Umbrüche und Glaubensverlust in Europa: Päpstliche Universität stellt sich der Herausforderung

Im Gespräch mit Prof. Dr. Luis Romera, dem Rektor der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom.

Die Päpstliche Universität vom Heiligen Kreuz besteht seit 25 Jahren. Sie verdankt ihre Entstehung dem heiligen Josefmaria Escrivá, dem Gründer des Opus Dei. Er wünschte eine universal ausgerichtete, wissenschaftliche Einrichtung von Rang, an der Theologie, Philosophie und Kirchenrecht vermittelt werden. Inzwischen ist der Fachbereich Kommunikation hinzugekommen. Welche Bilanz ziehen Sie mit Blick auf die vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte?

Romera: In der Tat entstand die Universität auf Initiative des heiligen Josefmaria Escrivá. Aber auch sein Nachfolger, Bischof Alvaro del Portillo, und der selige Papst Johannes Paul II. hatten einen Anteil daran. Das Treffen des Papstes mit dem akademischen Senat im Jahr 1999 ist mir noch in lebhafter Erinnerung, bei dem er uns sein volles Vertrauen hinsichtlich Lehrtätigkeit und Forschung aussprach. Kardinal Ratzinger kam ebenfalls zu uns. 25 Jahre sind für eine Universität nichts, aber Gott sei Dank haben wir mit 1500 inzwischen eine große Zahl an Studenten. Den größten Anteil der Studierenden machen Priester und Priesteramtskandidaten aus. Zwanzig Prozent der Studenten sind Frauen. Charakteristisch für unsere Universität ist die starke Internationalität sowohl des Lehrkörpers, als auch bei den Studierenden. Auf diese Weise ist ein Schauen «über den Tellerrand hinaus» leicht möglich: Wir ermöglichen gelebte Katholizität. Was Deutschland betrifft, so haben Bischöfe schon einmal einzelne ihrer Seminaristen zu uns zum Studium geschickt. Ferner gab es deutsche Priester, die bei uns promoviert haben, wie der neue Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki.

Wir sind Zeugen erheblicher Umbrüche. Europa vergreist. Der christliche Glaube schwindet. Enormer Wohlstand paart sich mit wachsender Orientierungslosigkeit. Hat das Konsequenzen für Forschung und Lehre an einer Päpstlichen Hochschule?

Romera: Es ist ohne Zweifel richtig, dass die Länder, welche zu den am meisten entwickelten zählen, von einem Säkularisierungsprozess sondergleichen befallen sind. Aber es ist genauso zutreffend, dass in ihnen Religiosität zunimmt, ja vielfach auch das Interesse für Religion und Glaubensvollzug wiederentdeckt wird. Es wird zunehmend wieder verstanden, dass Wissenschaft und Technologie-know-how zwar zum Wachsen des Wohlbefindens entscheidend beitragen, aber die drängenden existentiellen Fragen unbeantwortet lassen. Die Kultur von heute lässt nicht selten die großen Fragen der Menschheit außen vor. Zu ihnen zählen vor allem die ethischen Themen und besonders die Fragen der Bioethik. Doch über kurz oder lang stellt sich jeder Mensch diese Fragen des Lebens. Und der christliche Glaube ist es, der letztendlich Antworten darauf weiß. Benedikt XVI. wird nicht müde, die Bedeutung der Rechristianisierung deutlich zu machen, die jedem Gläubigen ein wirkliches Anliegen sein sollte, das er mit Verantwortung angeht. Anteil an dieser Aufgabenbewältigung haben natürlich die Universitäten. Sie sind es, die auf eine verständliche Art und Weise deutlich zu machen haben, warum es gut und richtig ist, Kultur und Gesellschaft von heute wieder christlich zu machen. Der Glaube an Jesus Christus erhellt das Warum und Wofür der menschlichen Existenz. Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich, ja mehr noch: So verstandener Glaube hat für den Menschen existentielle Bedeutung. 

