Predigt des Kölner Generalvikars Dr. Dominik Schwaderlapp zum Gedenktag des hl. Josefmaria Escriva

"Suchen wir nach den Gelegenheiten und Wegen, die Menschen unserer Tage, mit denen wir konkret zusammenleben und arbeiten, mit Christus in Berührung zu bringen".

I.

Liebe Schwestern und Brüder,

"Fahr hinaus auf den See!" (Lk 5,4). Dieser Ruf des Herrn ergeht nicht nur an Petrus vor zweitausend Jahren. Der Ruf des Herrn ergeht an jeden einzelnen von uns. Und was dieser Ruf konkret bedeutet, das ist bei jedem anders. Jeder von uns hat eine einmalige, unverwechselbare Berufung. Doch so unterschiedlich auch unsere Berufungen sein mögen, sie haben eines gemeinsam: Es geht darum, dort, wo wir leben, das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen. Es geht darum, dort, wo wir leben, an der Sendung der Kirche mitzuwirken, das Evangelium zu allen Geschöpfen zu bringen (vgl. Mk 16,15).

Der heilige Josefmaria erlebte in besonderer Weise den Ruf des Herrn. Der Herr wollte ihn nicht nur zum Priester haben, er wollte mehr von ihm. Einige Zeit rang der junge Priester Josefmaria um die Frage, was Christus von ihm erwartete. Immer wieder betete er um Klarheit und darum, dass sich das verwirkliche, was der Herr von ihm erwartet.

Das Ergebnis kennen Sie besser als ich: die Prälatur Opus Dei, die den Menschen helfen will, im alltäglichen Leben und Arbeiten Christus nachzufolgen und ihn zu bezeugen, apostolisch zu wirken und das Evangelium umzusetzen, in Wort und Tat. Die Botschaft des Heiligen: Es geht nicht darum, außergewöhnliche Dinge zu vollbringen, sondern die gewöhnlichen Dinge des Alltags in außergewöhnlicher Weise. Es geht darum, jeden Augenblick in eine Gelegenheit zu verwandeln, Gott und den Nächsten zu lieben.

Durch Selig- und Heiligsprechung von Josefmaria Escriva hat die Kirche den Gründer des Opus Dei und sein Charisma in gewisser Weise der ganzen Kirche geschenkt. Er gehört nun nicht mehr nur dem Opus Dei, sondern der gesamten Weltkirche. Durch Selig- und Heiligsprechung wird deutlich, das Charisma dieses Heiligen ist wichtig und bedeutsam für die gesamte Kirche.

Unter den vielen Elementen seines Lehrens und Handelns möchte ich drei, in meinen Augen für die ganze Kirche sehr wichtige Anliegen, herausgreifen und mit Ihnen ein wenig bedenken.

II.

1. Die lebendige Sorge um jeden einzelnen Menschen

Immer wieder betont der heilige Josefmaria in seinen Betrachtungen die unendliche Würde und Bedeutung jedes einzelnen Menschen, wenn er sagt: "Jede Seele ist das gesamte Blut Christi wert." Das heißt, Menschwerdung, Leiden, Tod und Auferstehung hätte Christus auch dann auf sich genommen, wenn es nur um einen einzelnen Menschen gegangen wäre. Die Liebe des Gottessohnes bis zur Vollendung (vgl. 4. Eucharistisches Hochgebet) trifft jeden einzelnen in vollem Umfang. Im Himmel wird "mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren", sagt der Herr im Evangelium (Lk 15,7).

Die lebendige Sorge um jeden einzelnen, sie ist ein großes Anliegen in der Verkündigung des heiligen Josefmaria, und sie prägt auch das Wirken des Opus Dei.

Ich habe das selbst sehr hautnah erlebt. Dr. Becker bot zum Beispiel für Priesteramtskandidaten während meiner Studienzeit einmal Exerzitien an. Außer mir meldete sich dazu nur noch ein Kommilitone an. Es war eine Tagungsstätte im Schwarzwald dafür gebucht. Mein Kompagnon, der sich ebenfalls angemeldet hatte, konnte allerdings erst einen Tag später kommen. Dennoch wurden die Besinnungstage nicht abgesagt. Ich sehe noch heute vor mir, wie Dr. Becker mit Inbrunst seine Betrachtungen hält, als wäre die Kapelle voller Menschen. Dabei saß nur ich dort ein wenig verschämt und verlegen. Und nicht nur dort, immer wieder habe ich in vielen Begegnungen mit Priestern und Laien im Opus Dei diese lebendige Sorge um den einzelnen gespürt.

