JESUS lag viel daran, dass seine Botschaft die Herzen der Menschen erreichte. Doch selbst seine Apostel verstanden ihn nicht immer – trotz ihrer Nähe zu ihm konnten sie seine Gedanken oft nicht sofort erfassen. Jesus reagierte darauf nicht mit Ungeduld. Er nahm sich Zeit, seine Lehre zu erläutern und seine Jünger Schritt für Schritt tiefer in das Geheimnis des Reiches Gottes einzuführen. So dürfen auch wir darauf vertrauen: Wenn wir den Willen Gottes einmal nicht verstehen oder uns verloren fühlen, lässt der Herr uns nicht allein. Er wird uns das Licht schenken, das wir brauchen – oft durch ein Wort der Heiligen Schrift, ein Ereignis, die Worte eines Freundes oder eine Eingebung.
Die entscheidende Frage ist jedoch: Möchte ich wirklich verstehen, was Jesus mir sagen will? Bin ich bereit, seinem Wort Raum zu geben, damit es mein Denken, mein Herz und mein Handeln leitet? Denn Jesus sagt: Zu jedem Menschen, der das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; bei diesem ist der Samen auf den Weg gefallen (Mt 13,19). Ein Wort, das nicht verstanden wird, ist wie ein Samenkorn, das an der Oberfläche bleibt: Es kann sein Potenzial nicht entfalten, es kann nicht wachsen, um anderen Schatten zu spenden.
Die betrachtende und häufige Lesung des Evangeliums ist eine Hilfe, damit der Samen des Wortes Gottes in den Boden unserer Seele eindringen, wachsen und Früchte tragen kann. „Das Wort Gottes legt in uns einen Weg zurück“, so sagte Papst Franziskus. „Wir hören es mit den Ohren, und es geht zum Herzen; (...) und vom Herzen geht es zu den Händen, zu den guten Werken. Das ist der Weg, den das Wort Gottes zurücklegt: von den Ohren zum Herzen und zu den Händen.“1
GELEGENTLICH beginnen wir ein Projekt mit großer Begeisterung. Wir setzen uns mit Freude dafür ein, weil wir von der Idee überzeugt sind und auf gute Ergebnisse hoffen. Doch wenn der Alltag einkehrt, Routinen gefordert sind oder Schwierigkeiten auftreten, lässt der anfängliche Schwung oft nach. Plötzlich sehen wir den Sinn unseres Einsatzes nicht mehr so klar und fragen uns, ob wir uns überhaupt auf dieses Abenteuer hätten einlassen sollen. Ähnlich kann es im geistlichen Leben sein: Zeiten innerer Freude wechseln sich mit Phasen der Trockenheit oder Mutlosigkeit ab. Gerade diese Erfahrung greift Jesus im Gleichnis vom Sämann auf: Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt; er hat aber keine Wurzeln, sondern ist unbeständig; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er sofort zu Fall (Mt 10,20-21).
Der Herr macht deutlich, dass das christliche Leben tiefe Wurzeln braucht. Solange alles leichtfällt, ist es einfach, Gott zu folgen. Doch die eigentliche Stunde des Glaubens beginnt, wenn die erste Begeisterung nachlässt oder das Kreuz spürbar wird. Gerade dann können wir lernen, weniger auf unsere Stimmungen und mehr auf die Kraft des Gebetes und die Treue Gottes zu bauen. Ein Glaube, der von tiefen Überzeugungen und vom Vertrauen auf seine Gnade getragen wird, hält auch dann stand, wenn äußere Umstände oder innere Gefühle uns zu schaffen machen. Zeiten der Trockenheit sind deshalb kein Zeichen des Scheiterns, sondern eine Einladung, unser Leben fester auf Christus zu gründen. Gerade dann schlagen die Wurzeln tiefer, und der Same seines Wortes kann in unserer Seele Frucht bringen.
PAPST FRANZISKUS sagte bei einem Angelusgebet: „Jeder von uns ist ein Boden, auf den der Same des Wortes fällt; niemand wird ausgeschlossen. Wir können uns fragen: Was für eine Art von Boden bin ich? Gleiche ich dem Weg, dem steinigen Boden, dem Dornbusch? Wenn wir wollen, können wir mit Gottes Gnade zu gutem Boden werden, der mit Sorgfalt gepflügt und bestellt wird, damit der Same des Wortes Frucht bringt.“2 Jesus spricht sogar von hundertfacher oder sechzigfacher oder dreißigfacher Frucht (vgl. Mt 13,23).
Um ein guter Boden zu werden, braucht es weder außergewöhnliche Begabungen noch besondere Fähigkeiten. Was Gott vor allem sucht, ist ein demütiges Herz, das bereit ist, sich von ihm formen und führen zu lassen. Deshalb empfiehlt der heilige Josefmaria: „Wünsche nicht, die vergoldete Wetterfahne auf dem großen Gebäude zu sein (...). Wärest du doch wie ein alter Quaderstein, verborgen im Fundament unter der Erde, wo niemand dich sieht: deinetwegen stürzt das Haus nicht ein.“3 Gerade die Demut macht unser Herz aufnahmefähig und verständig für das Wort Gottes.
Zugleich dürfen wir nicht vergessen, dass letztlich alles von seiner Gnade abhängt. Jesus ist, wie der heilige Josefmaria sagt, „gleichzeitig der Sämann, der Samen und die Frucht der Saat: das Brot des ewigen Lebens“4. Dank der Barmherzigkeit Gottes kann unsere Seele der gute Boden sein, der dem Samen hilft, seinen vollen Gehalt zu entwickeln.
Maria war der vollkommene fruchtbare Boden. In ihrer Demut ließ sie Gottes Wort nicht nur Wurzeln schlagen, sondern schenkte ihm Raum, bis es in ihrem Leben Gestalt annahm. Bitten wir sie, auch unser Herz für das Wirken Gottes bereit zu machen.
1 Franziskus, Audienz, 31.1.2018.
2 Franziskus, Angelus-Gebet, 12.7.2020.
3 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 590.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 151.

