JESUS STIEG auf einen Berg und rief die zu sich, die er selbst wollte (Mk 3,13). Mit dieser knappen Notiz beschreibt der Evangelist Markus einen Wendepunkt im öffentlichen Wirken Jesu. Die Männer, die er nun zu sich ruft, werden seine Sendung weitertragen. Ihre Berufung markiert den Übergang von der persönlichen Verkündigung Jesu zur Entstehung einer Gemeinschaft, die dauerhaft in seinem Namen handeln soll. Ein Detail des Berichts ist dabei alles andere als nebensächlich: Jesus steigt auf einen Berg. In der biblischen Sprache ist der Berg kein bloßer Schauplatz, sondern ein theologischer Ort. Er steht für das Gebet, für den Rückzug aus dem Lärm des Alltags, für die Nähe zu Gott. Die Berufung der Apostel geschieht nicht im Vorübergehen, sondern aus der Stille und aus der Gemeinschaft Jesu mit dem Vater heraus.
Die Apostel werden gleichsam im Gebet Jesu gezeugt – Benedikt XVI. präzisiert: „Ihre Berufung kommt aus dem Dialog des Sohnes mit dem Vater heraus und ist dort verankert.“1 Deshalb spricht Jesus später von den Jüngern als von jenen, die du mir gegeben hast (Joh 17,9). Auch heute richtet sich die Bitte um neue Arbeiter an den Herrn der Ernte (vgl. Mt 9,38).
Der Ruf und die Sendung des Apostels haben nicht nur ihren Ursprung, sondern auch ihren Bestand im liebevollen Gespräch zwischen Vater und Sohn. Papst Franziskus warnt eindringlich davor, an eine Weitergabe des Evangeliums zu glauben, „wenn in den Herzen nicht das Feuer des Heiligen Geistes brennt“2. Der Apostel wird nicht in der Aktivität geboren, sondern im Gebet. Verliert das Apostolat diese Mitte, wird es leicht zu einer Abfolge von Aufgaben – mühsam, erschöpfend, innerlich leer. Entspringt es hingegen der lebendigen Verbindung mit Gott, wird es zum natürlichen Ausdruck der eigenen Identität. Der heilige Josefmaria brachte es auf eine knappe Formel: Jede Form des Apostolats ist ein Überfließen des inneren Lebens.“3
MARKUS fasst Jesu Absicht in einem Satz zusammen: Er setzte zwölf ein, damit sie mit ihm seien und damit er sie aussende (Mk 3,14-15). Beides gehört untrennbar zusammen. Bei Jesus zu sein und gesandt zu werden sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Berufung. Zunächst bedeutete das Zusammensein ein gemeinsames Leben, das Teilen des Alltags. Mit der Zeit wuchs daraus eine innere Gemeinschaft, die es den Aposteln erlaubte, Christus auch dann nahe zu bleiben, wenn sie bis an die Grenzen der bekannten Welt gingen.
Nur aus dieser Verwurzelung in Christus erwächst die Fähigkeit, ihn glaubwürdig zu verkünden. Ohne diese tiefe Gemeinschaft droht das Apostolat oberflächlich zu werden. Es führt zu Müdigkeit, Überdruss und innerem Unbehagen, weil ihm das Feuer der Liebe fehlt.
Wo hingegen die Liebe Christi trägt, wird Sendung fruchtbar. Aus dieser Gemeinschaft mit Christus erwächst nicht nur die Kraft, das Evangelium zu verkünden, sondern auch die Vollmacht, Dämonen auszutreiben (Mk 3,15). Ein Apostolat, das nicht aus der Liebe Christi geboren ist, erzeugt seine eigenen Dämonen: Eifersucht, Vergleiche, Neid ... Solche Dinge zerstören die Einheit und entziehen dem Apostolat seine authentische Kraft. Echtes Apostolat ist hingegen durch Liebe, Brüderlichkeit, Verständnis und Einheit gekennzeichnet. Es trägt das Siegel der glühenden Quelle, aus der es geboren ist: die Gemeinschaft mit Christus.
DIE APOSTEL waren alles andere als eine homogene Gemeinschaft. Sie hatten sich nicht selbst ausgewählt, sondern waren einzeln berufen worden – mit sehr unterschiedlichen Prägungen, Lebenswegen und Temperamenten. Spannungen waren unvermeidlich. Simon von Kana und Judas Iskariot standen vermutlich den Zeloten nahe, einer radikal antirömischen Bewegung. Matthäus hingegen arbeitete als Zöllner im Dienst der römischen Besatzung. Fischer, Eiferer, Verwaltungsbeamte – Gegensätze prallten aufeinander.
„So können wir uns vorstellen“, schrieb Joseph Ratzinger in seinem Jesus-Buch, „wie schwer es war, diese Gruppe langsam in den geheimnisvollen neuen Weg Jesu hineinzuführen, welche Spannungen da zu bestehen waren – wie vieler Reinigungen zum Beispiel der Eifer der Zeloten bedurfte, um schließlich eins zu werden mit dem ,Eifer‘ Jesu, der sich am Kreuz vollendet. Gerade in dieser Spannweite der Herkünfte, der Temperamente und der Einstellungen verkörpern die Zwölf die Kirche aller Zeiten und die Schwere ihres Auftrags, diese Menschen zu reinigen und zu einigen im Eifer Jesu Christi.“4
So wurde die Nächstenliebe von Anfang an zum Prüfstein jedes authentischen Apostolats. Ubi divisio, ibi peccatum, sagte Origenes treffend: Wo es Spaltung gibt, dort ist Sünde. Ein christlicher Hymnus preist das Gegenteil: Ubi caritas est vera, Deus ibi est: Wo wahre Liebe gelebt wird, dort ist Gott gegenwärtig. Seit den Anfängen der Kirche ist die gegenseitige Liebe das glaubwürdigste Zeichen der Nähe Christi. Und in ihrer Mitte steht Maria: von Anfang an Sammelpunkt der Einheit, Mutter der Kirche, in deren Nähe Gemeinschaft wachsen kann (vgl. Offb 1,14).
1 Joseph Ratzinger, Jesus von Nazaret, 1. Teil, Kap. 6.
2 Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 261.
3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 239.
4 Joseph Ratzinger, Jesus von Nazaret, 1. Teil, Kap. 6.

