„Dein Essen steht im Kühlschrank!“ – Markos Weg in die Kirche

Der Finne Marko Tervaportti erzählt in dem Buch „Warmer Nordwind“ von José Miguel Cejas seinen Weg in die katholische Kirche, in die er am 25. Mai 1993 eingetreten ist.

Persönliche Zeugnisse
Opus Dei -  „Dein Essen steht im Kühlschrank!“ – Markos Weg in die Kirche

Markos Schlüsselerlebnis in Helsinki war die Begegnung mit katholischen Familien, die gemeinsam zu Mittag aßen und beteten. Auch von der Freiheit der katholischen Kirche, die nicht unter staatlichem Protektorat stand, war er beeindruckt. Mit Hilfe des Pfarrers einer der beiden katholischen Kirchen in Helsinki hatte er sich auf diesen Schritt vorbereitet.

„Marko Tervaportti ist ein korpulenter, ruhiger Mann, der ab und zu innehält, um zu reflektieren. Er schließt dann für einige Sekunden die Augen, überdenkt, was er sagen will, und fährt fort. Goyarrola, ein Student aus dem Baskenland, übersetzt mir in Helsinki seine Worte. Ich stelle Marko die Frage: „Warum interessieren sich viele Finnen, die in einer stark säkularisierten Gesellschaft leben, heutzutage so sehr für das Christentum?“ Marko T.: „Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn es ist diese Sehnsucht nach Christus, die man zur Zeit im Leben vieler Finnen beobachten kann. Und das hat viele Gründe.

Der Heilige Geist weht, wo er will

Auf der einen Seite ist da die tiefe Unzufriedenheit und die innere Leere, die durch den Materialismus entstanden ist. Auf der anderen Seite erleben wir das Wirken des Heiligen Geistes, der weht, wo Er will, wie Er will und wann Er will. Und manchmal auf sehr überraschende Weise. Schau, ich bewege mich als Philosoph in der Welt der Gedanken, und mein Leben hat sich durch etwas ganz Materielles und Prosaisches verändert, nämlich durch das Essen. Ich erzähle es dir: Ich habe mein Examen in Philosophie und deutscher Literatur abgelegt und war eine Zeit lang Lehrer in einer Schule in Vantaa, in der die Hälfte der Schüler aus zerrütteten Elternhäusern kamen. Einige lebten bei einem Familienmitglied – zum Beispiel bei der Oma – und die große Mehrheit war außerhalb der Ehe geboren. Ich dachte über dieses Problem nach, das in jüngster Zeit vermehrt auftritt und dessen Ursachen sehr unterschiedlich sind. Eine davon ist der Zweite Weltkrieg, dessen traurige Folgen noch andauern. Viele der Soldaten, die überlebten, verfielen dem Alkohol und anderen Krankheiten und in ihrem Zuhause – das viele Jahre in den Händen ihrer Frauen war – waren sie unerwünscht. Nichts war mehr wie vorher.

Die freie Liebe zerstört die Familie

Mit der sexuellen Revolution in den Sechzigerjahren begann, wie in anderen Ländern der Welt auch, die freie Liebe, die zur Zerstörung der Familien führte. Hinzu kam aufgrund unserer geografischen Lage der Einfluss von Schweden und in gewissem Maße auch der Sowjetunion und das brachte uns den materialistischen Sozialismus. Außerdem fehlte im Süden Finnlands die religiöse Kraft. Ich sage absichtlich im Süden, denn im Zentrum des Landes und in Lappland ist die Wirklichkeit ganz anders. Als ich jung war und wie viele als Rucksacktourist in Österreich, Italien, Griechenland oder Spanien unterwegs, erstaunte mich sehr, dass die Kirchen offen und dort so viele Bilder der Muttergottes zu sehen waren.

