JESUS WURDE oft beschuldigt, die Religion von Abraham und Mose zerstören zu wollen. Doch er erklärte, dass er nicht gekommen sei, das Alte abzuschaffen, sondern uns dessen vollen Sinn zu erschließen (vgl. Mt 5,17). Jesus zeigte auf, dass die göttlichen Gebote den Weg zur echten inneren Freiheit enthalten. Denn dazu hat Gott seinen Sohn gesandt: um uns freier zu machen. So sagte auch der heilige Paulus: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen! (Gal 5,1).
Im Licht von Jesu neuer Lehre erweist sich jedes einzelne Gebot als eine Erfordernis der Liebe – und münden alle Gebote in das Doppelgebot der Liebe: Gott aus ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst zu lieben.1 Und somit hat auch die kirchliche Lehre – sei es die Dogmatik, die Moral, die Liturgie usw. – bis zu jedem Jota und Häkchen (Mt 5,18) nur ein Ziel: uns zu helfen, den wahren Gott zu lieben und unsere Mitmenschen aus Liebe zu ihm. Und Liebe kann es nur in einer Sphäre der Freiheit geben – bei allen Schwierigkeiten, die der Mensch immer wieder damit hat.
Jesus konnte sagen, dass seine Nahrung darin bestehe, den Willen des Vaters zu tun. Er fügt sich in diesen nicht widerstrebend hinein, sondern begehrt ihn heiß, weil er darin seine Freiheit findet. Christus dankte sogar seinem Vater, bevor er sich am Vorabend seiner Passion freiwillig in der Eucharistie für uns hingab. In ihr finden wir Jesu tiefste Freiheit. Sie hilft uns, unsere Mitmenschen mehr und besser zu lieben.
„ÜBERLEGEN WIR einmal, wie der Himmel sein wird“, so Worte des heiligen Josefmaria: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (1 Kor 2,9). Könnt ihr euch vorstellen, wie es sein wird, Gott zu begegnen und diese Schönheit zu sehen, diese Liebe, die in unsere Herzen strömt, die sättigt, ohne satt zu machen?“2 In einer bemerkenswerten Aufforderung zur Freude auf den Himmel erklärt der heilige Thomas von Aquin, dass das ewige Leben „die vollkommene Befriedigung jedes Verlangens ist. Dort haben die Seligen mehr, als sie sich je gewünscht oder erhofft haben. Der Grund dafür ist“, so der Kirchenlehrer weiter, „dass in diesem Leben niemand all sein Verlangen befriedigen noch etwas Geschaffenes jemals die Sehnsucht des Menschen stillen kann.“3
Ein Himmel auf Erden hingegen ist eine Illusion, wie Papst Benedikt XVI. erklärte: „Weil der Mensch immer frei bleibt und weil seine Freiheit immer auch brüchig ist, wird es das endgültig eingerichtete Reich des Guten in dieser Welt nie geben. Wer eine endgültig bessere Welt verspricht, macht falsche Versprechungen; er ignoriert die menschliche Freiheit. Die Freiheit muss immer neu für das Gute gewonnen werden.“4
Unser Bemühen, auf dieser Erde immer freier und immer mehr von Gott und immer weniger von unserem kleinlichen Egoismus erfüllt zu sein, ist genau der Weg zum Himmel. Am Beispiel des Volkes Gottes erklärte Papst Franziskus, dass wir die Freiheit verlieren, wenn wir zu unserem alten Leben vor der Begegnung mit Jesus zurückkehren. Er verweist darauf, dass die Israeliten auf ihrer Wanderung durch die Wüste in schwierigen Momenten oft umkehren wollten. Sie erinnerten sich nur mehr an das vermeintlich bessere Leben in Ägypten.5 Nur jene wenigen, die das gelobte Land nicht aus den Augen verloren, gelangten ans Ziel.
WER AUCH NUR eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich (Mt 5,19). Was haben die kleinsten Gebote mit dem Himmelreich zu tun? Jesus möchte uns zeigen, dass das Streben nach Heiligkeit im Alltag beginnt, in der Fähigkeit, im Kleinen zu lieben und sich lieben zu lassen. Unser Himmel hängt davon ab, wie sehr wir Gott erlauben, in jedem Moment unseres Tages unser liebender Vater zu sein. Die kleinsten Gebote hält, wer immer wieder aufsteht und nicht müde wird, in derselben Sache zu kämpfen; oder wer aufrichtig ist sich selbst und Gott gegenüber. Die kleinsten Gebote erfüllt, wer Gott ins Zentrum seines Lebens stellt und darauf achtet, dass Gott seine ganze Liebe erfährt.
Der heilige Josefmaria schrieb in einem seiner Briefe: „Vielleicht denkt manch einer, dass es im gewöhnlichen Leben wenig gibt, das man Gott anbieten kann: Kleinigkeiten, Nichtigkeiten. Ein kleines Kind, das seinem Vater Freude machen will, bietet ihm an, was es hat: einen Bleisoldaten ohne Kopf, eine leere Garnrolle, ein paar Steinchen, zwei Knöpfe – alles was es an Wertvollem in seinen Taschen hat, seine Schätze. Und der Vater stößt sich nicht an der kindlichen Einfachheit des Geschenks. Er ist dankbar dafür und drückt das Kind zärtlich an sein Herz. Handeln wir so vor Gott, dann werden diese Kindereien – diese Kleinigkeiten – zu großen Dingen, weil die Liebe groß ist. Das ist unser Weg: die unbedeutenden Kleinigkeiten eines jeden Tages, eines jeden Augenblicks, in Heldentaten der Liebe zu verwandeln.“6 Maria sagt immer Ja zu allem, worum ihr Sohn sie bittet. Denn sie weiß, dass Gott ihr auf diesem und keinem anderen Weg Freude und Glück schenken will. Wir bitten unsere Mutter, Sitz der Weisheit, uns die Weisheit zu erlangen, jeden Moment zu einer Begegnung mit Gott zu machen.
1 Vgl. Franziskus, Angelus-Gebet, 16.2.2014.
2 Hl. Josefmaria, Notizen von einem Familientreffen, 22.10.1960.
3 Hl. Thomas von Aquin, Über das Credo, Articulus 12 (1. c., III.): Item in perfecta satietate desiderii: nam ibi habebit quilibet beatus ultra desiderata et sperata. Cuius ratio est, quia nullus potest in vita ista implere desiderium suum, nec unquam aliquod creatum satiat desiderium hominis.
4 Benedikt XVI., Spe salvi, Nr. 24.
5 Vgl. Franziskus, Tagesmeditation, 29.5.2018.
6 Hl. Josefmaria, Briefe 1, Nr. 19.

