DER HEILIGE Jean-Marie Vianney, der Pfarrer von Ars, wirkte 42 Jahre lang in dem kleinen französischen Dorf Ars. Als ihm die Pfarrei 1818 anvertraut wurde, sagte der Generalvikar zu ihm: „Es ist in dieser Pfarrei nicht viel Gottesliebe vorhanden; die werden Sie hineintragen.“1 Mit schlichten Mitteln machte sich der neue Pfarrer an seine Aufgabe: Er verkündete den Glauben, weckte die Liebe zur Eucharistie und verbrachte unzählige Stunden im Beichtstuhl.2 Kein außergewöhnliches Talent zeichnete ihn aus; seine innige Beziehung zu Gott aber verwandelte nicht nur Ars, sondern strahlte weit über Frankreich hinaus. Bis heute gilt er als Vorbild für Priester in aller Welt.
Schon bald kamen Pilger aus allen Teilen Frankreichs nach Ars. Sie suchten einen Priester, der – wie Johannes Paul II. sagte – „bewundernswert durch seine Bußfertigkeit und mit Gott im Gebet ungemein vertraut war“ und trotz aller Erfolge „eine außergewöhnliche innere Ruhe und Demut besaß“3. In seinen letzten Lebensjahren suchten ihn täglich Hunderte Menschen auf, vor allem um zu beichten. Trotz des großen Andrangs herrschte im Dorf eine Atmosphäre stiller Erwartung und Hoffnung.4
1925 wurde Johannes Maria Vianney heiliggesprochen, vier Jahre später zum Patron aller Pfarrer ernannt. Der heilige Josefmaria erwählte ihn zum Fürsprecher für die Beziehungen des Opus Dei zu den Diözesanbischöfen. Immer wieder bat er seine Kinder, für die Priester zu beten und ihnen nahe zu sein. Er wusste, wie viel ein heiliger Priester bewirken kann: „Alles, womit Priestern geholfen wird, ist ihre Rettung. Und einen Priester zu retten, bedeutet, Tausende von Seelen zu retten.“5 Das Leben des Pfarrers von Ars zeigt eindrucksvoll, welche Kraft von einem Priester ausgeht, der die Menschen durch die Sakramente zu Gott führen möchte.
DAS LEBEN des Pfarrers von Ars war von Anfang an von Schwierigkeiten geprägt. Der Hirtenjunge Johannes Maria Vianney lernte nur mit größter Mühe, trat dann auch erst mit 25 Jahren ins Priesterseminar ein und wurde schließlich wegen seiner tiefen Frömmigkeit und seiner Liebe zur Muttergottes zur Priesterweihe zugelassen. In Ars begegneten ihm bald Verleumdungen durch einzelne Gemeindemitglieder und Ablehnung seitens mancher Priester der Umgebung. Hinzu kamen schwere Versuchungen. Doch er verlor nie das Vertrauen: Wenn Gott ihn zum Priestertum berufen hatte, würde er ihm auch die Kraft schenken, treu zu bleiben.
Zu jedem Berufungsweg gehören Zeiten der Prüfung. Manchmal werden wir müde oder verlieren die Klarheit, mit der wir unseren Weg einst begonnen haben. Dann gilt es, zum ersten Ruf zurückzukehren. Papst Franziskus lädt dazu ein, „zu jenem glühenden Augenblick zurückzukehren, in dem die Gnade Gottes mich am Anfang meines Weges berührt hat. An diesem Funken kann ich das Feuer für das Heute entzünden …“6 Die Erinnerung an die Berufung erneuert die Freude und gibt Kraft, den Weg fortzusetzen.
Ebenso kann uns der Blick auf die Menschen stärken, denen wir dienen durften. Franziskus beschreibt die Freude eines alten Priesters, der von den Menschen besucht wird, die er einst getauft hat und die ihm nun ihre Familien vorstellen.7 Oft erkennen wir erst mit der Zeit, welche Früchte Gott aus unserer Treue wachsen lässt. Dann können auch wir mit dem heiligen Paulus sagen: Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken (Eph 1,16). Die Dankbarkeit für die eigene Berufung öffnet zugleich den Blick für die vielen kleinen Zeichen der Liebe Gottes im Alltag. Sie erinnern uns daran, dass der Herr uns auf unserem Weg niemals allein lässt.
DIE LIEBE zum Sakrament der Versöhnung prägte das Leben des heiligen Johannes Maria Vianney. Johannes Paul II. bekannte anlässlich seines 50. Priesterjubiläums: „Mich hat besonders sein opfervoller Dienst im Beichtstuhl beeindruckt.“ Der demütige Priester verbrachte täglich zehn und mehr Stunden damit, den Menschen die Barmherzigkeit Gottes zu schenken. So löste er in einer schwierigen Zeit eine wahre geistliche Erneuerung aus: Tausende pilgerten nach Ars, um bei ihm zu beichten.8
Der Pfarrer von Ars sagte, wir „lösen Jesus vom Kreuz“, wenn wir das Sakrament der Buße empfangen. Mit jeder Beichte antworten wir auf den Ruf Christi zur Umkehr – einen Ruf, der immer unserem Heil dient. Wie der Katechismus sagt, ist die Umkehr letztlich nicht nur unser Werk, sondern vor allem Antwort auf die Gnade Gottes, „der uns zuerst geliebt hat“9. Wer sich dieser Liebe öffnet, erfährt Freude, Frieden und den neuen Mut, den Weg der Heiligkeit weiterzugehen. Deshalb konnte der heilige Josefmaria schreiben: „Gott sei Dank!, sagtest du, nachdem du gebeichtet hattest. Und du dachtest: Es ist, wie wenn ich neu geboren wäre. Dann fuhrst du fort in froher Gelassenheit: Domine, quid me vis facere? Herr, was willst du, dass ich tue?“10
„Das Entscheidende im Leben jedes Menschen", schreibt Papst Franziskus, „ist nicht, auf dem Weg niemals ins Straucheln zu geraten. Das Wichtigste ist, wieder aufzustehen und nicht liegen zu bleiben.“11 Genau dazu verhalf der Pfarrer von Ars Tausenden von Menschen. Er schenkte ihnen die Gewissheit, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als jede Sünde, und weckte neue Hoffnung. Bitten wir ihn und die Jungfrau Maria, auch uns immer wieder neu beginnen zu lehren – im Vertrauen darauf, dass Christus niemals müde wird, uns zu vergeben.
1 Francis Trochu, Der Pfarrer von Ars, Christiana, S. 93 f.
2 Vgl. Benedikt XVI., Brief anlässlich des 150. Jahrestages des Dies natalis von Johannes Maria Vianney, 16.6.2009.
3 Hl. Johannes Paul II., Brief an die Priester, 16.3.1986.
4 Vgl. Francis Trochu, Der Pfarrer von Ars, Christiana, S. 247 ff.
5 Hl. Josefmaria, Notizen aus einem Beisammensein, 28.3.1969.
6 Franziskus, Predigt, 19.4.2014.
7 Franziskus, Brief an die Priester, 4.8.2019.
8 Hl. Johannes Paul II., Geschenk und Geheimnis, Styria 1996, Kap. V, S. 63.
9 Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1428.
10 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 238.
11 Franziskus, Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, Kösel 2016, Kap. VI., S. 82.

