DIE LITURGIE des vergangenen Sonntags stellte Jesus und den Teufel in der Wüste gegenüber – von Angesicht zu Angesicht. An diesem zweiten Fastensonntag hingegen steigen wir auf den Berg Tabor, um Zeugen der glorreichen Verklärung des Herrn zu werden. In der Wüste begegnen wir Jesus „als dem vollkommenen Menschen“, der – wie wir – Versuchungen ausgesetzt ist. Auf dem Tabor jedoch schauen wir ihn „als Sohn Gottes“, der unser Menschsein vergöttlicht.1 Trotz ihrer Gegensätzlichkeit weisen beide Ereignisse auf das Ostergeheimnis hin: „Der Kampf Jesu mit dem Versucher lässt den großen abschließenden Zweikampf der Passion vorausahnen, während das Licht seines verklärten Leibes die Herrlichkeit der Auferstehung vorwegnimmt“2, lehrt Benedikt XVI.
Wüste und Berg verbindet, dass sie Orte der Abgeschiedenheit sind, an denen Einsamkeit herrscht. Dorthin zieht sich Jesus, geleitet vom Heiligen Geist, zurück, um mit dem Vater zu beten. Die Heilige Schrift zeigt uns immer wieder, dass Gott sich in solchen lärmfreien Räumen auf besondere Weise offenbart. Auch wir brauchen Zeiten und Orte der Stille, um den äußeren Lärm auszublenden, unser Inneres zu sammeln und Gottes leises Flüstern zu hören. „Die Stille vermag in uns einen tiefen Raum zu schaffen, in dem Gott wohnen kann, damit sein Wort in uns bleibt und die Liebe zu ihm in unserem Geist und Herzen Wurzeln schlägt und unser Leben beseelt.“3
Es ist nur natürlich, dass wir die Stille zunächst scheuen, denn sie fordert uns auf, nach innen zu blicken und der Wahrheit unseres Lebens zu begegnen. Ebenso verständlich ist es, dass es anfangs schwerfällt, den Lärm in unserem Inneren zu dämpfen. Doch wenn wir in unserem oft hektischen Alltag – mitten im geschäftigen Kommen und Gehen – bewusst die Stille suchen, öffnen wir Gott einen Weg in unser Inneres. Denn oft wartet der Herr auf unser Schweigen, um sich uns zu offenbaren.
MEIN HERZ denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Angesicht vor mir (Ps 26,8-9). Mit diesen Worten des Psalmisten lädt uns die Kirche ein, unsere Herzen auf Ostern vorzubereiten. Sie ermutigt uns, in dieser Fastenzeit das Antlitz Christi mit noch größerer Sehnsucht zu suchen.
Petrus, Jakobus und Johannes, die mit Jesus auf den Tabor steigen, werden unerwartet in sein Gebet hineingenommen. Sie kannten das Gesicht ihres Meisters gut – sie hatten es oft gesehen, wenn er betete, wenn er das Kommen des Reiches verkündete oder Kranke heilte. Doch auf dem Gipfel des Tabor offenbart sich ihnen sein geliebtes Gesicht auf eine völlig neue Weise.
Jesus zeigt seinen drei engsten Freunden seine Herrlichkeit: Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß (Lk 9,29). Der Anblick des verherrlichten Körpers des Herrn beeindruckte sie so sehr, dass Petrus, ohne zu wissen, was er sagte, begeistert ausrief: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija (Lk 9,33). Die Jünger fühlten sich in die göttliche Sphäre erhoben. Der heilige Johannes von Damaskus beschreibt das Gebet als „die Erhebung der Seele zu Gott“4 – eine Formulierung, die in den Katechismus der Kirche eingeflossen ist. Es ist jener heilige Raum der Stille vor Gott, in dem wir von ihm erfüllt werden und unseren tiefsten Durst stillen.
Die Jünger waren von dem, was sie auf dem Tabor erlebten, überwältigt. „Das Gebet wird in uns eine gute, demütige, heilige Vergöttlichung bewirken“, schrieb der heilige Josefmaria, „und wir werden in allen Umgebungen arbeiten können (...). Als Antwort auf die fortwährende, beharrliche Befolgung des göttlichen Willens wird der Herr über uns die Gabenfülle – die gute Vergöttlichung – mit vollen Händen ausgießen.“5 Papst Franziskus warnt zugleich vor einer Form des Gebets, die uns von der Realität entfremdet: „Ein Gebet, das uns vom konkreten Leben entfremdet, wird zum Spiritualismus oder, noch schlimmer, zum Ritualismus. Erinnern wir uns: Nachdem Jesus den Jüngern auf dem Berg Tabor seine Herrlichkeit gezeigt hat, wollte er jenen Augenblick der Ekstase nicht verlängern, sondern stieg mit ihnen wieder hinunter – zurück in den Alltag. Diese Erfahrung sollte als Licht und Kraft des Glaubens in ihren Herzen bleiben, auch für die kommenden schweren Tage: die Tage seines Leidens.“6
WIE SCHON BEI der Taufe Jesu im Jordan, erschien auch auf dem Berg Tabor die ganze Dreifaltigkeit – wie der heilige Thomas schrieb: „der Vater in der Stimme, der Sohn im Menschen, der Geist in der leuchtenden Wolke“7. Erstaunt über das, was sich vor ihren Augen vollzieht, erhalten die drei Jünger eine Offenbarung, die sie erst später ganz erfassen werden: dass der eine Gott zugleich eine Dreifaltigkeit von Personen ist.
Das Geheimnis Gottes enthüllt sich uns schrittweise im Gebet – oft vorbereitet durch die geistliche Lesung und die persönliche Bildung. So öffnen wir dem Heiligen Geist den Weg, damit er unser Gottesbild nach und nach reinige und uns lehre, ihm mit Einfachheit und Vertrauen zu begegnen. Er selbst wird uns verwandeln, erneuern und trösten, sodass wir mehr und mehr zu „verklärten Männern und Frauen“8 werden.
Kaum hatte Petrus ausgesprochen, was ihn bewegte, da kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten. Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören (Lk 9,34-35). Es waren Worte und Augenblicke, die die Apostel nie vergessen sollten.
Wenn wir uns – wie die Jünger auf dem Berg – im Gebet mit Jesus verbinden, entdecken auch wir das Wunder, auf ihn zu hören und unser Dasein als Kinder Gottes zu verstehen. Der Katechismus beschreibt das Gebet als „die lebendige Beziehung der Kinder Gottes zu ihrem unendlich guten Vater, zu seinem Sohn Jesus Christus und zum Heiligen Geist.(...) Das Leben des Gebetes besteht somit darin, dass wir immer in Gegenwart des dreimal heiligen Gottes und in Gemeinschaft mit ihm sind.“9 Möge Maria, die ganz von Gnade erfüllt war, uns helfen, Momente der Stille zu finden – Zeiten, in denen wir tiefer in unser Leben als Kinder Gottes eintauchen können.
1 Vgl. Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 17.2.2008.
2 Ebd.
3 Benedikt XVI., Audienz, 7.3.2012.
4 Hl. Johannes von Damaskus, De fide orthodoxa, 3, 24.
5 Hl. Josefmaria, Briefe 2, Nr. 54.
6 Franziskus, Audienz, 9.6.2021.
7 Hl. Thomas von Aquin,, Summa theologiae, III, c. 45, a. 4, ad 2.
8 Hl. Johannes Paul II., Predigt, 11.3.2001.
9 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2565.