Liebe Schwestern und Brüder, ein Kennzeichen von Ideologien ist es, dass sie sich auf die Masse beziehen. In Menschen verachtender Weise geschah dies in Kommunismus und Nationalsozialismus. Der einzelne zählt nichts, die Gemeinschaft alles. Die Persönlichkeit geht auf in der anonymen Masse. Diesem totalitären Kollektivismus setzt die Kirche den christlichen Personalismus entgegen. Jede einzelne Seele ist das gesamte Blut Christi wert. Von daher kann uns das Schicksal unserer Mitmenschen, ob in Familie, Beruf oder Freundeskreis nicht egal sein. Es ist unsere Sendung, sich um sie zu sorgen, ihnen Brücken zu bauen, über die sie Christus entgegengehen können – in großem Respekt vor der Freiheit eines jeden Menschen, aber auch mit der festen Überzeugung, dass Christus allein Heil und Leben schenken kann.

Die lebendige Sorge um jeden einzelnen Menschen, ein erster wichtiger Gesichtspunkt im Wirken des heiligen Josefmaria Escriva.

2. Die treue Verbundenheit mit Papst und Kirche

An den täglichen Rosenkranz hängen die Mitglieder des Opus Dei immer noch eine besondere Fürbitte für die Person und die Anliegen des Papstes sowie eine weitere für den Bischof der Diözese, in der sie sich gerade befinden. In diesem alltäglichen und selbstverständlichen Gebet wird eine ganze Lebens- und Glaubenshaltung sichtbar. Sehr früh mühte sich der heilige Josefmaria Escriva, das Zentrum Opus Dei von Spanien nach Rom zu verlegen. Er wollte im Herzen der Kirche, nahe dem Heiligen Vater sein. Denn er wusste, dass sein Werk nur dann Bestand haben würde, wenn es in lebendiger Verbundenheit und in Treue zum Papst seinen Ort hat. Die Treue zum Papst, sie schlägt sich im Opus Dei nicht nur im Gebet für ihn nieder. Die Dokumente des kirchlichen Lehramtes werden studiert, finden Eingang in die Betrachtungen und fließen so in die lebendige Verkündigung ein. Pilgerfahrten nach Rom gehören zum festen Repertoire der geistlichen Übungen.

In einer Selbstverständlichkeit schlägt sich hier die katholische Überzeugung nieder, dass der Papst der von Gott berufene Nachfolger des Apostels Petrus ist, dem der Herr gesagt hat: "Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen" (Mt 16,18). Verbundenheit und Treue zum Papst, liebe Schwestern und Brüder, ist ein Akt des Glaubens, ist ein Akt des Vertrauens darauf, dass Gottes Kraft und Gnade stärker sind als menschliche Schwäche. Verbundenheit und Treue zum Papst bezeugen in lebendiger Weise den Glauben an das Evangelium, in dem der Herr dem Petrus den Auftrag gibt: "Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!" (Joh 21,15.16).

Und, liebe Schwestern und Brüder, war dies nicht in den letzten Monaten geradezu sinnenfällig spürbar? Wir alle kennen doch Kardinal Ratzinger von Büchern, vom Fernsehen oder Begegnungen. Doch als er am 19. April auf die Loggia des Petersdomes trat und als Papst Benedikt XVI. den Segen "Urbi et orbi" spendete, war er in gewissem Sinne ein anderer geworden. Von diesem Zeitpunkt an war er nun nicht mehr einer von vielen Kardinälen, sondern der Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi, von Gott zu diesem Amt auserwählt und bevollmächtigt.

In Deutschland ist seit langem ein antirömischer Affekt zu Hause. Während beispielsweise Polen und Italiener geradezu begeistert den neuen "Papa tedesco", den "deutschen Papst" feiern, dürfte Benedikt XVI. die größten Skeptiker in seinem Heimatland finden. Oft wird "Rom" mit Skepsis betrachtet, verbunden mit der latenten Überzeugung, dass wir in Deutschland ohnehin besser wissen, was für die Kirche und die Christen gut und richtig ist. Was mit einem antirömischen Affekt beginnt, kann sich leicht zu einer "Los-von-Rom-Tendenz" auswachsen. Am Ende steht dann ein selbst zusammengestellter Glaube, der das aus dem Evangelium nimmt, was ihm genehm ist und anderes ausblendet.

Liebe Schwestern und Brüder, schon die Kirchenväter erkannten: "Wo der Papst ist, dort ist die Kirche". Die Treue zum Evangelium ist nicht zu trennen von der Treue zum Papst und dem kirchlichen Lehramt.

Es ist wichtig, liebe Schwestern und Brüder, dass wir unseren Landsleuten diese Zusammenhänge in natürlicher und selbstverständlicher Weise bezeugen. Dann werden sie spüren, dass Gehorsam gegenüber dem Papst nicht mit "Kadavergehorsam" zu tun hat, sondern mit dem gläubigen Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes, die in der Kirche wirksam ist. Dann werden die Menschen spüren, dass die Treue zu Rom uns von provinzialistischem engem Denken befreit und hineinführt in eine universale Weite. Dann werden diese Mitmenschen ein Gespür dafür bekommen, dass wir nicht eine "deutsche Kirche" sind, sondern sie werden dankbar erleben, dass wir in Deutschland Teil einer universalen katholischen Weltkirche sind.

Die lebendige Sorge um den einzelnen, verbunden mit der selbstverständlichen Treue zu Papst und Kirche, zwei wichtige Anliegen des Wirkens des heiligen Josefmaria Escriva. Und sie führen uns automatisch zu einem dritten wichtigen Gesichtspunkt.

3. Eine kraftvolle apostolische Dynamik

Vor seiner Himmelfahrt gibt der Herr den Aposteln den Auftrag "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt 28,19 f.). Dieses Wort entspricht dem "Fahr hinaus!", das wir eben im Evangelium gehört haben. Wir sind dazu berufen, aus uns herauszugehen. Die Kirche ist dazu da, das Evangelium zu allen Menschen zu bringen und nicht in sich selbst verschlossen zu bleiben. Die Kirche im Ganzen, aber auch die Gemeinschaften innerhalb der Kirche dürfen keine abgeschlossenen Zirkel sein, die sich selbst genügen. Vielmehr ist apostolische Offenheit von uns gefordert. Wir müssen von dem Ziel erfüllt sein, Menschen für Christus und seine Kirche zu gewinnen.

Der heilige Josefmaria Escriva war geradezu von einem leidenschaftlichen apostolischen Eifer gepackt. Und dieser Eifer des Gründers schlägt sich auch heute noch im Wirken des Opus Dei nieder. Sie schlägt sich nieder in der Sorge um die einzelne Seele, die eben das ganze Blut Christi wert ist und für die sich jedes Engagement lohnt. Sie schlägt sich nieder in der immer neuen Suche, den Menschen Brücken zu Gott hin zu bauen, Wege aufzuzeigen, über die sie Christus finden.

Liebe Schwestern und Brüder, diese missionarische Dynamik ist für die Kirche lebensnotwendig. Wo die missionarische Dynamik stirbt, dort stirbt die Kirche. Daher können wir uns nicht damit zufrieden geben, dass immer weniger Menschen den Weg zur Kirche finden. Wir können uns nicht damit zufrieden geben, dass immer weniger Menschen Christus und seine Kirche kennen. Wir können uns nicht damit zufrieden geben, dass viele unserer Mitmenschen, mit denen wir zusammenleben, so leben, als gäbe es Gott nicht. Und gerade hier ist in besonderer Weise das Apostolat der Laien gefordert. Schon das Zweite Vatikanische Konzil betonte, dass gerade die Laien mit Menschen in Verbindung kommen, zu denen sonst niemand in der Kirche gelangt. Laienapostolat hat nichts zu tun mit innerkirchlicher Beschäftigungstherapie, sondern mit der missionarischen Dynamik nach außen.

Liebe Schwestern und Brüder, Ihr Glaubenszeugnis ist unersetzlich. Ohne Sie und Ihr Lebens- und Glaubenszeugnis gibt es Gebiete unserer Gesellschaft, in denen das Evangelium nie gelangen könnte.

Ich möchte uns alle ermutigen: Lassen wir uns von einer apostolischen Unruhe packen. Suchen wir nach den Gelegenheiten und Wegen, die Menschen unserer Tage, mit denen wir konkret zusammenleben und arbeiten, mit Christus in Berührung zu bringen. Und machen wir dies immer wieder zum Gegenstand unseres Betens, denn der Herr ist es, der uns die Wege zu den Menschen bahnt, und er ist es auch, der die Herzen der Menschen öffnet und sie zum Glauben bringt. Wir sind daher nicht mehr und nicht weniger als seine Werkzeuge.

Vor zweitausend Jahren ist es zwölf ungebildeten Fischern in der Kraft des Heiligen Geistes gelungen, mit dem Evangelium die Welt zu erobern. Sollte es uns da nicht gelingen, mit all den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, unser Land zu einer Erneuerung des Glaubens zu bewegen?

III.

Liebe Schwestern und Brüder, Heilige sind Geschenke Gottes an die ganze Kirche, so auch der heilige Josefmaria Escriva. Durch sein Leben und Wirken hat Gott wichtige Elemente unseres Glaubens neu zum Leuchten gebracht. Dazu gehört die lebendige Sorge um den einzelnen Menschen, der das ganze Blut Christi wert ist. Dazu gehört die treue Verbundenheit mit dem Nachfolger Petri, dem der Herr die Führung seiner Kirche anvertraut hat. Dazu gehört eine kraftvolle apostolische Dynamik, die nach Wegen sucht, die Menschen unserer Tage mit Christus und dem Evangelium in Berührung zu bringen. Diese Elemente des Glaubens sind nicht nur für das Opus Dei von Bedeutung, sondern für die ganze Kirche.

Wenden wir uns an die Gottesmutter Maria, die mit den Aposteln um den Heiligen Geist betete. Sie erbitte auch uns alle Gaben, die wir nötig haben, unsere Sendung als Christen in dieser Welt zu leben. Und wenden wir uns in diesen Anliegen auch an den heiligen Josefmaria, der uns ein guter Fürsprecher und Wegbegleiter sein wird. Amen.

Dr. Dominik Schwaderlapp

Generalvikar