JESUS ist manchmal schwer zu begreifen. So sehen wir im Evangelium, dass die Apostel den Sinn seiner Worte oder seiner Werke nicht immer erfassen. Es fehlt ihnen die Perspektive. Dies bemerkt der Meister etwa im Anschluss an die Brotvermehrung und nach seiner Aussage über den Sauerteig der Pharisäer. Und er fragt sie: Was macht ihr euch darüber Gedanken, dass ihr kein Brot habt? Begreift ihr noch nicht? (Mt 16,8-9). Ein anderes Mal konnte Petrus die Ankündigung des Leidens Jesu nicht verstehen. Als er versucht, den Meister davon abzubringen, weist dieser ihn zurecht: Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen(Mt 16, 23).
Es ist normal, dass wir auf unserem Weg zu Gott auf das Hell-Dunkel des Glaubens stoßen; Momente des Zweifels, in denen wir den Sinn der Dinge, die uns widerfahren, nicht erkennen. Der Herr verschont uns nicht vor Unklarheit. Auch die Apostel und zahllose Heilige haben im Laufe der Jahrhunderte solche Prüfungen erlebt. Gleichzeitig sollen wir, wie sie, die Gewissheit gewinnen, dass hinter den Wolken die Sonne scheint. Vielleicht ist unsere erste Reaktion wie die des Petrus, der einem Scheitern um jeden Preis ausweichen wollte. Jesus hingegen lädt uns ein, das Gute zu entdecken, das in der Schwierigkeit liegt. So wie sein Tod am Kreuz uns das Leben geschenkt hat, so kann auch das Scheitern etwas von diesem unermesslichem Wert in sich bergen.
Wie der heilige Josefmaria sagt, besteht der größte Gewinn, den wir aus solchen Situationen ziehen können, manchmal im Wunsch, uns mit noch größerem Vertrauen im Herrn zu verankern: „Diese Ungewissheit ist eine weitere Wohltat der Liebe Gottes, denn wie ein kleines Kind muss ich nun Zuflucht in den Armen des Vaters suchen und jeden Tag ein wenig kämpfen, damit ich mich nicht von ihm entferne. Dann bin ich sicher, dass Gott mich nicht von seiner Hand lassen wird.“1 In dieser Gebetszeit bitten wir den Herrn, uns zu helfen, den Sinn der Dinge zu entdecken, die uns jeden Tag widerfahren, und unsere Freude nicht zu verlieren, wenn wir sie nicht verstehen. Denn wir wissen, dass er uns immer sieht, uns begleitet, uns segnet und für uns sorgt.
NACH mehreren Erfahrungen des Nicht-Verstehen-Wollens seines einzelner Juden kehrt der Herr zurück, um seinen Jüngern zu verkünden: Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert werden und sie werden ihn töten; aber am dritten Tag wird er auferweckt werden (Mt 17,22). Man könnte meinen, dass seine Jünger inzwischen eine gewisse Vertrautheit mit den überraschenden Prophezeiungen ihres Meisters erlangt hätten. Das Evangelium zeigt jedoch, dass sie immer noch weit davon entfernt sind, über ein ausreichendes übernatürliches Verständnis zu verfügen, um seine Worte verstehen zu können: So wurden sie wegen dieser Ankündigung sehr traurig (Mt 17,23).
