DER ALLERERSTE Psalm ist ein Lob auf den Menschen, der um seine Geschöpflichkeit weiß und die Größe Gottes anerkennt: Glücklich der Mann, der sein Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt (Ps 1,2). Der Psalmist preist denjenigen, dessen Herz in dem verankert ist, was er in der Tiefe ersehnt, dessen ganzes Streben auf das gerichtet ist, was er in der Tiefe liebt, und der sich für all das nicht interessiert, das ihn vom Herrn trennen könnte. Diese Haltung wünschen wir uns auch für uns selbst: Wir möchten unser Leben in der Betrachtung der Größe Gottes und in der Erfahrung seiner Liebe zu den Menschen zu leben.
Beachten wir die in der Schrift überlieferte Reaktion Hiskijas, des Königs von Juda, auf den Erhalt eines Drohbriefes des syrischen Königs. Dann ging er zum Haus des Herrn hinauf, breitete das Schreiben vor dem Herrn aus und betete vor dem Herrn; er sagte: Herr, Gott Israels, der über den Kerubim thront, du allein bist der Gott aller Reiche der Erde. Du hast den Himmel und die Erde gemacht. Neige, Herr, dein Ohr und höre! Öffne, Herr, deine Augen und sieh her (2 Kön 19,14-16). Hiskija konnte sich in der Not mit einem solchen Vertrauen an Gott wenden, weil er gewohnt war, Gott in guten Zeiten zu loben und ihm zu danken. Gott erhörte sein Gebet, und noch in derselben Nacht erschlug ein Engel des Herrn hundertfünfundachzigtausend Mann im syrischen Lager.
Gott erwartet uns. Er wartet darauf, dass wir unsere Sorgen mit ihm teilen, vor allem aber wartet er darauf, dass wir ihm unsere Liebe zeigen. Nicht weil er sie nötig hätte, sondern weil diese Haltung in uns die Gottesfurcht fördert, jene Gabe des Heiligen Geistes, die nichts mit Angst zu tun hat, sondern uns hilft, die Größe und Weisheit des Schöpfers anzuerkennen.
GROSS IST DER HERR, und hoch zu loben in der Stadt unseres Gottes, jubelt der Psalmist. Sein heiliger Berg ragt herrlich empor; er ist die Freude der ganzen Erde (Ps 48,2-3). Die Verse gehören zu einem Hymnus auf das himmlische Jerusalem, unsere Mutter, die wie ein Leuchtturm emporragt, allen Feinden trotzt und ihre Kinder auf ihrem Weg durch die Zeit beschützt und beschirmt.1 Wie der heilige Augustinus so widmete sich auch der heilige Thomas Morus in einem eigenen Werk der Stadt Gottes. Dies zeigt, welche Bedeutung das Nachsinnen über das Wesen des Reiches Gottes für die Heiligen hatte und dass wir alles tun sollen, damit es auch in unserem Leben Wirklichkeit wird.
„Wahrheit und Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist, das ist das Reich Christi“, so sagte der heilige Josefmaria: „das göttliche Handeln, das die Menschen erlöst und zur Vollendung kommen wird am Ende der Zeiten. Dann wird der Herr, der im Paradies herrscht, wiederkommen, um die Menschen endgültig zu richten.“2 Das Reich Christi auf Erden bezieht sich vor allem auf die Art und Weise, wie der Gottessohn in den Herzen der Menschen gegenwärtig wird. Wenn sich Christus im Zentrum unseres Herzens befindet, wird unser Handeln der Art entsprechen, wie Gott in der Welt herrschen will.
Christliches Leben findet immer in Gemeinschaft statt, es ist kein Weg, den man allein zurücklegt. Die von Christus gegründete Kirche ist sein mystischer Leib, dem alle Christen angehören. Sein Wirken und damit seine Königsherrschaft erstreckt sich auf alle Orte, wo sich Glieder seines Leibes befinden. Papst Franziskus betont: „Im Gegensatz zur menschlichen Gesellschaft, in der man dazu neigt, die eigenen Interessen unabhängig von anderen oder sogar auf Kosten anderer zu vertreten, verbannt die Gemeinschaft der Gläubigen den Individualismus, um das Teilen und die Solidarität zu fördern. In der Seele eines Christen ist kein Platz für Egoismus.“3 Ein Zeichen der Gegenwart des Reiches Gottes wird daher immer die solidarische Verbundenheit unter allen seinen Söhnen und Töchtern sein.
IM EVANGELIUM schildert Jesus, was passieren kann, wenn die Größe Gottes auf Menschen trifft, die nicht in der Lage sind, sie zu empfangen: Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen! (Mt 7,6).
Es steht außer Zweifel: Alle Menschen sind berufen, in das Reich Gottes zu gelangen. Doch wir müssen überlegen, wie wir ihnen diese Einladung am besten übermitteln können. So empfahl auch der heilige Josefmaria seinen Kindern, sich zu fragen, wie sie in ihren Berufskollegen, Freunden, Angehörigen „ein tieferes Gespür für die Freundschaft mit unserem Herrn wachrufen“4 könnten. Jesus selbst gibt uns eine Antwort: Alles was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen (Mt 7,12). Es geht also darum, bei der Übermittlung der Einladung in das Reich Gottes den für jeden Menschen geeignetsten Weg zu finden, die Art und Weise, die dem anderen am besten entspricht.
Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt (Mt 7,14), fährt Jesus fort. Der Weg zum Leben wird dann vor allem eng werden, wenn wir ihn in Begleitung zahlreicher Menschen gehen wollen. Das ist ein guter Wunsch und Zeichen eines großen Herzens, einer weiten Seele, die nicht für sich allein lebt, sondern das Glück mit allen teilen will. „Die Großherzigkeit ist die Kraft“, so Worte des heiligen Josefmaria, „die uns aus uns selbst heraustreten lässt, um bereit zu sein, wertvolle Werke zum Wohle aller zu vollbringen.“5 Maria, unsere Mutter, hat das Reich Gottes als erste verstanden und wollte darin leben. Schauen wir auf ihren Großmut, durch den sie zur Mutter Gottes wurde, und bitten wir sie um diese Tugend, um Christus zu vielen Menschen zu bringen.
1 Vgl. Hl. Johannes Paul II., Audienz, 17.10.01.
2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 180.
3 Franziskus, Audienz, 26.6.2019.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 175.
5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 80.

