"Christus, Spiegelbild unserer Schwachheit" - Audio des Prälaten

Dritter Teil der Überlegungen von Msgr. Fernando Ocariz über die Passion des Herrn. In diesem Audio denkt er über die Figur des "Ecce Homo" nach. Der gemarterte Christus, der sich den Menschen in seiner Schwachheit zeigt.

Opus Dei - "Christus, Spiegelbild unserer Schwachheit" - Audio des PrälatenTizian, Ecce Homo (Detail), Wien Kunsthistorisches Museum, Quelle: Wikipedia

Audio in deutscher Übersetzung einiger Überlegungen von Fernando Ocariz, dem Prälaten des Opus Dei zur Bedeutung der Karwoche (Dritte in einer Reihe von vier Betrachtungen).


Link zu ersten Betrachtung: "Leiden, Tod und Auferstehung Christi"

Link zur zweiten Betrachtung: "Das Neue Gebot des Herrn"

Die Liturgie des Karfreitags stellt uns direkt vor das große Geheimnis des Kreuzes Jesu Christi.

Im Evangelium erleben wir, wie der Herr im Ölgarten in Todesangst betet; wie er von einer Kohorte unter der Führung von Judas gefangen genommen wird; wir sehen, wie er vor den Hohenpriester Kájaphas geführt wird und nach dem Verhör eine ungerechte Ohrfeige erhält.

Dann steht er vor Pilatus. Das Volk schreit: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“ (Joh 19,6); dann wird Jesus gegeißelt und mit Dornen gekrönt.

Am Morgen des Karfreitags stellt Pilatus den gefolterten und gedemütigten Christus dem Volk vor; er sagt: Ecce Homo "Seht da, der Mensch" (Joh 19,5). Wenige Stunden später wurde er gekreuzigt.

Auf einem berühmten Gemälde von Tizian – dem Ecce homo – kann man Jesus sehen, wie er als Mensch zerschlagen ist, aber dennoch seine Göttlichkeit und Schönheit offenbart. Gott wollte sich auch in seiner Verletzbarkeit sichtbar machen.

Im Leiden und vielleicht in der Dunkelheit, an der so viele Menschen in der Welt leiden – jetzt auch wegen der Corona-Pandemie, können wir den gegeißelten und mit Dornen gekrönten Christus betrachten. Der heilige Johannes Paul II. betrachtete ihn so: „Es ist der Mensch, der ganze Mensch, jeder Mensch in seinem einzigartigen und unwiederholbaren Wesen, von Gott geschaffen und erlöst (...) Ecce homo...!“

Es stimmt, wir leiden gemeinsam, und es gibt sehr viele Beweise für Solidarität. Aber letztendlich erfährt jeder einzelne den Schmerz – allein mit Gott!

Die Einsamkeit Jesu, wie er den Menschen gezeigt wird, ruft uns die Kranken in Erinnerung, die wegen der Quarantäne dieser Tage alleine sterben, ohne sich von ihren Familien verabschieden zu können; und andere, die einsam und allein an ihrer Krankheit leiden. Auch Jesus erlebte solche Einsamkeit vor den Menschen. Sein Schrei am Kreuz – "Warum hast du mich verlassen?" – hatte wohl schon früher begonnen, mit seinem gelassenen Schweigen. Ecce Homo.

Christus, wie er von Pilatus dem Volk vorgestellt wird, ist auch eine Ikone der missbrauchten Menschenwürde. Im Leiden eines jeden Menschen findet sich eine geheimnisvolle Gegenwart Gottes. Unschuldige, die unter Naturkatastrophen oder menschlichen Ungerechtigkeiten leiden; aber auch, wenn wir unseretwegen leiden, vor allem wegen unserer Sünden. Wir bitten Gott, uns zu helfen, uns zu retten. Er trägt auf seinen Schultern alle Folgen der Sünden der Menschen. Er ist unsere Hoffnung.

Jesus, verwundet und sanftmütig, ist wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst anschauen. Der Gott, der Liebe ist, zeigt sich in den Wunden des leidenden Christus.

Eine besondere Gegenwart Gottes begleitet diejenigen, die sich selbstlos für andere hingeben, denn "wo Güte und Liebe sind, da ist Gott": Ubi caritas et amor, Deus ibi est! Wir erleben so viele Frauen und Männer in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Familien, die wie der gute Samariter ein Abbild Jesu sind. Wir stellen fest, dass Individualismus und Nützlichkeitsdenken nicht das letzte Wort haben. In einer scheinbar autarken Gesellschaft ist der Geist Gottes im Herzen vieler Menschen zu spüren. Auf die eine oder andere Weise ist Gott in der Geschichte immer gegenwärtig und macht sie durch die Liebe von neuem fruchtbar.

Die Figur des Ecce Homo kann auch helfen, uns bewusster zu machen, dass wir zerbrechlich sind und oft schutzlos gegenüber den Ereignissen. Daran hat uns der Papst vom leeren Petersplatz aus erinnert, als er über den Sturm sprach, der unsere Zerbrechlichkeit offenbart. Diese Wahrheit über uns selbst anzuerkennen, kann uns helfen, unsere Beziehung zu Gott und zu anderen neu zu gestalten.

Das Evangelium fährt fort: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern; er wird seiner Kleider beraubt, und scheinbar auch seiner Würde. Während der Herr gekreuzigt wird, spricht er jene Worte aus einem Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46).

Warum all das Leiden, warum das Kreuz?