Die Apostel lassen es zu, dass ihr Blick von der Traurigkeit vernebelt wird. Dieses Gefühl lässt sie nicht erkennen, dass der Herr ihnen den Schlüssel zu ihrer Freude geben will: nämlich dass sein Leiden einen Sinn hat, weil er auferstehen und sie von der Sünde befreien wird. Die Traurigkeit hindert sie daran, sich über die Frohbotschaft des Heils zu freuen. Daher haben einige Wüstenväter, wie Papst Franziskus sagte, die Traurigkeit „als einen Wurm im Herzen beschrieben, der alle zerfrisst und aushöhlt, die ihm Raum geben“2: Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf alles, was nicht unseren Erwartungen entspricht, und macht es uns schwer, die Wirklichkeit um uns herum zu genießen. Der Herr lässt uns in unserem täglichen Leben weiterhin, wie er es bei den Aposteln getan hat, Verheißungen und Wünsche, Momente des Leidens und der Auferstehung erfahren. Er tut dies durch unsere täglichen Aufgaben, durch die Beziehungen, die unser Leben durchweben. Jedes Ereignis, jeder Mensch ist in gewissem Sinn eine Botschaft von Gott. Wenn wir sie mit der Freude der Auferstehung entgegennehmen, können wir den Sinn vieler auch schmerzlicher Dinge erkennen. Papst Franziskus lehrte: „So sehr das Leben voller Widersprüche, zerschlagener Wünsche, unerfüllter Träume, verlorener Freundschaften sein kann, so können wir dank der Auferstehung Jesu doch daran glauben, dass alles gerettet werden wird. Jesus ist nicht nur für sich selbst auferstanden, sondern auch für uns, um alles Glück freizusetzen, das in unserem Leben unerfüllt geblieben ist. Der Glaube vertreibt die Angst, und die Auferstehung Christi nimmt die Traurigkeit hinweg wie den Stein vom Grab.“3
WENN WIR den Prozess der Apostel miterleben, kann uns das mit Trost erfüllen. Sie machten Misserfolge, Zweifel, Kummer durch ..., aber es fehlte ihnen nie an Einfachheit. Sie drücken zum Beispiel ihre Zweifel mit Klarheit aus. Angesichts des misslungenen Wunders des Besessenen fragen sie: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? (Mt 17,19). Zu einem anderen Zeitpunkt wollen sie den Grund für die Lehrweise des Herrn wissen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? (Mt 13,10). Auch verbergen sie ihre Gefühle nicht: Sie zeigen ihre Freude, wenn sie in der Herrlichkeit des Tabor sind: Herr, es ist gut, dass wir hier sind (Mt 17,4) – und ihre Traurigkeit über die zweite Ankündigung der Passion (vgl. Mt 17,23). Der heilige Josefmaria lädt uns ein, auf diese Eigenschaft der Jünger zu achten: „Sieh, die Apostel waren, bei all ihren offenkundigen und unleugbaren Fehlern, aufrichtig, schlicht…, durchsichtig. Auch du hast offenkundige und unleugbare Fehler. – Dass dir doch nicht die Einfachheit fehlen.“4
Diese Tugend hilft uns, uns in Gottes Hände zu begeben, uns in seinen Sicherheiten zu verankern und nicht in unseren eigenen. Jeder Tag bietet uns mehrere Gelegenheiten, diese apostolische Haltung einzunehmen: uns kindlich an Gott wenden, ohne brillante Reden halten zu müssen; die Menschen so zu lieben, wie er sie geschaffen hat, ohne sie auf unsere Weise verändern zu wollen; in der realen Gegenwart zu leben und nicht in Phantasien; Jesus vertrauensvoll die Zweifel zu äußern, die wir vielleicht haben ... Wegen ihrer Einfachheit zog Maria den Blick Gottes auf sich. Sie ist, wie Papst Franziskus sagte, „in ihrer Kleinheit die erste, die den Himmel erobert. Das Geheimnis ihres Erfolges liegt gerade darin, sich selbst als klein und bedürftig zu erkennen. Bei Gott kann nur derjenige alles empfangen, der weiß, dass er nichts ist. Nur wer sich selbst entäußert, wird von ihm erfüllt. Und Maria ist gerade wegen ihrer Demut voll der Gnade(V. 28).“5
1 Hl. Josefmaria, Kreuzweg, 14. Station, 5.
2 Franziskus, Audienz, 7.2.2024.
3 Ebd.
4 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 932.
5 Franziskus, Angelus-Gebet, 15.8.2021.