Ich empfand die Abwesenheit Gottes

Als ich zurückkam, spürte ich die Abwesenheit Gottes in den Straßen Helsinkis und das ließ mein Herz erfrieren. Das alles und noch viele andere Gründe zersetzten das Ideal der Treue in der Ehe und zerstörten die christliche Tradition, die die finnischen Familien jahrhundertelang gelebt hatten. Derzeit ist das Ergebnis, dass der Umgang zwischen Eltern und Kindern in der Familie sehr kalt ist. Die meisten Eltern haben eine große Distanz zu ihren Kindern und sehr selten zeigen sie einander ihre gegenseitige Liebe. Natürlich sind nicht alle Familien so. Zum Beispiel meine Mutter – sie wurde als Baby von einem lutherischen Pastor adoptiert – hat mir den christlichen Humus mitgegeben und sie gab mir jeden Tag einen Kuss, wenn ich nach Hause kam. Aber meiner Frau, die eine eher konventionelle finnische Erziehung bekam, fällt es schwer, unsere Kinder zu umarmen und zu küssen, denn sie hat das nie in ihrer Familie erlebt.

Selten ist die Familie zusammen

Folgende Szene wiederholt sich Tag für Tag in Tausenden finnischen Haushalten: Das Kind – zehn, elf oder zwölf Jahre alt – kommt nach Hause und die Mutter oder jemand anderes, mit dem es zusammenlebt oder der gerade da ist, sagt ihm: ‚Dein Essen ist im Kühlschrank.‘ Manchmal handelt es sich sogar um ein Schlüsselkind, das niemanden vorfindet, wenn es nach Hause kommt. Es geht in die Küche, nimmt sich, was es will, und schließt sich im Zimmer ein, um am Computer zu spielen, sich mit den Freunden per WhatsApp zu unterhalten oder im Internet zu surfen. Nur in sehr seltenen Fällen isst die Familie zusammen. Auf der anderen Seite ist die Erziehung bei uns sehr normativ. Viele Eltern richten sich nach Prinzipien, die die Folge von Ideologien unserer jüngsten Geschichte sind.

Die Schule präsentierte Unzumutbares

Wenn die pädagogischen Autoritäten dieses oder jenes raten – so denken sie –, wird das schon gut sein. Sicher, unser System ist sehr gut, es ist international anerkannt, aber die pädagogischen Inhalte, die in diesem großartigen System weitergegeben werden, sind zweifelhaft. Ich habe eine kleine Tochter in der Schule und man bringt ihr unzumutbare Dinge bei, Folge einer sexualisierten Ideologie. Wenn ich dann protestiere, sehen mich sowohl der Lehrer als auch die Eltern erstaunt an. Ein Vater, der sich erdreistet, nicht mit dem einverstanden zu sein, was das Erziehungsministerium vorschreibt! Und sie sind noch erstaunter, wenn ich ihnen sage, dass ich das Recht habe, meine Kinder gemäß meiner eigenen Überzeugungen zu erziehen. Das ist eine Art zu denken, die für viele befremdlich ist, denn sie sehen die Familie nicht als einen Ort, an dem Werte weitergegeben werden. Bei den meisten Familien besteht nicht diese Sorge, die Kinder in den eigenen Überzeugungen zu erziehen, wie es in anderen Ländern der Fall ist. ‚Da kümmert sich schon der Staat drum‘, so denken einige. ‚Das ist die Aufgabe der Erzieher‘, denken andere, ‚das sind diejenigen, denen das zusteht, denn sie sind Spezialisten in dieser Materie.‘

