MIT DEM heutigen Fest der Bekehrung des heiligen Paulus endet die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Es ist eine der radikalsten Bekehrungsgeschichten, die die Heilige Schrift zu bieten hat, die Apostelgeschichte gibt sie im Detail wieder. Hier begegnen wir Saul, der sich als kompromissloser Verteidiger des mosaischen Gesetzes verstand und in der Lehre Christi eine existenzielle Bedrohung für das Judentum sah. Mit fanatischem Eifer versuchte er, die Kirche zu vernichten; er drang in die Häuser ein, schleppte Männer und Frauen fort und lieferte sie ins Gefängnis ein. Mit Drohung und Mord wütet er gegen die Jünger des Herrn (Apg 8,3.9,1)
Mit neuen Vollmachten des Hohepriesters ausgestattet, macht sich Saul auf den Weg nach Damaskus. Dort will er die Anhänger des Weges Jesu aufspüren, fesseln und nach Jerusalem bringen (Apg 9,2). Doch auf diesem Weg greift Gott selbst ein. Kurz vor Damaskus umstrahlt Saul ein Licht vom Himmel. Er stürzt zu Boden und hört eine Stimme: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? (Apg 9,3). Die Begegnung mit dem auferstandenen Christus markiert eine Wende. Papst Leo XIV. wies darauf hin, dass sich „die Tragweite dieser Bekehrung in der Änderung seines Namens von Saulus zu Paulus widerspiegelt.“1 Jahre später blickt Paulus demütig darauf zurück: Er nennt sich den Geringsten der Apostel, nicht würdig dieses Namens, weil er die Kirche Gottes verfolgt hat. Und doch bekennt er: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin (1 Kor 15,10).
Der heilige Josefmaria hob hervor, dass Paulus menschlich gesehen nichts hatte, als Christus ihn berief – außer der Bereitschaft, eine Antwort zu geben und zu fragen: Herr, was soll ich tun? (vgl. Apg 9,6). Da erwählte ihn Jesus Christus zum Apostel.2 Derselbe leidenschaftliche Eifer, den er zuvor gegen die Christen gerichtet hatte, wurde nun zur treibenden Kraft der Evangelisierung. Nichts konnte ihn mehr aufhalten. Sein ganzes Leben blieb geprägt von dieser ersten Begegnung mit Christus, die zugleich der Beginn seiner Sendung war.
DIE ERSEHNTE EINHEIT der Christen ist kein Verdienst der Menschen, sondern eine Gabe Gottes, um die wir beharrlich bitten sollen. Denn wie der heilige Augustinus erinnerte: „Gnade wird, wenn sie wirklich Gnade ist, unverdient geschenkt.“3 Zugleich nimmt uns Gott, der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (1 Tim 2,4), in diesen Heilsplan hinein: Durch unser Leben und unser Wort sollen wir Zeugnis geben von der Freude, die aus der Begegnung mit Christus erwächst. Einige Fragen des heiligen Paulus sind dabei von ständig neuer Aktualität: Wie sollen Menschen an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet? Wie soll aber jemand verkünden, wenn er nicht gesandt ist? (Röm 10,14-15).
Papst Benedikt XVI. betonte, dass Paulus nicht aus eigener Kraft oder Anmaßung zum Apostel wurde: „Es ist der Herr, der ihn in das Apostolat einsetzt. Der Apostel wird nicht von sich aus zum Apostel, sondern er wird vom Herrn dazu gemacht; daher muss der Apostel ständig in eine Beziehung mit dem Herrn treten.“4 Das Fundament für Paulus’ unermüdliche Verkündigungsarbeit war seine persönliche Begegnung mit Jesus: Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen? (1 Kor 9,1). Indem er immer wieder zu diesem Anfang zurückkehrte, fand er die Kraft, Menschen unterschiedlichster Herkunft für Christus zu gewinnen. Auch heute wächst der Einsatz für die Einheit der Christen aus dieser persönlichen Nähe zum Herrn.
Paulus sah sich einem geharnischten Imperium gegenüber, das Göttern und Bräuchen huldigte, die dem Evangelium widersprachen. Doch davon unbeeindruckt, „stürzte sich Paulus“, wie der heilige Josefmaria anmerkte, „in die Verkündigung – zu jeder Zeit, sogar aus dem Gefängnis heraus.“5 Er war überzeugt: Nur die Begegnung mit Christus bringt wahres Glück. Deshalb konnte er den Korinthern schreiben: Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Mitarbeiter eurer Freude (2 Kor 1,24).
BEHARRLICHES Gebet ist der Weg, auf dem diese Überzeugung Frucht bringt. Der heilige Bernhard von Clairvaux riet: „Lerne zu beten, lerne zu suchen, lerne zu bitten, lerne zu rufen: bis du findest, bis du empfängst, bis dir geöffnet wird.“6 Paulus selbst ist dafür ein Beispiel: Nach der Begegnung mit Christus war er drei Tage blind und aß nicht und trank nicht (Apg 9,9). Erst nach dieser Zeit des Gebetes und der Buße sandte Gott seinen Diener Hananias zu ihm mit dem Auftrag: Geh nur! Denn dieser Mann ist mir ein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen (Apg 9,15-16).
Alle apostolische Arbeit – auch das Ringen um die Einheit der Christen – hängt letztlich von der Gnade Gottes ab. Darauf wies Papst Franziskus eindringlich hin: „Die Botschafter der Versöhnung in seinem Namen sind aufgerufen, ihr Leben hinzugeben und nicht mehr für sich selbst, sondern für den zu leben, der für sie gestorben und auferstanden ist.“7 Gebet und Buße sind deshalb keine Randthemen der Ökumene, sondern ihr Fundament.
Wie die Jünger Jesu nach der Himmelfahrt Jesu einmütig im Gebet mit Maria verharrten (vgl. Apg 1,14), so dürfen auch wir uns unter ihren Schutz stellen. Mit dem Beispiel des heiligen Paulus vor Augen hoffen wir, dass Gott vollendet, was er begonnen hat: dass alle Christen eines Tages vereint sein werden – in einer einzigen Gemeinschaft des Glaubens, an der Seite unserer himmlischen Mutter.
1 Leo XIV., Predigt, 25.1.2026.
2 Vgl. hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 9.4.1971.
3 Vgl. hl. Augustinus, Enarrationes in Psalmos, 31,2,7.
4 Benedikt XVI., Audienz, 10.10.2008.
5 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 25.8.1968.
6 Hl. Bernhard, Predigt über die Auferstehung, 5,14.
7 Franziskus, Predigt, 25.1.2017.

