DAS HEUTIGE EVANGELIUM versetzt uns noch einmal zurück in den Abendmahlssaal, wo sich Jesus im hohepriesterlichen Gebet in Gegenwart der Jünger an seinen Vater wendet. Die erste Bitte, die er ausspricht, gilt ihm selbst: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! (Joh 17,1). Benedikt XVI. wies darauf hin, dass dies mehr ist als eine Bitte, nämlich „die Erklärung der vollen Bereitschaft, frei und großherzig in den Plan Gottes, des Vaters, einzutreten, ...“1 Dabei nahm Jesus die Passion deshalb auf sich, damit er, wie er selbst sagt, allen, die der Vater ihm gegeben hat, ewiges Leben schenkt. Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus (Joh 17,2-3). Benedikt XVI. erläutert auch dieses Wort Christi und sagt: „,Ewiges Leben‘ ist nicht – wie der moderne Leser wohl unmittelbar denkt – das Leben, das nach dem Tode kommt (…). ,Ewiges Leben‘ ist das Leben selbst, das eigentliche Leben, das auch in dieser Zeit gelebt werden kann und dann durch den physischen Tod nicht mehr angegriffen wird, (…), das durch nichts und niemand mehr zerstört werden kann.“2 Dieses „ewige Leben“ wird, wie Jesus sagt, durch Erkenntnis gewonnen, nämlich durch die Erkenntnis von Gott Vater und Gott Sohn. Da Erkennen im biblischen Sinn das Eins-Werden mit dem Erkannten meint, kann Papst Benedikt sagen, dass das „ewige Leben“ ein „Beziehungsereignis“ (ebd.) darstellt.
Die zweite Lesung eröffnet uns die Perspektive, durch die Annahme von Kreuz und Leid an der Verherrlichung Gottes teilzuhaben. So empfiehlt Petrus demjenigen, der leidet, weil er ein Christ ist, sich nicht zu schämen, sondern sich darüber zu freuen, Anteil an den Leiden Christi zu haben (vgl. 1 Petr 4,13) und Gott darin zu verherrlichen (vgl. 1 Petr 4,16). Der heilige Josefmaria lud in diesem Sinne ein: „Verbinden wir die Kleinigkeiten, die wir zu tragen haben – die kleinen wie die großen Widrigkeiten –, mit dem grenzenlosen Leiden des Herrn, der sich opfert – er ist das einzige Opfer! Unsere geringfügigen Überwindungen gewinnen so an Wert, sie sammeln sich zu einem Schatz an, (...). So wird jedes Leid nach kurzer Zeit überwunden. Weder Menschen noch Dinge können uns den Frieden und die Freude rauben.“3
DER HAGIOGRAPH beschließt jeden Schöpfungstag mit den Worten: Gott sah, dass es gut war (Gen 1,10.12.18.21.25). Der Schöpfer selbst scheint die Pracht zu bestaunen, die seinen Händen entsprungen ist. Nach der Erschaffung des Menschen erhält der Kommentar eine neue Nuance: Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut (Gen 1,31). Die Heilige Schrift betont so, dass der Mensch sich in seiner Schönheit von der übrigen geschaffenen Welt abhebt und für Gott etwas Besonderes darstellt. Um diese Schönheit ebenso zu sehen, benötigen wir die Gabe der Erkenntnis, die „nicht Erkenntnis im technischen Sinne ist, wie sie an der Universität gelehrt wird, sondern Erkenntnis im tieferen Sinne“, wie Benedikt XVI. Firmlingen erklärte. Durch sie sehen wir alles, was uns umgibt als Gottes Werk, wir lernen „in der Schöpfung die Zeichen, die Spuren Gottes zu finden, zu verstehen, wie Gott zu jeder Zeit spricht, wie er auch zu mir spricht“4. Durch sie erschließt sich uns, wie Johannes Paul II. sagte, „die theologische Bedeutung der Schöpfung“5.
Durch die Gabe der Erkenntnis drängt uns der Heilige Geist schließlich zum spontanen Lobgesang, der Gottes Größe anerkennt und preist. Ich schaue Gottes Güte im Land der Lebenden (Ps 27, 13), wiederholen wir heute im Kehrvers. „Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist“, beten wir mehrmals am Tag. Es ist wie das „Heilig, heilig, heilig“, das wir in der Heiligen Messe singen, ein Ausdruck dieses Wunsches, den Schöpfer zu ehren.
Der Lobpreis ist besonders im Buch der Psalmen präsent, mit Liedern und Anrufungen, die das Volk Israel im Gottesdienst zu singen pflegte. Der Psalmist, ein Vorbild des christlichen Beters, singt angesichts der Schönheit des Geschaffenen von seiner Liebe zum Schöpfer: Herr, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde (Ps 8,2); die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände (Ps 19,2); lobt den Herrn vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen (...). Lobt ihn, Sonne und Mond, lobt ihn, all ihr leuchtenden Sterne (Ps 148,1.3). Mit der Gabe des göttlichen Beistands erleben wir die Welt schöner und strahlender: Wir lernen, alles mit dankbaren Augen zu sehen und so zu lieben, wie Gott es liebt; wir entdecken die Spuren Gottes in jedem Wesen und wissen uns so von ihm begleitet.
SOBALD WIR die Größe der Schöpfung entdecken, lässt uns die Gabe der Erkenntnis nach Worten von Johannes Paul II. auch „den wahren Wert der Geschöpfe in ihrer Beziehung zum Schöpfer erkennen“6.So hilft uns der Heilige Geist, zwischen den Dingen und Gott zu unterscheiden und die unendliche Distanz zu entdecken, die sie voneinander scheidet. Wir geraten so nicht in die Versuchung, geschaffene Dinge zu Götzen zu machen, die uns von Gott trennen. Der heilige Josefmaria schrieb: „Wir lieben die Welt, weil Gott sie gut gemacht hat, weil sie vollkommen aus seinen Händen hervorgegangen ist – auch wenn einige Menschen sie durch die Sünde manchmal hässlich und schlecht machen –, und weil es unsere Pflicht ist, sie Gott zu weihen, sie ihm zuzuführen, sie ihm zurückzugeben: in Christus alles im Himmel und auf Erden wiederherzustellen (vgl. Eph 1,10).“7
Wir haben gerade das Hochfest Christi Himmelfahrt begangen. Der Herr hat uns erlöst und ist aufgestiegen zur Rechten des Vaters. Davor hat er uns, seine Jünger, beauftragt, uns mit ihm zu vereinigen, in einem heiligen Leben, das alles heiligt, was es berührt, und den Vater daher gebeten: Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst (Joh 17,15). Er will uns an unserem Platz haben, in unserer Arbeit, inmitten der Gesellschaft, in der wir leben, „in der Welt, aber nicht von der Welt“8, wie es in einer der frühesten christlichen Schriften, im berühmten Brief an Diognet, heißt, um sie zu heiligen, zu verwandeln, um alles, was wir in Händen haben, Gott zu Füßen zu legen und, mit Worten des heiligen Josefmaria, „Christus zum Ziel allen menschlichen Tuns zu erheben“9.
Mit der Gabe der Erkenntnis haben wir die Möglichkeit, erklärte Papst Benedikt, „mit dem Evangelium die tägliche Arbeit zu beseelen (...) und so der Arbeit, auch der schwierigen Arbeit, Würze zu verleihen“10. Indem wir uns auf Maria, die Mutter des Schöpfers, besinnen, lernen wir, die Hände zu preisen, die alles um uns herum geformt haben, und unsere Hände bereit zu machen, alles nach dem Wunsch Gottes weiterzuführen.
1 Benedikt XVI., Audienz, 25.1.2012.
2 Josef Ratzinger – Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Teil II, S. 100f.
3 Hl Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 785.
4 Benedikt XVI., Ansprache, 2.6.2012.
5 Hl. Johannes Paul II., Audienz, 23.4.1989.
6 Ebd.
7 Hl. Josefmaria, Briefe 23, Nr. 6.
8 Brief an Diognet, Nr. 6, zitiert in: Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 63.
9 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 59.
10 Benedikt XVI., Ansprache, 2.6.2012.