Eltern halten sich in der Erziehung zurück

Diese Mentalität erklärt, warum sich nur wenige finnische Eltern für die Erziehung ihrer Kinder – im weitesten Sinne des Wortes verstanden – verantwortlich fühlen. Sie verstehen ihre Verantwortung vor dem Gesetz, bis die Kinder achtzehn Jahre alt sind: Sie ernähren sie, geben ihnen ein Zuhause, bringen sie zum Arzt, wenn sie krank sind, und bemühen sich darum, dass sie ein gesundes Leben führen … und der Staat mit seinen Sozialeinrichtungen erleichtert ihnen diese Aufgabe: durch Mutter- oder Vaterschaftsurlaub, Hilfen bei der Betreuung, Schulgeldfreiheit. Aber wenn die Kinder achtzehn Jahre alt sind und sich emanzipieren, trennen sich Eltern und Kinder voneinander, wenn es in den Familien zuvor nicht diese starken affektiven Bindungen gegeben hat. Sie werden zu Fremden. Einige treffen sich noch sporadisch, besuchen sich einmal im Jahr oder schreiben sich zu Weihnachten. Den meisten fällt diese Trennung nicht sehr schwer, denn die Bindung zwischen Eltern und Kindern ist sehr schwach. Den Eltern ermöglicht die Emanzipation ein bequemeres Leben und den Kindern die Freiheit, die sie sich wünschen. Die Studenten haben keine Eile, ihr Studium zu beenden, denn der Staat bezahlt ihnen einen großen Teil der Unterkunft und die Universität und sie wissen, dass sie in der Zukunft ohne große Schwierigkeit eine Arbeit finden werden. Außerdem gibt es für die Studenten viele Vergünstigungen.

Bei Krankheit hilft meist der Lebenspartner

Man kann sich wirtschaftlich über Wasser halten, indem man während des Sommers arbeitet oder zum Beispiel sein Studium ein Jahr lang unterbricht, um eine Reise durch Europa zu machen. Und wenn du krank wirst, begleitet dich das Mädchen oder der Junge, mit dem du zusammenlebst. In den seltensten Fällen ist es jemand aus der Familie, es sei denn in extremen Situationen. Das ist die allgemeine Norm, natürlich gibt es auch Ausnahmen. Wie ich dir am Anfang sagte, begann meine Annäherung an die katholische Kirche konkret damit, dass die katholischen Familien, die ich kennenlernte, zusammen aßen. Ich verstand, dass es da um mehr ging als um eine soziale Tradition oder darum, dass es schöner war, in Begleitung zu essen. Es ist ein äußeres Zeichen der christlichen Botschaft der Liebe, die das Leben menschlicher, wärmer und froher macht. Ich war sehr erstaunt, als ich mich in die Lehre der Kirche über die Ehe zu vertiefen begann. Wir suchen alle nach dem Glück und die christliche Erfahrung lehrt, dass man auf der Welt glücklich sein kann auch inmitten von Leid. Dieses Glück, vereint mit der Saat der Botschaft Christi, der Liebe und des Friedens, zieht die Menschen dieser Gesellschaft an, die auf die großen Fragen keine Antwort haben: ‚Welchen Sinn hat mein Leben?‘ ‚Welchen Sinn hat der Schmerz?‘ ‚Sind wir unnütze, absurde Wesen, zum Scheitern und zum Tod verurteilt?‘ Der Pfarrer von einer der beiden Kirchen in Helsinki hat mir die Wahrheiten des Glaubens erklärt und ich bin am 25. Mai 1993 in die katholische Kirche eingetreten. Sieben Jahre danach, am 15. Juli, habe ich geheiratet. Wir haben fünf Kinder, von denen drei noch leben. Die beiden anderen sind schon im Himmel.

Die katholische Kirche ist nicht an politische Interessen gebunden

Wie du siehst, habe ich nicht auf deine Frage geantwortet, aber ich denke, es gibt einen Grund, weshalb konkret die katholische Kirche in Finnland wächst. Es gibt natürlich nicht nur den einen, aber mir scheint er wichtig: Es ist eine Kirche, die nicht vom Staat abhängt. Sie handelt nicht in Funktion der Regierung oder der Zusammenschlüsse verschiedener Parteien. Sie kann sagen, was sie will – und das tut sie auch –, denn sie ist nicht an politische Interessen gebunden. Diese Kirche ist frei, sie ist eine Kirche, die keine Angst hat.“

Warmer Nordwind: Lebenszeugnisse von Christen in den nordischen Ländern / José Miguel Cejas ; aus dem Spanischen von Helga Kegel und Janni Büsse, fe-Medienverlag, Kisslegg 2018 (mit freundlicher Genehmigung)