit vielen Jahren, darum bemühen, christlich zu leben. Die Hohenpriester und Pharisäer konnten in Jesus – der die Wahrheit, das Licht und die Güte selbst ist – nichts Gutes erkennen. Ihre Augen waren nur darauf gerichtet, das zu finden, was sie gegen ihn verwenden konnten.
Wir haben immer eine Wahl: zwischen einem wertenden und einem beschaulichen Blick. Wie wir blicken, so nehmen wir die Realität wahr. Im Gebet können wir uns mit dem Blick verbinden, den Gott einnimmt – einem Blick, der, wie Papst Franziskus sagte, „nicht verurteilt, sondern aufnimmt, umarmt, unterstützt und vergibt“1. Er allein weiß, was in den Herzen der Menschen vorgeht.
Wer sich als Kind eines Gottes versteht, der sein Vater ist und das Böse überwunden hat, kann niemanden hassen und blickt nicht pessimistisch auf die Welt. Glaube und Nächstenliebe drängen uns vielmehr, das Gute zu entdecken, die Schönheit wahrzunehmen, die uns umgibt, und auch – mit Worten des heiligen Josefmaria – „eine positive und offene Haltung gegenüber dem zeitbedingten Strukturwandel in der Gesellschaft und gegenüber veränderten und sich weiterhin verändernden Lebensformen“2 einzunehmen. Das Christentum ist Neuheit, Licht, Heil, Liebe – für jeden Menschen. Unser Glaube ist zudem fähig, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika über das Apostolat schreibt, „das Licht zu erkennen, das der Heilige Geist inmitten der Dunkelheit verbreitet. Er vergisst nicht, dass, wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß geworden ist (Röm 5,20). Unser Glaube ist herausgefordert, den Wein zu erahnen, in den das Wasser verwandelt werden kann, und den Weizen zu entdecken, der inmitten des Unkrauts wächst.“3
DIE TEMPELWÄCHTER verstanden, was Jesus sagte. Und sie erkannten: Sie hörten hier nicht einfach einem weiteren Rabbi zu – sondern jemandem, der größer war und radikal anders. Das Evangelium bezeugt, dass er sie lehrte wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten (Mk 1,22). Die Zeichen, die Jesus tat, und das Beispiel seines Lebens untermauerten seine Lehre. Kein Mensch war je so sehr mit seiner Botschaft identifiziert wie er – denn seine Botschaft war er selbst: die menschgewordene Liebe Gottes, die Versöhnung mit dem Vater, derjenige, der dem Menschen den Menschen offenbart.4
Jesus offenbarte die Wahrheit mit Autorität und innerer Tiefe. Und doch tat er dies auf einfache Weise – in einer Sprache, die dem Alltag seiner Zuhörer entnommen war. Je nach innerer Bereitschaft verstanden die Menschen seine Worte mehr oder weniger gut. Doch eines ist gewiss: Sie berührten ihr Leben. Frauen und Männer mit einem offenen, guten Herzen erkannten darin noch etwas Weiteres: sein Wohlwollen. Sie spürten, dass seine Worte aus dem Herzen kamen – dass er nicht sprach, um Eindruck zu machen oder Beifall zu erlangen, sondern im Geist der Hilfe, des Trostes und der Rettung. In seinen Worten entdeckten sie die Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen.
Auch heute noch – so schrieb der heilige Josefmaria – „verweigert Jesus niemandem sein Wort, und es ist ein Wort, das heilt, das tröstet und das erleuchtet“5. Sooft wir das Evangelium lesen und darüber meditieren, können wir Christus persönlich begegnen – und seine Worte können zum Licht unseres Lebens werden. Wie die Wächter des Tempels können auch wir ausrufen: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen (Joh 7,46). Und Maria, die das Wort Gottes in sich aufgenommen hat, möge uns helfen, unsere Sinne zu öffnen für die Wahrheit und die Wunder des Herrn.
1 Franziskus, Patris corde, Nr. 2.
2 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 428.
3 Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 84.
4 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes, Nr. 22.
5 Hl. Josefmaria, Brief 37, Nr. 10.