DIE Apostelgeschichte berichtet, dass sich die Jünger wenige Tage nach der Auferstehung versammelten, um einen Ersatz für Judas zu wählen. Etwa 120 Männer und Frauen waren es – der Kern jener, die beim Herrn verblieben waren. Petrus sagte: Es ist nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein (Apg 1, 21-22). Im gemeinsamen Gebet baten sie Gott, seinen Willen zu zeigen. Dann warfen sie das Los zwischen zwei Kandidaten. So wurde Matthias in den Kreis der Zwölf aufgenommen.
Für unsere Maßstäbe wirkt dieses Zufallsverfahren sehr schlicht. Und doch liegt darin ein tiefer geistlicher Realismus: Berufung ist kein Karriereweg, sondern Geschenk. Matthias hatte Jesus lange begleitet; Voraussetzung war, dass er das Leben des Herrn von der Taufe im Jordan bis zur Himmelfahrt miterlebt hatte (vgl. Apg 1,22). Sicher hatte er nie damit gerechnet, eines Tages zu den Zwölf zu gehören. Erst dank des Gebetes und des Losentscheides erkennt er: Christus hat eine konkrete Sendung für ihn.
Der heilige Josefmaria beschrieb die Berufung als „eine neue Sichtweise des Lebens“, als ein inneres Licht, als einen geheimnisvollen Impuls, der zu einer Neuausrichtung des ganzen Lebens drängt. „Jesus dringt mit einem Akt der Autorität in die Seele ein: Das ist der Ruf.“1 Dieser verleiht der Arbeit einen missionarischen Sinn und dem Dasein einen neuen Wert. Genau das dürfte Matthias an jenem Tag erfahren haben.
„WIR HABEN diese Gabe als Bestimmung erhalten: die Freundschaft des Herrn“2, sagte Papst Franziskus. Christsein bedeutet zunächst nicht Aufgabe, sondern Nähe – Zugang zum Herzen Jesu. Diese Freundschaft ist das eigentliche Fundament jeder Berufung. Darum erstaunt es nicht, dass für die Wahl des neuen Apostels vor allem eines zählte: die Vertrautheit mit Christus. Wer ihn kennt, kann ihn bezeugen. Wer seine Worte und Taten nicht als Vergangenheit betrachtet, sondern als lebendige Gegenwart, wird fähig, ihn weiterzugeben. Benedikt XVI. erinnerte daran, dass Paulus Jesus nicht als geschichtliche Figur sah, sondern als den Lebendigen, der heute spricht und handelt.3
Es versteht sich so auch der Schmerz des heiligen Josefmaria über jene, die Christus noch nicht kennen. Wie Blinde laufen sie einer namenlosen Sehnsucht hinterher, wie Verirrte geraten sie auf Abwege, die sie vom echten Glück immer weiter wegführen.4 Jedes irdische Glück, so könnte man sagen, ist ein Funke, der auf Christus verweist. Doch erst in der Freundschaft mit Jesus findet das Herz endgültige Ruhe.
In unserem Bestreben, Christus noch besser kennenzulernen, können wir den Apostel Matthias um seine Fürsprache bitten. Er kann uns helfen, dass die Taten und Worte des Herrn, die er seit seiner Taufe durch Johannes bis zu seiner Auferstehung kannte, auch für uns lebendige Wirklichkeit werden.
BEMERKENSWERT ist auch der Rahmen der Wahl: Die erste „Nachwahl“ der Kirche geschieht im Gebet und in geschwisterlicher Einmütigkeit. Benedikt XVI. betonte, dass eine vereinte und betende Kirche sich nicht um ihre Zukunft sorgen müsse. Der Herr selbst führt sie.5 Nichts und niemand kann gegen sie etwas ausrichten. Das schenkt uns Frieden und Zuversicht – damals wie heute.
Über die Wahl des Matthias herrschte große Freude – bei ihm selbst und bei allen, die dabei waren. Auch Josef, genannt Barsabbas, der andere Kandidat, blieb ein treuer Jünger. Nicht berufen zu werden, heißt nicht, weniger geliebt, weniger wertvoll oder ein weniger guter Christ zu sein. Gott ruft jeden auf seinen eigenen Weg. Sowohl Matthias als auch Josef haben Glück, weil sie ihr Leben auf die Gewissheit gründen, dass der Herr immer an ihrer Seite ist. Und auf die Eingebungen Gottes mit Ja zu antworten, sie dankbar anzunehmen, ist stets eine Quelle des Friedens. Was zählt, ist die Heiligkeit eines jeden in seinen Umständen und mit seiner Art, dort, wo er ist.
Matthias machte sich – wie die anderen Apostel – unmittelbar an die Arbeit. Papst Franziskus kommentiert: „Warum sofort? Einfach weil sie sich angezogen fühlten. Sie waren nicht deswegen schnell bereit, weil sie einen Befehl erhielten, sondern weil sie von der Liebe angezogen wurden. Um Jesus nachzufolgen, reichen nicht die guten Zusagen; vielmehr muss man jeden Tag auf seinen Ruf hören. Nur er, der uns kennt und bis zum Äußersten liebt, lässt uns auf die offene See des Lebens hinausfahren.“6 Und dieses Meer wartet bis heute auf Christen, die – begleitet von Maria, der Stella Maris – die Freude des Auferstandenen weitertragen.
1 Hl. Josefmaria, Brief 3, n. 9.
2 Franziskus, Predigt, 14.5.2018.
3 Benedikt XVI., Audienz, 8.10.2008.
4 Vgl. hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 163.
5 Benedikt XVI., Predigt in einer Primiz 1973. Recogida en Enseñar y aprender el amor de Dios.
6 Franziskus, Predigt am Sonntag des Wortes Gottes, 26.1.2020.

