DIE NAMENSGEBUNG hatte in den semitischen Kulturen eine immense Bedeutung, da sie die Berufung und Sendung eines Menschen anzeigte. Bei einigen Persönlichkeiten der Heilsgeschichte änderte Gott sogar nachträglich ihre Namen zum Zeichen für ihre besondere Aufgabe: Aus Abram wurde Abraham, der Vater vieler Völker; Jakob erhielt den Namen Israel, nachdem er mit Gott gerungen und gesiegt hatte; und Simon wurde von Jesus Christus selbst Kephas – Petrus – genannt, der Fels, auf dem die Kirche gebaut werden sollte.
In Israel erhielt ein Kind seinen Namen bei der Beschneidung, jenem Moment, in dem es offiziell in die Nachkommenschaft Abrahams aufgenommen wurde. So geschah es auch bei Jesus, acht Tage nach seiner Geburt (vgl. Lk 2,21). Den Namen, den Josef dem Kind geben sollte, hatte ihm ein Engel offenbart: Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen (Mt 1,21). Der Name des fleischgewordenen Wortes bedeutet „Jahwe rettet“ und bringt die erlösende Sendung, die zu erfüllen er gekommen war, genau zum Ausdruck.
Wir feiern heute das Fest zu Ehren des heiligsten Namens des Herrn. Die Antiphon der Messe bringt die Bedeutung dieses Festes wunderbar auf den Punkt: „Vor dem Namen Jesu soll sich jedes Knie beugen, im Himmel, auf Erden und in der Tiefe, und jede Zunge soll verkünden: ,Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters.‘“1
Der heilige Bernhardin von Siena förderte die Verehrung des Namens Jesu sehr und fügte ihn in das „Ave Maria“ ein, das seither eines der meistgesprochenen Gebete der Christenheit ist. Er betonte: „Der Name Jesu ist die Grundlage des Glaubens, durch den wir Kinder Gottes geworden sind. Der Glaube besteht in der Erkenntnis Jesu Christi, der das Licht der Seele, das Tor zum Leben und der Fels des ewigen Heils ist.“2 Im Tagesgebet der Messe bitten wir: „O Gott, der du das Heil des Menschengeschlechts auf die Menschwerdung deines Wortes gegründet hast, schenke deinem Volk die Barmherzigkeit, um die es bittet, damit alle wissen, dass kein anderer Name angerufen werden darf als der deines eingeborenen Sohnes.“3
DEIN NAME ist wie hingegossenes Salböl (Hl 1,3), heißt es im Hohelied über den Bräutigam. Der Name Jesu ist in der Tat wie ein Duft, der das ganze Haus erfüllt. Bernhard von Clairvaux erklärt, dass das Öl drei Eigenschaften besitzt, die sich auf den Namen Jesu anwenden lassen: „Wie das Öl Licht, Nahrung und Medizin ist, so leuchtet der liebliche Name Jesu, wenn er gepredigt wird, so nährt er, wenn er gegessen wird, und so lindert er die Übel, wenn er angerufen wird.“4
Zunächst ist Jesu Name Licht, das in der Dunkelheit erstrahlt, ein Glanz, den wir durch unser Verhalten widerspiegeln wollen. Um dieses Licht zu empfangen, müssen wir die Augen der Seele öffnen und sie durch die Sakramente reinigen. Der heilige Josefmaria ermutigt uns zu beten: Ut videam! – „Lass mich sehen!“ Wenn wir mit reinem Blick leben, können wir das Leben anderer erhellen.
