JESUS eröffnete den Menschen eine neue Sicht auf das Gesetz Gottes. Während manche Pharisäer vor allem auf die genaue Einhaltung der Vorschriften achteten, stellte er die Liebe zu Gott und zum Nächsten in den Mittelpunkt. Denn Gottes Gebote sind kein Selbstzweck. Sie sollen dem Menschen helfen, gut zu leben und sein Glück zu finden. Wo hingegen die buchstabengetreue Befolgung der Regeln wichtiger wird als ihr eigentlicher Sinn, gerät das Wohl des Menschen leicht aus dem Blick.
Wie sehr Jesus das Wohl des Menschen über eine rein äußerliche Gesetzestreue stellte, zeigt eine Begebenheit, die Lukas überliefert. Als Jesus an einem Sabbat im Haus eines führenden Pharisäers zu Gast ist, steht plötzlich ein Mann vor ihm, der an Wassersucht litt (Lk 14,2). Ob man ihn absichtlich dorthin gebracht hat, um Jesus auf die Probe zu stellen, bleibt offen. Jedenfalls scheint die Situation eine Falle zu bergen: Würde Jesus den Kranken heilen, könnte man ihm einen Verstoß gegen das Sabbatgebot vorwerfen.
Jesus stellt den Anwesenden eine einfache Frage: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen oder nicht? Als niemand antwortet, heilt er den Mann und lässt ihn gehen. Dann fragt er: Wer von euch wird seinen Sohn oder seinen Ochsen, der in den Brunnen fällt, nicht sofort herausziehen, auch am Sabbat? (Lk 14,3–5). Damit macht Jesus deutlich: Gottes Gebote stehen nicht im Widerspruch zur Liebe, sondern dienen ihr. Papst Franziskus erinnert daran, „dass das Evangelium auf die tiefsten Bedürfnisse der Menschen antwortet.“1
Niemand kennt diese Bedürfnisse besser als Christus, und niemandem liegt unser Glück mehr am Herzen als ihm.
JESUS lehnt das Gesetz keineswegs ab. Als der reiche junge Mann ihn fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen, verweist er auf die Gebote (vgl. Mk 10,17–19). Sie bilden das Fundament für ein gelungenes Leben. Denn Freiheit bedeutet nicht, ohne Verpflichtungen zu leben. Wer sich von jeder Bindung lösen möchte, läuft Gefahr, von seinen eigenen Wünschen und Gewohnheiten abhängig zu werden. Der Prälat des Opus Dei warnt vor einer „illusorischen, grenzenlosen Freiheit“, die als höchstes Ziel angestrebt wird, und vor „bloß scheinbare[n] Freiheiten, die in Wirklichkeit Ketten sind und uns versklaven“2.
Die Pharisäer in der Evangeliumsszene scheinen dagegen so sehr auf die Einhaltung der Vorschriften bedacht, dass sie deren eigentlichen Sinn aus den Augen verlieren. Jesus lädt uns ein, Gottes Gebote nicht bloß als äußere Verpflichtung zu betrachten, sondern als Weg, seine Liebe zu erwidern. Denn wer sich von Gott geliebt weiß, kann seinen Willen in Freiheit erfüllen. Der heilige Josefmaria fragte: „Welche Wahrheit eröffnet und vollendet in unserem Leben den Weg der Freiheit?“ Seine Antwort: „zu wissen, dass wir aus Gott stammen, dass wir von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geliebt werden und dass wir Kinder des erhabensten Vaters sind. (...) So werden wir als freie Menschen handeln.“3
Auch die Pflichten unseres Alltags können so zu einem Weg der Freiheit und des Glücks werden, wenn wir sie aus Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen erfüllen.
ZU DEN Geboten, deren ursprünglicher Sinn mitunter in den Hintergrund trat, gehörte auch das Sabbatgebot. Der Sabbat erinnerte Israel an die Erschaffung der Welt: Am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt (Ex 20,11). Zugleich war er ein Gedenktag der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei (vgl. Dtn 5,15) und ein Zeichen des Bundes mit Gott. Wie der Katechismus festhält, war er „dem Lobpreis Gottes, seines Schöpfungswerkes und seiner Heilstaten für Israel vorbehalten.“4 Für die Christen wurde der Sonntag, der Tag der Auferstehung Jesu, zum wöchentlichen Feiertag. Als „achter Tag“ verweist er auf „die mit der Auferstehung angebrochene neue Schöpfung“5 und auf unsere Befreiung von der Sünde.
Sowohl der jüdische Sabbat als auch der christliche Sonntag halten die Erinnerung an Gottes Wirken lebendig. Sie führen uns zu den Wurzeln unseres Glaubens zurück und stärken unsere Verbundenheit mit Gott und untereinander. Papst Franziskus sagte: „Das Gedächtnis lässt uns verstehen, dass wir nicht allein sind. Wir sind ein Volk: ein Volk, das eine Geschichte hat, das eine Vergangenheit hat, das Leben hat.“6
Für uns Christen findet diese Verbundenheit ihren besonderen Ausdruck in der sonntäglichen Eucharistiefeier. Die gemeinsame Teilnahme bezeugt, wie der Katechismus erklärt, „die Zugehörigkeit und Treue zu Christus und seiner Kirche“. Die Gläubigen „bestärken einander unter der Leitung des Heiligen Geistes“7. Bitten wir Maria, uns zu helfen, den Sonntag bewusst als Tag der Freude über das neue Leben zu feiern, das Christus uns durch seine Auferstehung geschenkt hat.
1 Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 265.
2 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 9.1.2018, Nr. 1.
3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 26.
4 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2171.
5 Ebd., Nr. 2174.
6 Franziskus, Predigt, 2.11.2018.
7 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2182.

