Zum Palmsonntag

eine Betrachtung von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr
Opus Dei - Zum PalmsonntagDer Einzug in Jerusalem

Der Palmsonntag ist das Tor zum heiligen Geschehen der Karwoche. Der Herr „ging nach Jerusalem hinauf“ (Lk 19,28). Dieses Wort beschreibt zunächst die geographische Realität: Jerusalem liegt 760 Meter über dem Meeresspiegel. Aber an diesem Sonntag birgt der sachliche Ausdruck zudem das Geheimnis des Kommenden: „Letztes Ziel dieses ‚Aufstiegs' Jesu ist seine Hingabe am Kreuz, die die alten Opfer ablöst; es ist der Aufstieg, den der Hebräer-Brief schildert als Hinaufgehen zu dem nicht mehr von Menschenhand gemachten Zelt, das heißt in den Himmel selbst, vor Gottes Angesicht. (9,24) Dieser Aufstieg vor Gottes eigenes Angesicht führt über das Kreuz.“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth II, S.16)

Früh morgens bricht Jesus von Betanien auf. Das Dorf liegt an der Ostseite des Ölberges, etwa zwei Kilometer von Jerusalem entfernt. Ganze Züge von Pilgern sind unterwegs in die Heilige Stadt, um das Paschafest zu feiern. Jesus wird immer mehr zu Mitte des Pilgerstromes. Anders als andere Male, da er floh, als er merkte, dass sie ihm zum König machen wollten (vgl Joh 6, 14-15), nimmt er aktiv am Geschehen teil.

Seine Gesten und Taten geben dem Einzug der Pilger, der Jahr für Jahr um diese Zeit sich wiederholt, eine neue Färbung: die messianische. Er lässt vom nahe gelegenen Dorf Betfage einen Esel holen „auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat“ (Lk 19,30). Sogar in dieser Einzelheit des Abholens „ist das Motiv des Königtums und seiner Verheißungen anwesend. Jesus nimmt das in der ganzen Antike bekannte Königsrecht der Requisition von Transportmitteln in Anspruch. Auch dass es sich um ein Tier handelt, auf dem noch niemand gesessen hat, verweist auf königliches Recht.“ (S. 18)

Papst Benedikt schildert das Geschehen weiter: „Der Esel wird zu Jesus gebracht, und nun geschieht etwas Unerwartetes: Die Jünger legen ihre Kleider auf den Esel (...) Die Pilger, die mit Jesus nach Jerusalem gekommen sind, lassen sich von der Begeisterung der Jünger anstecken; sie breiten nun ihre Kleider auf der Straße aus, auf der Jesus einzieht. Sie reißen Zweige von den Bäumen und rufen Worte des Psalms 118, Gebetsworte der Pilgerliturgie Israels, die in ihrem Mund zu einer messianischen Proklamation werden: ‚Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, da nun kommt! Hosanna in der Höhe!“ (S. 20)

Viele Pilger kennen die prophetische Ankündigung vom König der „demütig ist und reitet auf einem Esel“ (vgl. Sach 9,9). Auch der Jubelgesang des Volkes trägt messianische Züge. Jesus nimmt die Huldigung an und entgegnet den Pharisäern, die die gläubige, freudige Manifestation zu ersticken suchen: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien (Lk 19, 40 vgl. Hab 2,11).

Der festliche Zug hat die höchste Stelle des Ölbergs überschritten und kam nun die westliche Seite des Hügels herab. Die ganze Stadt liegt nun im Blickfeld des Herrn. Und Jesus weint... Er sieht Tage über die heilige Stadt hereinbrechen, die Not und Zerstörung bringen werden. „Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen“ (Lk 19, 41-42).

Etwas von dieser Distanz ahnen wir bei Matthäus: „Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagen: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa“ (21, 10f). Benedikt XVI. kommentiert diese Stelle im Blick auf das, was sich in den nächsten Tagen ereignen wird: „Von dem Propheten aus Nazareth hatte man irgendwie gehört, aber er schien Jerusalem nichts anzugehen, man kannte ihn nicht. Die Menge, die Jesus am Stadtrand huldigte, ist nicht dieselbe Menge, die seine Kreuzigung forderte. In dieser doppelten Nachricht vom Nichterkennen Jesu, das Gleichgültigkeit und Erschrecken zugleich ist, deutet sich schon etwas von der Tragödie der Stadt an, die Jesus mehrmals, am schärfsten in seiner eschatologischen Rede, angekündigt hat.“ (S. 23) – Dies mag uns einstimmen auf die Lektüre der Passionsgeschichte in der Messe dieses Palmsonntags.