RICHTET NICHT, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden (Mt 7,1). Mit diesen Worten warnt uns Jesus vor der Versuchung, uns anzumaßen, das Verhalten unserer Mitmenschen auf bloßen Verdacht hin zu beurteilen oder darüber sogar ein Gerede zu beginnen. Der Herr ist gekommen ist, um unsere Herzen zu erneuern. Daher sollte der Blick, mit dem wir unsere Mitmenschen betrachten, auch eine Bekehrung erfahren. Jesus empfiehlt, zuerst auf uns selbst zu schauen, bevor wir Überlegungen über andere anstellen.
Der heilige Thomas von Aquin gibt drei Gründe an für Verurteilungen auf Basis leichter Anzeichen: Erstens, weil jemand selbst böse ist und somit leicht annimmt, dass auch anderer Böses tun; zweitens, weil jemand eine Abneigung gegen jemand anderen hat und daher gerne das Schlechte vom anderen glaubt, das er glauben will; drittens, weil einer oft negative Erfahrungen gemacht hat. Leichtfertige Urteile kommen also nicht aus dem Nichts. Wir müssen ihrem Entstehen durch ein reines Herz vorbeugen. „Verdächtigungen können wir nicht meiden“, sagt der heilige Augustinus (tract. 90. in Joan.), doch der heilige Chrysostomus beharrt: „Der Herr verbietet durch dieses Gebot nicht, andere aus Wohlwollen zu bessern; aber er will nicht, dass man aus Anmaßung und auf bloßen Verdacht hin über andere urteilt.“1
Unsere Sicht auf andere wird immer begrenzt sein: Nur Gott kennt die Herzen und kann die wahren Umstände von Ereignissen bewerten. Er ist jedoch immer verständnisvoll und bereit zu verzeihen. Wer aber bist du, dass du über deinen Nächsten richtest? (Jak 4,12), schreibt der Apostel Jakobus an die ersten Christengemeinden. Wir wollen um ein Herz bitten, das mit dem Herzen Jesu in Gleichklang schlägt, damit wir die Tugenden und Unvollkommenheiten unserer Mitmenschen mit jener Liebe und jenem Erbarmen betrachten, die er den unsrigen entgegenbringt.
WARUM SIEHST du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? (Mt 7,3). Wenn wir die Erfahrung unserer eigenen Verfehlungen im Angesicht Gottes erwägen, muss uns das verständnisvoll für die anderen machen. Es geht nicht nur um ein Übersehen ihrer Fehler. Manchmal können wir unsere Hilfe zu ihrer Änderung oder Besserung durch die brüderliche Zurechtweisung anbieten. Eine Änderung lässt sich aber einerseits nicht von einem Tag auf den anderen erreichen, und andererseits kann es oft einfach eine Eigenart des anderen sein, die für seinen Weg der Heiligkeit auch kein relevantes Hindernis darstellt. Wenn wir uns dessen bewusst sind, dass auch wir Fehler oder persönliche Eigenheiten haben, die nicht jedem gefallen, führt uns das dazu, die Mitmenschen verständnisvoller zu betrachten. „Die Liebe besteht mehr im Verstehen als im Geben“, schreibt der heilige Josefmaria. „Deshalb suche immer nach einer Entschuldigung für deinen Nächsten, wenn du die Pflicht hast zu urteilen. Es gibt immer eine Entschuldigung.“2
Papst Franziskus sagte einmal: „Wenn wir es nicht fertigbringen, unsere Fehler zu sehen, werden wir immer dazu neigen, die Fehler der anderen aufzubauschen. Wenn wir hingegen unsere Fehler und unsere Schwächen erkennen, öffnet sich uns die Tür der Barmherzigkeit.“3 Der Blick Gottes richtet sich nicht nur auf unsere Fehler, sondern auf alles, was er an unseren Wünschen, Gutes zu tun, finden kann: Er rettet den Menschen immer, und noch mehr, wenn er zu seinen Kindern zählt. Eine solche Sichtweise können wir im Gebet entwickeln. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund (Lk 6, 45). Wenn wir ein reines Herz erlangen, ohne Falsch und frei von Redereien, werden wir das Gute an den anderen entdecken und dem Schlechten keine übermäßige Bedeutung beimessen. Der heilige Josefmaria machte sich einmal folgende Vorsätze: „1/ Bevor ich ein Gespräch beginne oder einen Besuch mache, werde ich mein Herz zu Gott erheben. 2/ Ich werde nicht hartnäckig auf etwas bestehen, auch dann nicht, wenn ich im Recht bin. Nur wenn es der Ehre Gottes dient, werde ich meine Meinung sagen, aber ohne zu verletzen. 3/ Ich werde keine negative Kritik äußern: wenn ich nicht loben kann, dann werde ich schweigen.“4
DAS LEBEN des Christen nährt sich aus der persönlichen Beziehung zu Gott und den anderen und findet darin seine Erfüllung. Das Substantielle an dieser Beziehung ist die Liebe: Durch sie entstehen Freundschaft, Familienleben, soziale Strukturen und alle Arten von Beziehungen. Wie Papst Benedikt XVI. sagte, ist die Liebe für die Kirche alles, „denn, wie uns der heilige Johannes lehrt (vgl. 1 Joh 4, 8.16) (...): Aus der Liebe Gottes geht alles hervor, durch sie nimmt alles Gestalt an, und alles strebt ihr zu.Die Liebe ist das größte Geschenk, das Gott den Menschen gemacht hat, sie ist seine Verheißung und unsere Hoffnung.“5
Kurz vor seinem Leiden wollte uns Jesus ein neues Gebot hinterlassen: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben (Joh 13,34). Und damit wir ein Bild von diesem Weg zum Glück bekämen, zeigte er es uns gleich durch sein eigenes Tun, indem er den Jüngern die Füße wusch. Der Prälat des Werkes schrieb: „Wir wissen nur allzu gut, dass Gott zu finden und Gott zu lieben unmittelbar zur Liebe und zum Dienst an den anderen führt. Beide Gebote der Liebe sind nicht voneinander zu trennen.“6
Uns Christen sind zahlreiche Heilige vorausgegangen, die sich den Werken der Liebe gewidmet haben, auch im gewöhnlichen Leben: das sehen wir, wie Papst Franziskus sagte, an „den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, an den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln“7. Die Werke der geistigen Barmherzigkeit bestehen im Lehren, Raten, Korrigieren, Verzeihen, Trösten … Maria ist die erste, die uns auf diese Weise begegnet. Als gute Mutter kann sie uns helfen, unseren Mitmenschen mit Liebe und Verständnis zu begegnen.
1 Vgl. hl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II, q. 60, a. 3. a und b.
2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 463.
3 Franziskus, Audienz, 27.2.2022.
4 Hl. Josefmaria, Persönliche Aufzeichnungen, Nr. 399, 18.11.1931.
5 Benedikt XVI, Caritas in veritate, Nr. 2.
6 Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 19.3.22, Nr. 9.
7 Franziskus, Gaudete et exsultate, Nr. 7.