PETRUS kehrt nach einer durchwachten Nacht ans Ufer zurück. Alle Mühe war umsonst gewesen: Er hatte nichts gefangen. Wir können uns vorstellen, wie Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes erschöpft und enttäuscht ihre Netze reinigen. Es gibt solche Augenblicke, in denen die Müdigkeit schwer wiegt und die Sorgen um die Zukunft größer erscheinen als sonst.
Genau in diesem Moment kommt Jesus und stellt eine Bitte, die zunächst ungelegen erscheint. Weil sich am Ufer viele Menschen versammelt haben, bittet er Petrus, mit dem Boot ein Stück weit vom Land wegzufahren, damit er von dort aus predigen kann (Lk 5,3). Nach einer erfolglosen Nacht hätte Petrus wohl anderes zu tun gehabt. Doch er stellt Jesus sein Boot zur Verfügung.
Auch in unser Leben tritt der Herr manchmal mit Bitten, die uns zunächst unbequem erscheinen: Jemand braucht unsere Hilfe, obwohl wir selbst müde sind; im Gebet oder in der geistlichen Begleitung erkennen wir etwas, das uns herausfordert; ein unerwartetes Ereignis durchkreuzt unsere Pläne. Gerade darin kann Jesus uns begegnen und uns einladen, die eigene Sichtweise loszulassen und ihm mehr Raum zu geben. Der heilige Josefmaria betete: „Wie groß du bist, o Herr! Bist es immer, mich aber rührt besonders, wenn du dich herablässt, uns nachzusteigen und in der Geschäftigkeit des Lebens zu suchen. Herr, gewähre uns die Einfachheit des Geistes, den klaren Blick, den hellen Verstand, damit wir dich erkennen, wenn du ohne äußere Zeichen deiner Herrlichkeit zu uns kommst.“1
PETRUS kennt Jesus bereits. Er hatte ihm in der Synagoge zugehört, ihn in sein Haus aufgenommen und erlebt, wie er seine Schwiegermutter und viele Kranke in Kafarnaum heilte (vgl. Lk 4,38-44). Nun hat er Jesus sein Boot zur Verfügung gestellt und ihn vom Ufer weggerudert. Als die Predigt zu Ende ist, stellt Jesus eine weitere, unerwartete Bitte: Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! (Lk 5,4).
Petrus weiß als erfahrener Fischer, wie wenig erfolgversprechend das ist: Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen (Lk 5,5). Doch dann fügt er hinzu: Auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen (Lk 5,5). Er hat bereits erfahren, welche Macht das Wort Jesu besitzt. Deshalb vertraut er ihm mehr als seiner eigenen Erfahrung. Und das Ergebnis übersteigt alle Erwartungen: Das taten sie und sie fingen eine große Menge Fische; ihre Netze aber drohten zu reißen (Lk 5,6).
Dieses Vertrauen auf das Wort Jesu wird Petrus auf seinem ganzen Weg begleiten: Er tut, was in seiner Macht steht, und überlässt dem Herrn den Rest. Papst Franziskus sagte: „Es war keine geeignete Zeit zum Fischen – es war helllichter Tag. Doch Petrus vertraut Jesus. Er verlässt sich nicht auf die Strategien, die er als Fischer bestens kennt, sondern auf die Neuheit, die Jesus bringt, (...). Und das gilt auch für uns: Wenn wir den Herrn in unser Boot steigen lassen, können wir in See stechen. (...) Vertreiben wir Pessimismus und Misstrauen und stechen wir mit Jesus in See! Auch unser kleines leeres Boot wird einen wunderbaren Fischfang erleben.“2
DIE SZENE vom wunderbaren Fischfang zeigt, dass Jesus unsere Erwartungen weit übertreffen kann, wenn wir auf sein Wort vertrauen. Papst Franziskus sagte: „So handelt er mit jedem von uns. Er bittet uns, ihn in das Boot unseres Lebens aufzunehmen, um mit ihm neu zu beginnen und ein Meer zu durchqueren, das sich voller Überraschungen zeigt. Seine Einladung, auf die offene See der Menschheit unserer Zeit hinauszufahren, um Zeugen der Güte und Barmherzigkeit zu sein, verleiht unserem Dasein einen neuen Sinn.“3
Angesichts der Fülle des Fangs wird Petrus zugleich seine eigene Kleinheit bewusst. Er wirft sich vor Jesus nieder: Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr! (Lk 5,8). Doch gerade seine Schwäche hält Jesus nicht davon ab, ihn zu berufen. Auch der heilige Josefmaria kannte diese Erfahrung: „Ich versichere euch, dass ich im Laufe meines Lebens so viele Wunder der Gnade, gewirkt durch Menschenhand, erlebt habe, dass ich mich jeden Tag mehr gedrängt fühle auszurufen: Herr, geh nicht weg von mir, denn ohne dich kann ich nichts Gutes tun.“4
Unsere Schwäche steht also nicht im Widerspruch zu dem, wozu Gott uns beruft. Sie kann uns vielmehr dazu führen, uns noch enger an ihn zu binden. „Deine menschliche Schwachheit ist kein Hindernis, sondern ein Ansporn, um dich noch mehr mit Gott zu vereinen und ihn beharrlich zu suchen. Denn er macht uns rein“5, schrieb der heilige Josefmaria. Auch Petrus weist Jesus nicht zurück, sondern lässt sich von ihm auf einen neuen Weg führen: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen (Lk 5,10). Daraufhin zogen die Fischer die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm nach (Lk 5,11). Maria möge uns helfen, Jesus im Vertrauen auf seinen Ruf entschlossen nachzufolgen.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 313.
2 Franziskus, Angelus-Gebet, 6.2.2022.
3 Franziskus, Angelus-Gebet, 10.2.2019.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 23.
5 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 134.