Dann ist Jesu Name auch Nahrung für die Seele. Wenn wir ihn aussprechen, erfüllt er unsere Herzen mit Freude. „Es vergrämt mir das Lesen, wenn ich den Namen Jesu nicht lese“, fährt der heilige Bernhard fort. „Das Reden missfällt mir, wenn es nicht von Jesus spricht. Jesus ist Honig im Mund, Melodie im Ohr, Freude im Herzen.“5
Und schließlich ist sein kostbarer Name Medizin für unsere Schwäche. Der Kirchenlehrer erklärt: „Nichts ist besser geeignet, den Zorn zu bremsen, den Hochmut zu zügeln, die Wunden des Neides zu heilen, die Anfälle der Begierde zu bändigen, das Feuer der Begehrlichkeit zu löschen, den Durst des Geizes zu stillen und alle ungeordneten Begierden zu bannen.“6 Anlässlich des heutigen Festes wollen wir den Heiligen Geist bitten, dieses heilige Öl in unsere Herzen, auf unsere Lippen und in unsere Werke zu gießen. So schließen wir uns dem Psalmisten an, der bewundernd ausruft: Herr, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde! (Ps 8,2).
WAS IHR den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr noch um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist (Joh 16,23-24). Mit diesen ermutigenden Worten stärkte der Herr seine Apostel am Vorabend seines Leidens. Im Vertrauen auf diese Verheißung möchten wir den heiligen Namen des Herrn häufig anrufen, so wie es laut der heiligen Teresa der Apostel Paulus tat: „Schauen wir auf den glorreichen Paulus, von dessen Lippen Jesus niemals gewichen zu sein scheint, da er ihn im Herzen trug.“7
Ein wunderbares Stoßgebet lehrte uns der heilige Josefmaria: Iesu, Iesu, esto mihi semper Iesus! „Jesus, Jesus, sei für mich immer Jesus.“ Wenn wir es oft wiederholen, werden wir über seine Wirkung staunen, besonders wenn wir uns traurig, besorgt oder müde fühlen. „Ich nenne ihn Jesus, ohne Angst, wenn ich allein mit ihm bin“8, sagte der Gründer des Opus Dei. Es ist unsere Aufgabe – die Aufgabe der gewöhnlichen Christen – den „Duft“ dieses Namens um uns herum zu verbreiten.
Der heilige Bernhardin fuhr fort:„Dieser Name muss verkündet werden, damit er leuchtet und nicht verschwiegen wird. Aber er darf nicht mit einem unreinen oder befleckten Mund ausgesprochen werden. Er muss in einem erlesenen Gefäß aufbewahrt und aus ihm heraus verkündet werden.“9 Das königliche Priestertum (vgl. 1 Petr 2,9) – das göttliche Siegel der Taufe und Firmung – befähigt uns, so sagte der selige Álvaro del Portillo, „den Namen Christi an alle Orte zu tragen, an denen Menschen arbeiten und leben. Aber vergesst nicht, dass das Apostolat, wenn es wirklich wirksam sein soll, auf einer tiefen, gewohnheitsmäßigen, täglichen Vereinigung mit Jesus Christus, unserem Herrn, beruhen muss.“10 Mit welcher Betonung und Zärtlichkeit wird der Name Jesu auf den Lippen seiner Mutter und des heiligen Josef erklungen sein! Wir bitten sie vertrauensvoll, uns an seinen gesegneten Namen zu erinnern, damit er stets in unserem Herzen widerhalle.
1 Messe vom Heiligsten Namen Jesu, Eröffnungsvers.
2 Hl. Bernhardin von Siena, Predigt 49, Über den glorreichen Namen Jesu Christi, Kap. 1.
3 Messe vom Heiligsten Namen Jesu, Tagesgebet.
4 Hl. Bernhard, Predigt 15, Über das Hohelied, II, Nr. 4.
5 Hl. Bernhard, Predigt 15, Über das Hohelied, III, Nr. 6.
6 Ebd.
7 Hl. Teresa, Buch ihres Lebens, Kap. 22.
8 Hl. Josefmaria, Notizen aus einer Betrachtung, 13.4.1954.
9 Hl. Bernhardin von Siena, Predigt 49, Über den glorreichen Namen Jesu Christi, Kap. 2.
10 Sel. Álvaro del Portillo, Hirtenbrief, 1.4.1985.