Petrus und Paulus – ganz anders und stets zusammen

Zum Hochfest am 29. Juni

Schon ganz früh werden Petrus und Paulus gemeinsam dargestellt. Etwa in frühchristlichen Sarkophagen mit der Szene der „traditio legis“, der Übergabe des „neuen Gesetzes“: Die beiden Apostel stehen rechts und links des thronenden Christus, Petrus empfängt mit verhüllten Händen die Gesetzesrolle, Paulus spendet ihm Beifall. Nach einer alten, aber unsicheren Überlieferung haben sie während der Christenverfolgung unter Kaiser Nero am selben Tag das Martyrium erlitten, vermutlich zwischen den Jahren 64 und 67 an. Ist das der ganze Grund für ihr Zusammengehen?

Die Liturgie sieht tiefer. Sie nimmt nicht unsichere geschichtlichen Daten in Anspruch, sondern die Heilsgeschichte: „Petrus hat als erster den Glauben an Christus bekannt und aus Israels heiligem Rest die erste Kirche gesammelt. Paulus empfing die Gnade tiefer Einsicht und die Berufung zum Lehrer der Heiden. Darum ehren wir beide in gemeinsamer Feier“ (Präfation des Hochfestes).

Es fällt leicht, sie gemeinsam zu feiern, aber schwer, sie gemeinsam zu würdigen. Man kann schnell zu viel vom einen, zu wenig vom andern sagen.

Bei Petrus kommt uns als Erstes sein Messiasbekenntnis bei Cäsarea Philippi in den Sinn (vgl. Mt 16,13-20). Der Herr antwortet: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“

Als Zweites steht uns wahrscheinlich – es gibt ja so viele farbige Petrus-Szenen! – der wunderbare Fischfang vor Augen (Lk 5,1-11). Dessen überraschender Ausgang ist zugleich Eingang in die neue Lebensdimension christlicher Berufung: „Sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgte ihm nach.“ Jesus hatte dem Petrus vorher erklärt: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Es ist ermutigend, dieses Wort aus dem Mund des Herrn zu vernehmen. Wir würden es vielleicht nicht wagen, das christliche Zeugnis „Menschen fangen“ zu nennen, wenn nicht Christus selbst dieses Wort gesprochen hätte. Jetzt ist klar: Jeder Christ ist „Menschenfischer“, ist es dort, wo er eben ist: im Büro am Computer oder in der Fabrik an der Werkbank.

Der römische Bürger Saulus soll in den Jahren zwischen 7 und 10 nach Christus im kleinasiatischen Tarsus geboren worden sein. Aus Anlass seines 2000. Geburtstages wird Papst Benedikt am 28. Juni, dem Vorabend des Hochfestes, ein Paulusjahr ausrufen.

Bei Paulus fällt uns wahrscheinlich als Erstes seine plötzliche Begegnung mit dem Herrn vor Damaskus ein. Es war eine kopernikanische Wende in der kleinen Welt des allzu selbstsicheren Eiferers. Der neue Name Paulus bezeichnet eine neue Sicht, ja eine neue Mitte seines Lebens. „In der Stunde von Damaskus wird Paulus vom Joch gelöst, selbst leisten zu müssen – und damit von der Qual, es nicht zu können“ (Romano Guardini). Dies ist der Kern seiner Verkündigung: „Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht“ (Eph 2,4). Der Apostel weiß, dass die Initiative von Gott ausgeht. Nicht mehr er und seine Leistung, sondern Christus und seine Gnade sind die Mitte.

Es gibt eine Situation, in welcher es leicht fällt, sich die beiden Apostel gleichsam im angeregten Gespräch miteinander vorzustellen. Paulus schreibt, er sei nach Jerusalem hinaufgegangen, „um Kephas kennenzulernen“, und sei „fünfzehn Tage bei ihm“ geblieben (vgl. Gal 1,18). Der Historiker Peter Berglar macht sich in seinem posthumen Petrusbuch hilfreiche Gedanken über den Hintergrund dieser Begegnung: „Paulus ist als ‘Geist‘, als ‘Theologe‘ viel größer gewesen als Simon Petrus. Der Gipfel seiner Größe liegt aber vielleicht darin, dass er jeder Versuchung zum intellektuellen Hochmut widerstanden und in dem ‘kleinen Format‘ des Kephas, wie er ihn meist nennt, die Weisheit, Gnade und Liebe Jesu Christi erkannt hat, die gerade deshalb ihn und keinen anderen als seinen Stellvertreter auf Erden einsetzte. Paulus begab sich nach Jerusalem, weil Simon Petrus dort war, das irdische Haupt der Kirche, und weil er ihn annehmen musste, er vor allen und als erster (1).

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(1) Peter Berglar, Petrus. Vom Fischer zum Stellvertreter, Köln (Adamas) 1999, ISBN 3 925746 79 X, S. 370. – Aus dem Geleitwort von Joseph Kardinal Ratzinger: „Dieses Buch ist nicht bloß Historie, es ist Bekenntnis. Es handelt von einer Vergangenheit, die Gegenwart trägt, weil sie Eintreten des Ewigen in die Zeit war."