Papst: Im Atemraum des Heiligen Geistes leben

Ein Leben im Heiligen Geist sollte unseren Tageslauf bestimmen, dass es ein strukturierter Tag ist, in dem immer wieder Gott Einlass findet in uns.

von Papst und Kirche

„Heiliger Vater, wie können wir nun hier in unserem Land, konkret in unserem Alltag, die Gaben des Heiligen Geistes leben und anderen erfahrbar machen, dass auch unsere Verwandten, Freunde und Bekannten und unsere Mitmenschen die Kraft des Heiligen Geistes spüren und erfahren und wir den Auftrag als Zeugen Christi wahrnehmen können?“ Dies fragte ein junger Mann, der am Weltjugendtag in Sidney teilgenommen hatte, bei einer Begegnung mit Papst Benedikt XVI. während dessen Sommeraufenthaltes in Brixen, Südtirol.

Der Papst antwortete:

„Im Alltag ist es viel mühsamer, das Wirken des Heiligen Geistes gegenwärtig zu fühlen oder selber gar Instrument zu sein, damit er da sein kann, damit so ein Wehen geschieht, das Vorurteile der Zeit wegfegt, das in Dunkelheiten Helligkeit schafft und spüren lasst, der Glaube hat nicht nur Zukunft, er ist die Zukunft.

Wie sollen wir das machen? Nun, allein können wir es natürlich nicht. Am Ende ist es der Herr, der uns dazu hilft, aber wir müssen doch bereite Werkzeuge sein. Ich würde einfach sagen: Niemand kann etwas geben, was er nicht selber hat, das heißt, wir können den Heiligen Geist nicht wirksam weitergeben, spürbar werden lassen, wenn wir nicht selber in seiner Nähe sind. Und so, denke ich, ist das erste, was wichtig ist, dass wir selber sozusagen im Atemraum des Heiligen Geistes bleiben, in Berührung mit ihm sind.

Nur wenn wir von ihm selber inwendig immer wieder neu angerührt werden, wenn er in uns Gegenwart hat und da ist, dann können wir ihn auch weitergeben, dann gibt er uns auch die Phantasie und die schöpferischen Ideen, wie man das machen kann; Ideen, die man nicht vorplanen kann, sondern die in der Situation entstehen, weil hier der Heilige Geist wirkt. Punkt eins also: Selber im Atemraum des Heiligen Geistes bleiben.

Das Johannesevangelium erzählt uns, wie der Herr nach der Auferstehung zu den Jüngern kommt, sie anhaucht und sagt: 'Empfangt den Heiligen Geist'. Es ist eine Parallele zur Schöpfungsgeschichte, wo Gott den Lehm anhaucht und der Lehm lebendig und Mensch wird. Nun wird der Mensch, der inwendig verdunkelt und halb tot ist, neu angehaucht von Christus, und es ist der Hauch Gottes, der ihm eine neue Dimension vom Leben, das Leben mit dem Heiligen Geist gibt. Wir können also geradezu sagen: Der Heilige Geist ist der Atem Jesu Christi, und wir müssen uns von Christus sozusagen immer wieder neu beatmen lassen, damit in uns dieser neue Atem lebendig und kraftvoll wird und in die Welt hineinwirkt. Das würde also bedeuten, dass wir in der Nähe Christi sein müssen. Wir tun es, indem wir mit seinem Wort umgehen. Wir wissen ja, der Heilige Geist ist der Hauptverfasser der Heiligen Schrift. Wenn wir in ihr mit Gott reden, nicht nur Vergangenheit in ihr suchen, sondern in ihr wirklich den gegenwärtig redenden Gott, dann wandern wir – wie ich in Australien gesagt habe – gleichsam im Garten des Heiligen Geistes, dann reden wir mit ihm, redet er mit uns. In diesem Raum zu Hause werden, im Raum des Wortes Gottes, ist etwas sehr Wichtiges, das uns sozusagen in diesen Atem Gottes hineinführt.

Und dann, natürlich, muss aus diesem Zuhören, dem Wandern im Wort Gottes, ein Antworten werden, das Antworten im Gebet, in der Berührung mit Christus. Und natürlich besonders im Heiligen Sakrament der Eucharistie, in dem Er auf uns zugeht und in uns eintritt, sich gleichsam mit uns verschmilzt. Aber auch das Sakrament der Buße, in dem wir uns immer wieder reinigen lassen, die Dunkelheiten herauswaschen lassen, die der Alltag in uns hinterlässt.

Kurzum, ein Leben mit Christus im Heiligen Geist, im Wort Gottes, und in der Gemeinschaft der Kirche, in ihrer lebendigen Gemeinschaft. Der heilige Augustinus hat gesagt: 'Willst Du den Geist Gottes haben, dann sei im Leib Christi'. Im mystischen Leib Christi ist der Raum seines Geistes.

All das sollte also sozusagen unseren Tageslauf bestimmen, dass es ein strukturierter Tag ist, ein Tag, in dem immer wieder Gott Einlass findet in uns, in dem immer wieder die Berührung mit Christus stattfindet, in dem wir auf solche Weise immer wieder vom Heiligen Geist beatmet werden. Wenn wir das tun, wenn wir dazu nicht zu faul, zu undiszipliniert oder sonst zu träge sind, dann geschieht etwas an uns, dann nimmt der Tag Gestalt an, und dann nimmt unser eigenes Leben darin Gestalt an, das leuchtet dann auch aus uns heraus, ohne dass wir viel überlegen müssen und sozusagen 'propagandistisch' tätig werden müssen: Es kommt von selbst, weil es unser eigenes Inneres ist.

Und dazu würde ich dann als zweite, aber damit logisch verbundene Dimension, hinzufügen: Wenn wir mit Christus leben, machen wir auch die menschlichen Dinge recht. Der Glaube ist ja nicht nur das Übernatürliche, sondern er baut den Menschen wieder zum Menschen, wie diese Parallele zwischen der Schöpfungsgeschichte und Johannes 20 zeigt; er baut gerade auf die natürlichen Tugenden: Die Redlichkeit, die Freudigkeit, die Bereitschaft den andern anzuhören, die Fähigkeit zu verzeihen, die Großzügigkeit, die Güte, die Herzlichkeit miteinander. Diese menschlichen Tugenden sind Ausweis dessen, dass der Glaube wirklich da ist, dass wir wirklich mit Christus sind. Und darauf, glaube ich, sollten wir auch an uns selber sehr achten, dass wir die einfache Menschlichkeit in uns reifen lassen, dass Glaube Menschwerdung ist, Menschlichkeit ist, dass wir die menschlichen Dinge auch des Berufes richtig und gut tun in der Rücksicht auf den anderen, in der Sorge um den anderen, in der wir am besten auch für uns selber sorgen: Gerade indem wir für den anderen da sind, sind wir am besten für uns selber da. Und daraus wachsen dann die entsprechenden Initiativen, die man nicht vorplanen kann: Gebetsgemeinschaften, Gemeinschaften, die miteinander die Bibel lesen, oder eben auch tätige Hilfe für Menschen, die in Not sind, die ihrer bedürfen, die am Rand des Lebens stehen, Kranke, Behinderte, und so vieles. Da gehen uns dann die Augen auf, dass wir sehen, wofür ich geeignet bin, dass ich in entsprechende Initiativen eintrete, anderen Mut dazu gebe.“

Die Frage und Antwort gekürzt aus Die Tagespost, Würzburg 12. August. Dort auch die weitere Mitschrift der Begegnung mit dem Klerus der Diözese Bozen-Brixen.