NACHDEM SIE in Betanien genächtigt hatten, machten sich Jesus und seine Jünger auf den Weg zurück nach Jerusalem. Unterwegs verspürte der Herr Hunger, wie Matthäus berichtet. Für die Überlieferung solcher Details war der heilige Josefmaria dem Evangelisten stets dankbar: „Mich bewegt Christus immer, und besonders, wenn sichtbar wird, dass er wahrer, vollkommener Mensch ist, wo er ja auch vollkommener Gott ist. So will er uns lehren, dass wir sogar unsere Bedürftigkeit und natürlichen Schwächen nutzen können, um uns als Ganzes – so wie wir sind – dem Vater darzubringen, der dieses Ganzopfer gerne annimmt.“1
Doch konnte Jesus seinen Hunger in diesem Moment nicht stillen. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen (Mk 11,13-14). Mit solchen Worten hatten die Apostel nicht gerechnet. Ihnen war klar, dass der Feigenbaum zu dieser Zeit keine Früchte tragen konnte. „Warum verflucht er ihn auf diese Weise?“, werden sie sich gefragt haben.
Die Geste Jesu ist nicht einfach ein Vorwurf an den Baum, weil er seinen Hunger nicht stillt. Der Feigenbaum ist vielmehr ein Symbol für das Volk Israel. Gott hat sich ihm genähert mit dem Verlangen, an ihm Früchte der Heiligkeit und gute Werke zu finden, aber er scheint nichts gefunden zu haben als äußere Übungen: eine Menge Blätter, die keine Früchte tragen. Papst Franziskus erklärt: „Der Feigenbaum steht für die Unfruchtbarkeit, das heißt für ein steriles Leben, das nichts zu geben vermag. Ein Leben also, das keine Frucht trägt und unfähig ist, Gutes zu tun. Ein Mensch dieser Art lebt für sich, in aller Ruhe, egoistisch, er will keine Probleme haben. Und Jesus verflucht den Feigenbaum, weil er unfruchtbar ist, weil er nicht das Seine getan hat, um Frucht zu tragen.“2 Fragen wir uns in dieser Weile des Gebets: Kann ich dem Herrn Früchte anbieten, die seiner geduldigen, beharrlichen und großherzigen Liebe entsprechen?
IN JERUSALEM angekommen, ging Jesus in den Tempel. Als er sah, dass dieser voll von Käufern und Händlern war, die laut debattierten, begann er, die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler umzustoßen, und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht (Mk 11,15-17).
Der Tempel war die Wohnstätte Gottes. Deshalb reagiert Jesus so heftig: Es schmerzt ihn, dass ein Ort, der dazu bestimmt war, die Begegnung zwischen Gott und seinem Volk zu fördern, zum Marktplatz geworden ist. So führt er eine Reinigung des Tempels durch, die über die Vertreibung der Händler hinausgeht. Jesus ist gekommen, um diesen Raum des vertrauten Umgangs mit Gott zu verteidigen; er will die Nähe des Vaters sichtbar machen.
Der Herr vergleicht den Tempel in Jerusalem sodann mit seinem eigenen Leib und offenbart damit die tiefste Wahrheit über sich selbst: Er ist das Wort Gottes, das unter uns Wohnung genommen hat. Darüber hinaus wird Gott in jedem Christen durch dessen Teilhabe am Leben Christi einen neuen Tempel finden: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen (Joh 14,23). Die Sünde hingegen verwandelt einen so heiligen Ort wie unsere Seele in einen Raum für weltliche Geschäfte. In den Sakramenten und im Gebet kommt Jesus uns neuerlich zu Hilfe, um zu beseitigen, was sich in unserem Inneren festgesetzt hat und was wir nur schwer reinigen können.
AM NÄCHSTEN Tag kamen Jesus und die Apostel nochmals an dem Baum vorbei, der keine Früchte getragen hatte. Als sie sahen, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war, bemerkte Petrus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Vielleicht nahm der Herr ein gewisses Staunen bei seinen Jüngern wahr, als sie sahen, wie sich seine Worte erfüllt hatten, und so sagte er: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen (Mk 11,21-23).
Der Herr bereitet seine Jünger auf die Aufgabe vor, die er ihnen nach seinem Fortgang anvertrauen wird: das Evangelium in der ganzen Welt zu verbreiten. Anfangs dürfte ihnen schwindlig geworden sein angesichts dieser Aufgabe. Doch Jesus versichert ihnen, er selbst werde sie über die kühnsten Vorstellungen, die sie sich machen konnten, hinausführen, wenn sie nur Glauben haben und auf die Liebe Gottes vertrauen. Und selbst wenn die Dinge einmal nicht wie erwartet verliefen, sollten sie in ihren Herzen dennoch stets die Gewissheit bewahren, dass Gott sie niemals verlassen wird.
Das Leben aus dem Glauben birgt in der Tat einen „riskanten“ Moment, denn es bedeutet einen „Sprung“: etwas weniger auf die eigenen Sicherheiten vertrauen, um die Sicherheiten zu umfangen, die Gott uns bietet und die über unsere Vorstellungen hinausgehen. Von Josef Ratzinger stammt ein viel zitierter Satz über das Abenteuer des Glaubens: „Der Glaube ist das Finden eines Du, das mich trägt und in aller Unerfülltheit und letzten Unerfüllbarkeit menschlichen Begegnens die Verheißung unzerstörbarer Liebe schenkt, die Ewigkeit nicht nur begehrt, sondern gewährt.“3 Mit ihrem „Fiat“ hat die Jungfrau Maria auf die Worte des Engels hin den Sprung gewagt. Ihr Leben gewann dadurch einen unvorstellbaren Horizont: Aufgrund ihres Glaubens wurde die junge Frau aus Nazaret zur Mutter Gottes und aller Menschen.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 50.
2 Franziskus, Tagesmeditation, 29.5.2015.
3 J. Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kösel-Verlag München, 1968 (6. Aufl.), S. 53.