Die Einheit der Christen ist für Papst Benedikt XVI. ein Thema ersten Ranges. Durch seinen Besuch im Herbst erhoffen sich viele Christen Impulse für die Ökumene. Welche Wege sind aus Ihrer Sicht denkbar?

Romera: Der Ökumenismus ist ein Thema, das beim II. Vatikanischen Konzil von eminenter Bedeutung war und das Pontifikat Johannes Pauls II. geprägt hat. Das ist bei Benedikt XVI. nicht anders. Die Einheit ist eine Gabe des Heiligen Geistes, um die Jesus Christus seinen Vater inständig bat. Von uns Christen wird in erster Linie ein Geist der Brüderlichkeit verlangt, der Vorurteile überwindet und die geistlichen Reichtümer der Anderen wertschätzt. Ökumene stützt sich auf das Gebet und sucht den Dialog, bei dem die Wahrheit, die Jesus Christus uns geoffenbart hat, angestrebt wird. Die Päpstlichen Universitäten haben gerade im letztgenannten Punkt eine besondere Verpflichtung zur Unterstützung dieses Dialogs. 

Papst Benedikt wird am 22. September vor dem Deutschen Bundestag sprechen, dabei aber wohl nicht nur Applaus erhalten, da er wiederholt auf die Gefährdungen unserer Zeit hingewiesen hat, Relativismus, Einschränkungen beim Lebensschutz, Missachtung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Stehen Katholiken, die den Glauben zu leben suchen, im Widerspruch zur modernen Gesellschaft?

Romera: Die großen Errungenschaften bzw. Werte der modernen Gesellschaft – Menschenwürde, Freiheit, gegenseitiger Respekt voreinander, Dialogbereitschaft und Solidarität, um nur einige zu nennen –, haben christliche Wurzeln. Deshalb fühlen wir Christen uns zu Hause in unserem heutigen Europa. Allerdings sind einige der fundamentalen menschlichen Werte, die aus dem Christentum heraus gekommen sind, verloren gegangen. Eine der größten Herausforderungen, denen wir uns aktuell gegenüber sehen, ist die Wiedererlangung dieser genuin christlichen Werte, die jedoch für alle Menschen, nicht nur für die Christen, von Bedeutung sind. Vielfach werden sie allerdings als «unbequem», ja «überholt» angesehen. Doch vergessen wir nicht, dass ihr nachhaltiger Verlust für unsere Zivilisation einen Rückschritt bedeutet. Dagegen muss etwas getan werden; die Universität ist auch hier an vorderster Front gefragt mitzuhelfen. 

Gerade viele junge Menschen bewegt neben dem Papstbesuch in unserem Land der bevorstehende Weltjugendtag in Madrid. Wie wird das Ereignis an Ihrer Hochschule wahrgenommen, wo ja viele junge Menschen studieren?

Romera: Ich bin davon überzeugt, dass wir – sowohl beim Weltjugendtag in Madrid, als auch beim Deutschlandbesuch des Papstes im September – erneut erleben werden, dass die jungen Menschen die Hoffnung erkennen, die in Jesus Christus liegt, den der heilige Vater zu verkünden nicht müde wird. Bei beiden «events» werden die Menschen erleben, welche Freude es bedeutet zu glauben und ein Leben zu führen, das nicht kleinlich und egoistisch nur auf seine Rechte pocht, sondern sich an die Anderen verschenkt. Den Sinn des Lebens, der im Glauben an Jesus Christus besteht, entdeckt zu haben, ist etwas so Großes, mit dem man nicht hinter dem Berg hält. Es lohnt sich, es zu bezeugen und so zu leben, dass die Christusnachfolge echt ist, auch wenn das manchmal nicht einfach ist. Viele werden an der Seite des Heiligen Vaters ihre Berufung entdecken oder in ihrer Berufung gestärkt werden… und das ist eine wirklich große Sache! Das spüren natürlich auch die jungen Menschen, die bei uns studieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch.