Betrachtungstext: 21. Woche im Jahreskreis – Donnerstag

Bereit für das Kommen des Herrn – Die Gegenwart, Gottes Zeit – Verbündeter in unserem Kampf

SEID WACHSAM! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt (Mt 24,42). Die Zuhörer horchen auf: Besteht Anlass zur Sorge? Jesus fährt fort: Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht (Mt 24,43). Wovor will Jesus warnen? 

Es ist ganz natürlich, dass wir mit freudiger Spannung etwas Schönes erwarten, das bevorsteht: ein Familienfest, eine Reise, eine Auszeit. Allein das Warten erfüllt schon die Gegenwart mit Freude. Die Vorfreude auf die Wiederkunft des Herrn und auf das ewige Leben mit ihm ist auch eine wesentliche Dimension der christlichen Hoffnung. Diese Sehnsucht spornt uns an, vorbereitet zu sein, und verleiht allem, was wir in Händen haben, einen Hauch von Ewigkeit. Mit seiner Aufforderung zur Wachsamkeit möchte Jesus uns nicht Angst machen, sondern unser Vertrauen darauf stärken, dass er wiederkommen wird. Zugleich lädt er uns ein, alles zu meiden, was diese Hoffnung schwächen könnte: die Sünde, die uns von Gott entfernt, oder die Lauheit, die unsere Sehnsucht nach ihm einschläfert.

Der heilige Josefmaria erinnert uns daran, dass auch unser geistlicher Kampf von Freude getragen sein soll: „Manchmal überkommt dich so etwas wie eine Anwandlung von Mutlosigkeit, die dir den Schwung raubt. Auch mit vielen Stoßgebeten der Hoffnung schaffst du es kaum, sie zu überwinden. Macht nichts. Das ist die Stunde, um Gott um mehr Gnade zu bitten. Nur weiter! Erneuere die Freude zu kämpfen, auch wenn du ein Gefecht verloren hast.“1 Jesus möchte nicht, dass wir angespannt und ängstlich leben, sondern dass wir uns zuversichtlich auf sein Kommen vorbereiten: mit einer Hoffnung, die nicht enttäuscht (vgl. Röm 5,5) und uns immer wieder die Freude am Kampf zurückgibt. 


DAS BESTE Warten ist nicht das unruhige Warten, während man von Sorgen oder Schuldgefühlen verzehrt wird, sondern jenes, das uns Gegenwart voll Freude erleben lässt. Wir alle kennen die Angst vor der Zukunft und die Reue über Vergangenes. Der Herr ruft uns jedoch dazu auf, im Heute zu leben. Wer ist denn der treue und kluge Knecht, den der Herr über sein Gesinde einsetzte, damit er ihnen zur rechten Zeit die Nahrung gebe? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! (Mt 24,45-46). Jesus zeigt uns, wie wir am besten auf ihn warten können: Indem wir treu in unserer unmittelbaren Wirklichkeit leben, an dem Platz, an den er uns gestellt hat. Hier finden wir den auf uns zugeschnittenen Stoff für unsere Heiligkeit. Der heilige Josefmaria lehrte: „Du willst wirklich heilig werden? – Erfülle die kleine Pflicht jeden Augenblicks! Tu das, was du sollst, und sei ganz in dem, was du tust.“2

Der treue Diener sorgt sich nicht in erster Linie um Ergebnisse oder darum, was andere über ihn denken. Er möchte gut und mit Liebe arbeiten, um dem Herrn zu dienen. Deshalb achtet er auf die kleinen Dinge und erfüllt die Aufgabe, die gerade vor ihm liegt. Wenn er in der Vergangenheit Fehler gemacht hat, versucht er, daraus zu lernen, ohne sich davon niederdrücken zu lassen. Und die Ungewissheiten der Zukunft belasten ihn nicht übermäßig: Wenn sie eintreten, wird er ihnen mit Gottes Hilfe begegnen. So entdeckt er das Geheimnis eines Lebens in Frieden: Gott im gegenwärtigen Augenblick zu dienen.

Der heilige Josefmaria empfahl: „Verhalte dich jetzt richtig; denke nicht an gestern, das schon vorüber ist, noch sorge dich um morgen, von dem du nicht weißt, ob es für dich kommt.“3 In gewisser Weise bitten wir Gott darum jedes Mal im Vaterunser. Wir grübeln nicht über die Vergangenheit und sorgen uns nicht um die Zukunft, sondern bitten um das tägliche Brot, um das, was wir heute brauchen. Wir wollen jeden Tag aus Gottes Hand empfangen: die Aufgaben, die vor uns liegen, die Menschen, denen wir begegnen, die Freuden und Schwierigkeiten, die sich einstellen. Die Gegenwart ist die Zeit, in der Gott uns begegnet. Wenn wir so leben, kann der Herr auch zu uns sagen: Amen, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen (Mt 24,47).


DOCH WAS geschieht, wenn die Hoffnung schwindet? Wenn das Kommen des Herrn für uns so weit in der Ferne liegt, dass es uns gleichgültig wird? Jesus warnt: Wenn aber der Knecht böse ist und in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich! und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und mit Zechern isst und trinkt, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen (Mt 24,48-51).

Damit wir dieser Gefahr entgehen, hat Gott uns einen großen Verbündeten zur Seite gestellt: die Gewissenserforschung. Im Gebet oder am Ende des Tages können wir uns mit Papst Franziskus fragen: „Was ist am heutigen Tag in meinem Herzen vor sich gegangen? ,Viele Dinge sind passiert …‘ Welche? Warum? Welche Spuren haben sie in meinem Herzen hinterlassen? Das Gewissen zu erforschen, ist also die gute Gewohnheit, in Ruhe noch einmal darüber nachzudenken, was während des Tages geschehen ist, und aus unseren Bewertungen und Entscheidungen herauszulesen, was uns wirklich wichtig ist, wonach wir suchen und warum.“4

In der Gewissenserforschung sprechen wir mit Gott über unsere Freuden, Sorgen, Hoffnungen und Ängste und versuchen mit ihm zu erkennen, wohin sich unser Herz bewegt: Was hat uns heute näher zu ihm geführt? Was hat unsere Hoffnung gestärkt oder geschwächt? Wo hat sich vielleicht Lauheit eingeschlichen? Der heilige Josefmaria empfiehlt: „Prüfe ehrlich, wie du dem Meister nachfolgst. Überlege, ob du dich vielleicht nur formell, trocken und ohne den Schwung des Glaubens hingegeben hast; ob es in deinem Alltag vielleicht an Demut, Opfer, Werken mangelt; ob bei dir vielleicht nur die Fassade steht, du aber kein Gespür für die kleinen Anforderungen des Augenblicks hast … kurz, ob es dir vielleicht an Liebe fehlt. Sollte es so sein, dann wundere dich nicht über deine Unwirksamkeit. Tu etwas, revidiere deinen Weg, sofort, mit Hilfe Unserer Lieben Frau!“5 Maria möge uns helfen, mit wachem Herzen und voller Hoffnung auf ihren Sohn zu warten.


1 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 77.

2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 815.

3 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 253.

4 Franziskus, Audienz, 5.10.2022.

5 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 930.