EINES TAGES, als Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zog, stellte ihm jemand die Frage: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? (Lk 13,22-23). Die Frage spiegelt eine Sorge wider, die wir wohl alle kennen: Ist das Heil nur für eine kleine, auserwählte Gruppe bestimmt? Werde ich dazugehören? Ist mein Leben, so wie ich es führe, ausreichend, um in das Reich Gottes zu gelangen? Jesus scheint den Unterton zu verstehen, seine Antwort ist jedoch keineswegs beruhigend. Im Gegenteil, sie bestätigt unsere Bedenken: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen (Lk 13,24). Der Herr bekräftigt, dass das Heil mit Anstrengung verbunden ist, und macht zugleich deutlich, dass diese nicht genügt: Denn viele werden es versuchen, doch nicht alle werden es schaffen. Jesus, der will, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2,4), macht uns bewusst, dass uns unsere guten Werke allein den Himmel nicht verdienen – denn dieser ist eine Gabe, die denen zuteil wird, die der Gnade entsprechen.
Worin besteht also der Weg der Erlösung? Jesus spricht es hier nicht direkt aus, gibt aber Hinweise darauf, was nicht ausreicht: Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid (Lk 13,25-27).
Jesus macht uns klar, dass es nicht genügt, ihn nur oberflächlich zu kennen, ein vages Bild von ihm und seiner Lehre zu haben, um in das Himmelreich zu gelangen, und lädt uns so gewissermaßen ein, eine persönliche Beziehung zu ihm aufzubauen, ein Leben des Gebetes zu führen, aus der Anonymität der Masse herauszutreten. Der heilige Josefmaria unterschied im Bemühen um die Gleichgestaltung mit Christus vier Stufen: ihn suchen, ihn finden, mit ihm Umgang haben, ihn lieben. Und er sagte: „Vielleicht merkt ihr, dass ihr euch noch auf der ersten Stufe befindet. Sucht ihn voller Sehnsucht, sucht ihn in euch selbst mit aller Kraft. Wenn ihr so zielstrebig vorgeht, kann ich euch versichern, dass ihr ihn bereits gefunden und begonnen habt, Umgang mit ihm zu haben, ihn zu lieben und euer Gespräch im Himmel zu führen.“1
JESUS fährt mit seiner düsteren Rede fort: Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid (Lk 13,28). Diese Worte wirken hart und bedrückend, enthalten aber zugleich einen Funken Hoffnung, denn Jesus spricht hier von Menschen, die den Weg durch die enge Pforte gefunden und das Heil erlangt haben. Und diese Menschen sind keine unbekannten Gestalten – wir kennen ihre Geschichte aus der Heiligen Schrift und wissen, dass sie nicht fehlerfrei waren. Auch sie hatten Schwächen, wie wir. Jesus macht uns also deutlich, dass Schwachheit kein Hindernis ist, das uns den Zugang zum Himmelreich verwehren könnte.
So verstehen wir auch die Worte des heiligen Paulus, der schrieb: Viel lieber will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2 Kor 12,9-10). Das Leben jener, die vor uns waren, zeigt uns, wie der Weg der Heiligkeit aussieht: Es geht nicht darum, ein fehlerloses Leben zu führen, sondern darum, der göttlichen Barmherzigkeit zu erlauben, unser Ringen darum zu erhellen, uns immer mehr mit Jesus Christus zu identifizieren. Letztlich ist auch er es, wie der heilige Josefmaria sagte, „der für unsere Schwäche Verständnis hat und uns über eine sanft ansteigende Ebene zu sich hinzieht. Er wünscht sich lediglich, dass wir im Bemühen beharrlich bleiben und Tag für Tag ein wenig höher steigen“2.
Um diese Gnade zu empfangen, müssen wir bereit sein, unsere Sünden anzuerkennen. Denn „um ihr Werk zu tun“, so lesen wir im Katechismus der katholischen Kirche, „muss die Gnade die Sünde aufdecken, um unser Herz zu bekehren und uns durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn (Röm 5,21), zu führen. Wie ein Arzt die Wunde untersucht, bevor er sie verbindet, so wirft Gott durch sein Wort und seinen Geist ein helles Licht auf die Sünde.“3 Das schlichte Eingeständnis unserer Hinfälligkeit bewegt Jesus und lässt ihn zu uns kommen, wenn wir ihn am meisten brauchen.
JESUS hat unsere Neugierde nicht gestillt und nicht geklärt, ob viele oder wenige gerettet werden. Doch er hat verdeutlicht, dass das Heil Anstrengung erfordert – eine Anstrengung, die jedoch für jeden möglich ist. Die Bedingungen, um in das Himmelreich zu gelangen, sind für alle dieselben. So werden sie von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen (Lk 13,29).
Der Zugang zur Heiligkeit, die Pforte des Himmels, mag zwar schmal sein, doch steht sie allen offen – ohne Ausnahme. In diesem Sinn predigte Papst Franziskus: „Jesus schließt niemanden aus. Vielleicht mag jemand von euch sagen: ‚Aber Vater, ich bin bestimmt ausgeschlossen, weil ich ein großer Sünder bin und viel Schlechtes in meinem Leben getan habe.‘ Nein, du bist nicht ausgeschlossen! Genau deshalb bist du bevorzugt, denn Jesus sucht den Sünder auf, um ihm zu vergeben und ihn zu lieben. Jesus wartet auf dich, um dich zu umarmen und dir zu vergeben. Hab keine Angst – er erwartet dich.“4
Gott vertraut darauf, dass jeder Einzelne von uns diese universelle Einladung zur Freundschaft mit Christus weiterträgt. Der heilige Josefmaria schrieb: „Diejenigen, die Christus gefunden haben, dürfen sich nicht in ihre eigene Welt zurückziehen. Es wäre traurig, wenn sie sich isolierten! Vielmehr sollten sie sich wie ein Fächer nach allen Seiten hin öffnen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Jeder soll um sich einen wachsenden Freundeskreis bilden und durch sein berufliches Ansehen, sein Verhalten und seine Freundschaft Zeugnis ablegen – damit es Christus ist, der durch dieses Ansehen, dieses Verhalten und diese Freundschaft in der Welt wirkt.“5 Bitten wir unsere Mutter Maria, neuen Mut zu fassen auf dem Weg der Heiligkeit und uns durch das Eingeständnis unserer Schwächen und Fehler bereit zu machen, die nötige Gnade dafür zu erhalten.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 300.
2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 75.
3 Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1848.
4 Franziskus, Angelus-Gebet, 25.8.2013.
5 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 193.