Auch wenn wir es nicht ganz verstehen können, offenbart uns die Kreuzigung: Dort, wo es nur Schwäche zu geben scheint, offenbart Gott seine unbegrenzte Macht; dort, wo wir Versagen, Niederlagen, Unverständnis und Hass sehen, genau dort offenbart uns Jesus Gottes große Macht: Die Macht, das Kreuz in ein Zeichen der Liebe und des Sieges zu verwandeln.

Im Hebräerbrief lesen wir, dass wir im Kreuz „den Thron der Gnade finden, damit wir Barmherzigkeit erlangen" (Hebr 4,16).

Dies war die Erfahrung eines der beiden, die an der Seite Christi auf Golgata hingerichtet wurden. Der "reuige Schächer" erlebt, wie das Kreuz Jesu zu einem Ort wird, an dem er erfährt, dass ihm vergeben, dass er geliebt wird: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein", sagt ihm der Herr (Lk 23,43). Am Kreuz hören wir, wie er das Wort "Paradies" ausspricht.

Kreuz und Paradies. Von einem Instrument der Folter, der Gewalt und der Verachtung wird das Kreuz zu einem Mittel der Erlösung, zu einem Symbol der Hoffnung. Es ist zu einer Bekundung der unendlichen und barmherzigen Liebe Gottes geworden. Der heilige Josefmaria erläutert, dass Christus am Kreuz „in der vollen Freiheit der Liebe den Tod erleidet". Auf den Gekreuzigten schauen, bedeutet unsere Hoffnung sehen!

Auch wir können ihn so betrachten, wenn wir ein Kruzifix in die Hand nehmen, um einfach auf den Herrn zu schauen. Papst Franziskus lädt uns ein, uns „von ihm anschauen lassen in dem Moment, in dem er sein Leben für uns hingibt und uns zu sich zieht. Und der Gekreuzigte spricht nicht von Niederlage, von Scheitern zu uns. Paradoxerweise spricht er von einem Tod, der Leben ist, der Leben hervorbringt, denn er spricht von Liebe, weil er die Mensch gewordene Liebe Gottes ist. Und die Liebe stirbt nicht, nein, sie besiegt das Böse und den Tod. Wer sich vom gekreuzigten Jesus anschauen lässt, wird gleichsam neu erschaffen, wird eine »neue Schöpfung“ (Papst Franziskus, Homilie in Assisi am 4. Oktober 2013).

Wie viel Hoffnung kann uns in dieser Zeit der Blick auf den Gekreuzigten geben! Es kann sich um das Kruzifix handeln, das in unserem Zimmer oder anderswo im Haus hängt. Bleiben wir schweigend davor stehen, zeigen wir ihm unsere inneren Verwundungen, unsere Müdigkeit, unsere Sorgen – und legen wir sie in seine Hände!

So werden wir die verwandelnde Kraft der Liebe Gottes erfahren, die am Kreuz das Schwache umarmt und mit Hoffnung erfüllt. So werden auch wir zu einem konkreten Zeichen der Liebe Gottes: in unseren Familien, in unseren Freundschaften, in jedem Bereich, in denen wir uns bewegen... In jedem Ambiente können wir ein konkretes Zeichen der Hoffnung sein, wenn wir uns mit Jesus am Kreuz vereinen und unsere Arme für die anderen öffnen wie er.

Danken wir am Karfreitag besonders für die göttliche Barmherzigkeit, die uns im Sakrament der Buße zuteilwird. Gerade in dieser Fastenzeit und Karwoche, die Zeiten der Buße und intensiveren Gebets sind, können viele Menschen auf der ganz Welt nicht zur Beichte gehen.

In dieser besonderen Situation riet uns der Papst vor kurzem, in die Tat umzusetzen, was der Katechismus der Katholischen Kirche über Reueakte (Nr. 1451–1452) sagt: „Wenn du keinen Priester findest, der dir die Beichte abnimmt, sprich mit Gott, der dein Vater ist, und sage ihm die Wahrheit: ‚Herr, ich habe dies, das und das getan ... Vergib mir!‘ Dabei bitte ihn von ganzem Herzen – mit einem Akt des Schmerzes – um seine Vergebung und versprich ihm: ,Später werde ich das alles bekennen, aber vergib mir jetzt!‘ “.

Am Karfreitag wendet die Kirche ihre Aufmerksamkeit dem Holz des Kreuzes zu: Ecce Lignum Crucis. Während der Liturgie singen wir zur Verehrung des Kreuzes:

„Dein Kreuz, o Herr, verehren wir

und deine heilige Auferstehung preisen und rühmen wir:

Denn siehe, durch das Holz des Kreuzes

kam Freude in alle Welt."

Das Kreuz strahlt Hoffnung aus in die ganze Welt. Dort sehen wir den Herrn mit offenen Armen, bereit, unsere Schwächen auf sich zu nehmen und zu heilen. Und dort sehen wir auch Maria, die Mutter Gottes.

Nach dem Ecce Homo malte Tizian die „Mater Dolorosa mit offenen Händen". Viele Jahre hingen die beiden Bilder nebeneinander an derselben Wand. Wenn das Leiden in unserem Leben spürbar wird, und wir dann auf Jesus schauen, werden wir auch erleben, dass Maria uns immer begleitet. Wir bitten sie, uns zu helfen, dem Kreuz nahe zu bleiben, um den Menschen um uns herum Hoffnung zu schenken.

Das Original der Betrachtung in spanischer Sprache: