08. Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch

Jesus Christus hat die menschliche Natur angenommen, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch.

Bausteine des Glaubens
Opus Dei - 08. Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch

1. Die Fleischwerdung des Wortes

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4,4). Damit geht das Versprechen eines Retters in Erfüllung, das Gott bei der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies gegeben hatte: „Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, du triffst ihn an der Ferse“ (Gen 3,15). Dieser Vers der Genesis wird Protoevangelium genannt, da er die erste Ankündigung der Frohbotschaft von der Erlösung darstellt. In der Frau, von der hier die Rede ist, hat man stets im unmittelbaren Sinn Eva und im Vollsinn Maria gesehen; der Nachwuchs der Frau bedeutet sowohl die Menschheit als auch Christus.

Von da an hat Gott bis zu dem Zeitpunkt, als das Wort Fleisch wurde und unter uns gewohnt hat (vgl. Joh 1,14), die notwendigen Vorbereitungen getroffen, um der Menschheit die nutzbringende Aufnahme seines eingeborenen Sohnes zu ermöglichen. Gott hat sich das israelitische Volk erwählt, einen Bund mit ihm geschlossen und es durch Eingriffe in seine Geschichte schrittweise unterwiesen. Durch die Patriarchen und die Propheten hat er ihm seine Absichten kundgetan und es an sich gezogen. All das war Vorbereitung und Urbild jenes neuen und vollkommenen Bundes, der in Christus geschlossen werden sollte, und für Gottes volle und endgültige Offenbarung durch das fleischgewordene Worti. Auch wenn Gott die Ankunft des Retters vor allem durch die Erwählung des Volkes Israel vorbereitet hat, so bedeutet das nicht, dass er die anderen Völker sich selbst überließ, denn nie hat er aufgehört, auch „den Heiden“ Zeugnis von sich selbst zu geben (vgl. Apg 14,16-17). Die göttliche Vorsehung hat in den Heiden ein mehr oder weniger ausdrückliches Bewusstsein von der Notwendigkeit einer Erlösung bewirkt und das Verlangen nach dem Heil bis in die letzten Winkel der Erde lebendig erhalten.

Ursache der Menschwerdung ist die Liebe Gottes zu den Menschen: „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben“ (1 Joh 4,9). Die Inkarnation ist die Offenbarung der Liebe Gottes schlechthin, denn durch sie gibt sich Gott selbst den Menschen hin, indem er die menschliche Natur in der Einheit der Person an sich zieht.

Aufgrund des Sündenfalls im Paradies dient die Menschwerdung unserer Erlösung und unserem Heil, wie wir im Credo bekennen: „Er ist wegen uns Menschen und um unseres Heiles willen von den Himmeln herabgestiegen und ist Fleisch geworden vom Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden“ii. Christus hat von sich selbst bezeugt: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10; vgl. Mt 18,11). „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17).

Die Inkarnation offenbart nicht nur die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen, sein unendliches Erbarmen, seine Gerechtigkeit und seine Macht, sondern auch die innere Stimmigkeit des göttlichen Heilsplanes. Gottes tiefe Weisheit zeigt sich darin, dass er die Rettung des Menschen auf eine der menschlichen Natur im Höchstmaß entsprechenden Weise beschlossen hat – nämlich durch die Menschwerdung des Wortes.

Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, „ist weder ein Mythos noch irgendeine abstrakte Idee. Er ist ein Mensch, der in einem bestimmten geschichtlichen Kontext gelebt hat und gestorben ist, nachdem er sein eigenes Leben im Rahmen der Entwicklung der Geschichte gelebt hatte. Eine geschichtliche Untersuchung über ihn wird also vom christlichen Glauben selbst verlangt“iii.

Dass Christus existiert hat, gehört ebenso zur Glaubenslehre wie dass er wirklich für uns gestorben und am dritten Tag auferstanden ist (vgl. 1 Kor 15,3-11). Die Existenz Jesu ist ein historisch nachgewiesenes Faktum, wobei dieser Nachweis vor allem auf der Analyse des Neuen Testamentes beruht, dessen historischer Wert außer Zweifel steht. Es gibt auch andere, nichtchristliche (heidnische und jüdische) Zeugnisse für die Existenz Jesu. Schon aus diesem Grund sind Positionen inakzeptabel, die dem geschichtlichen Jesus einen Christus des Glaubens gegenüberstellen wollen und behaupten, dass die Aussagen des Neuen Testaments über Christus gläubige Interpretation seiner Jünger ist, nicht aber seine wahre Gestalt beschreiben, die für uns angeblich im Dunkeln bleibt. Diese Positionen, die vielfach aus einem Vorurteil gegenüber dem Übernatürlichen kommen, beachten nicht die zeitgenössische Geschichtsforschung, die übereinstimmend feststellt, dass das Bild Jesu, das vom Urchristentum geboten wird, auf Tatsachen beruht.

2. Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch

„Die Inkarnation (Menschwerdung) ist (...) das Mysterium der wunderbaren Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in der einen Person des Wortes“ (KKK, 483).

„Das ganz einzigartige und einmalige Ereignis der Menschwerdung des Sohnes Gottes bedeutet nicht, dass Jesus Christus zum Teil Gott und zum Teil Mensch wäre oder dass er das Ergebnis einer unklaren Vermischung von Göttlichem und Menschlichem wäre. Er ist wahrhaft Mensch geworden und dabei doch wahrhaft Gott geblieben. Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch“ (KKK, 464). Die Gottheit Jesu Christi, des ewigen Wortes Gottes, wurde im Zusammenhang mit der heiligsten Dreifaltigkeit behandelt. Jetzt geht es vor allem um seine Menschheit.

Die Kirche hat diese Glaubenswahrheit in den ersten Jahrhunderten gegen die Häresien verteidigt und geklärt. Im 1. Jh. haben die Ebioniten – aus dem Judentum kommende Christen – Jesus für einen gewöhnlichen, wenn auch sehr heiligen Menschen gehalten. Im 2. Jh. kommt der Adoptionismus auf, demzufolge Jesus angenommener Sohn Gottes und folglich ein mit Gottes Kraft ausgestatteter Mensch gewesen ist. Für die Adoptionisten war Gott nur eine einzige Person. Diese Häresie wurde zuerst im Jahr 190 von Papst Viktor I., und dann durch ein Konzil von Antiochien (268) und schließlich durch das I. Konzil von Konstantinopel (381) und die Römische Synode von 382 verurteiltiv. Auch der Arianismus hatte, indem er die Gottheit des Wortes leugnete, Jesus Christus das Gottsein abgesprochen. Arius war auf dem I. Konzil von Nizäa (325) verurteilt worden. Heute erinnert die Kirche wiederum daran, dass Jesus Christus der von Ewigkeit her subsistierende Sohn Gottes ist, der bei seiner Fleischwerdung die menschliche Natur in seine göttliche Person aufgenommen hatv.

Die Kirche hat sich auch anderen Irrtümern entgegengestellt, die die Wirklichkeit der menschlichen Natur Christi leugneten. Zu ihnen gehören jene Häresien, die die Wirklichkeit des Leibes Christi oder die seiner Seele Christi zurückwiesen. Zu ersteren zählt der Doketismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. Er hat gnostischen und manichäischen Hintergrund. Einige seiner Vertreter behaupteten, Christus habe einen himmlischen Leib bzw. einen bloßen Scheinleib besessen oder er sei, ohne geboren worden und herangewachsen zu sein, eines Tages in Judäa plötzlich aufgetreten. Diese Art von Irrtümern musste schon der heilige Johannes bekämpfen: „Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen; sie bekennen nicht, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist“ (2 Joh 7; vgl. 1 Joh 4,1-2).

Arius und Apollinar von Laodizäa leugneten, dass Christus eine wahre menschliche Seele besessen hat. Apollinar hat in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung erlangt. Sein Einfluss war einige Jahrhunderte hindurch in den christologischen Auseinandersetzungen spürbar. In der Absicht, die Einheit und Unsündlichkeit Christi zu verteidigen, behauptete er, das Wort hätte die Funktionen der menschlichen Geistseele übernommen. Damit war jedoch die wahre Menschheit Christi geleugnet, die – wie bei allen Menschen – aus einem Leib und einer vernunftbegabten Seele besteht (vgl. KKK, 471). Die Verurteilung dieser Lehre erfolgte auf dem I. Konzil von Konstantinopel und auf der Römischen Synode von 382vi.

3. Die hypostatische Union

Nach den vorausgegangenen Kontroversen war Anfang des 5. Jhs. klar, dass an den beiden Naturen (der menschlichen und der göttlichen) in der Person des Wortes unbedingt festgehalten werden musste. So rückte die Frage der Einheit der Person Christi ins Zentrum der patristischen Christologie und Soteriologie. Zu ihrer Vertiefung trugen weitere Diskussionen bei.

Die erste große Kontroverse wurde durch den Patriarchen Nestorius von Konstantinopel ausgelöst, aus dessen Sprechweise sich ableiten ließ, dass es in Christus zwei Subjekte gibt, ein göttliches und ein menschliches, die miteinander zwar moralisch, aber nicht physisch verbunden sind. Dieser christologische Irrtum war der Grund, warum Nestorius der Jungfrau Maria den Titel Gottesmutter, Theotókos, absprach: Maria sei zwar Mutter Christi, aber nicht Mutter Gottes. Dieser Häresie gegenüber haben der heilige Cyrill von Alexandrien und das Konzil von Ephesus (431) erklärt: „Die menschliche Natur Christi hat kein anderes Subjekt als die göttliche Person des Sohnes Gottes, die sie angenommen und schon bei der Empfängnis sich zu eigen gemacht hat. Deswegen hat das gleiche Konzil verkündet, dass Maria dadurch, dass sie den Sohn Gottes in ihrem Schoß empfing, wirklich ‚Gottesgebärerin’ geworden ist“ (KKK, 466; vgl. DS 250 und 251).

Etliche Jahre später kam es zur Häresie des Monophysitismus. Er geht auf Apollinar sowie auf ein falsches Verständnis der Lehre und Terminologie des heiligen Cyrill durch Eutyches, den greisen Archimandriten eines Klosters in Konstantinopel, zurück. Er behauptete unter anderem, dass Christus eine Person ist, die in einer einzigen Natur subsistiert, weil die menschliche Natur von der göttlichen absorbiert worden ist. Dieser Irrtum wurde von Papst Leo dem Großen in seinem Tomus ad Flavianumvii, einem wahren Juwel der lateinischen Theologie, und vom Ökumenischen Konzil von Chalkedon (451) verurteilt, das für die Christologie einen bleibenden und eindeutigen Bezugspunkt bildet. Es lehrt, „unseren Herrn Jesus Christus als ein und denselben Sohn zu bekennen; derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe ist vollkommen in der Menschheit“viii. Und es fügt hinzu, dass die Vereinigung der beiden Naturen als „unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar“ix zu verstehen ist.

Die Lehre von Chalkedon wurde vom II. Konzil von Konstantinopel (553) bestätigt und erläutert. Es bietet eine authentische Interpretation des vorangegangenen Konzils. Nachdem es mehrmals die Einheit Christi betont hatx, erklärt es, dass die Vereinigung der beiden Naturen Christi in der Hypostase erfolgtxi, wodurch die Zweideutigkeit der Formel Cyrills überwunden wird, in der von Einheit in der „physis“ die Rede gewesen war. Auf dieser Linie erläuterte das II. Konzil von Konstantinopel auch den Sinn, in dem die bekannte Formel des heiligen Cyrill über die „eine fleischgewordene Natur des Wortes Gottes“xii zu verstehen ist. Cyrill hatte gedacht, sie gehe auf den heiligen Athanasius zurück, während sie in Wirklichkeit eine apollinaristische Fälschung war.

Bei diesen Konzilsdefinitionen, in denen es um die Klarstellung konkreter Irrtümer ging und nicht um die Darlegung des Mysteriums Christi in seiner Gesamtheit, verwendeten die Väter die Sprache ihrer Zeit. So wie Nizäa den Ausdruck „konsubstantial“ gebraucht hatte, verwendete man in Chalkedon Wörter wie Natur, Person, Hypostase usw. in der gewöhnlichen Bedeutung, die sie in der Alltagssprache und der Theologie der Zeit besaßen. Darin liegt nicht, wie einige behauptet haben, eine Hellenisierung der Botschaft des Evangeliums. Wer eigentlich eine Hellenisierung betrieb, waren die Häretiker wie Arius und Nestorius. Sie begriffen nicht die Unzulänglichkeit der philosophischen Sprache ihrer Zeit zur Erläuterung des Mysteriums Gottes und Christi.

4. Die heiligste Menschheit Jesu Christi

„Da in der Fleischwerdung (…) die menschliche Natur angenommen, nicht aufgehoben wurde’ (GS 22,2), sah sich die Kirche (...) veranlasst, die volle Wirklichkeit der menschlichen Seele Christi, mit ihren Verstandes- und Willenstätigkeiten, wie auch seines menschlichen Leibes zu bekennen. Doch gleichzeitig musste sie jeweils daran erinnern, dass die menschliche Natur Christi der göttlichen Person des Sohnes Gottes angehört, von der sie angenommen worden ist. Alles, was Christus in seiner Person ist und tut, ist und tut ‚einer der Dreifaltigkeit’. Der Sohn Gottes teilt also seiner Menschennatur seine eigene, persönliche Daseinsweise in der Trinität mit. In seiner Seele wie in seinem Leibe bringt folglich Christus das Leben der heiligsten Dreifaltigkeit menschlich zum Ausdruck (vgl. Joh 14,9-10)“ (KKK, 470).

Die Seele Christi verfügt über echtes menschliches Wissen. Die katholische Lehre hat traditionellerweise erklärt, Christus habe als Mensch einerseits erworbenes Wissen besessen, andererseits eingegossenes Wissen und schließlich das Wissen der Gottesschau, wie es den Heiligen im Himmel zukommt. Das erworbene Wissen Christi konnte seiner Natur nach nicht unbegrenzt sein: „Deshalb wollte der Sohn Gottes, als er Mensch wurde, auch ‚an Weisheit und Alter und Gnade’ zunehmen (Lk 2,52). Er wollte das erfragen, was man als Mensch durch Erfahrung lernen muss (vgl. z.B. Mk 6,38; 8,27; Joh 11,34)“ (KKK, 472). Christus, in dem die Fülle des Heiligen Geistes mit seinen Gaben wohnte (vgl. Jes 11,1-3), verfügte auch über eingegossenes, also nicht direkt durch Verstandesarbeit erworbenes, sondern der menschlichen Vernunft unmittelbar von Gott eingegebenes Wissen. So zeigte „der Sohn (…) auch in seinem menschlichen Erkennen göttlichen Einblick in die geheimen Gedanken des Menschenherzens (vgl. z.B. Mk 2,8; Joh 2,25; 6,61)“ (KKK, 473). Darüber hinaus besaß er das den Heiligen eigene Wissen: „Weil Christus in der Person des menschgewordenen Wortes mit der göttlichen Weisheit vereint war, wusste seine menschliche Erkenntnis voll und ganz um die ewigen Ratschlüsse, die zu enthüllen er gekommen war (vgl. Mk 8,31; 9,31; 10,33-34; 14,18-20. 26-30)“ (KKK, 474). Nach all dem muss man festhalten, dass Christus als Mensch unfehlbar ist; in ihm einen Irrtum anzunehmen hieße, dem ewigen Wort, also der einzigen Person in Christus, diesen Irrtum zuzuschreiben. Was seine Unwissenheit anlangt, ist zu bedenken: „Von dem, was er in dieser Hinsicht nicht zu wissen gesteht (vgl. Mk 13,32), erklärt er an anderer Stelle, er sei nicht beauftragt, es zu enthüllen (vgl. Apg 1,7)“ (KKK, 474). Es ist klar, dass Christus sich menschlich dessen bewusst war, das Wort zu sein und als Erlöser gesandt zu seinxiii. Andererseits hat die katholische Theologie, ausgehend von der Überlegung, dass Christus schon auf Erden die unmittelbare Anschauung Gottes besaß, in Christus immer die Existenz der Tugend des Glaubens ausgeschlossenxiv.

Gegen die Häresien des Monenergismus und des Monotheletismus, die als logische Nachfahren des Monophysitismus behaupteten, in Christus gebe es nur ein Wollen und ein Handeln, hat die Kirche auf dem III. Ökumenischen Konzil von Konstantinopel (681) bekannt, „dass Christus von Natur aus zwei Weisen des Wollens und Handelns – eine göttliche und eine menschliche – besitzt. Diese widerstreben einander nicht, sondern wirken so zusammen, dass das menschgewordene Wort im Gehorsam gegenüber seinem Vater als Mensch alles wollte, was es als Gott zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist zu unserem Heil beschlossen hatte (vgl. DS 556-559). Der menschliche Wille Christi ist ‚folgsam und widerstrebt und widersetzt sich nicht, sondern ordnet sich seinem göttlichen und allmächtigen Willen unter’ (DS 556)“ (KKK, 475). Es geht hier um eine Grundfrage, die direkt mit dem Sein Christi und unserer Erlösung zusammenhängt. Der heilige Maximus der Bekenner hat sich bei den Bemühungen um Klärung dieser Lehre hervorgetan und dabei wirksam auf die bekannte Passage von Jesu Gebet im Ölgarten verwiesen, in der die Übereinstimmung des menschlichen Willens Christi mit dem Willen des Vaters deutlich wird (vgl. Mt 26,39).

Eine Konsequenz der Dualität der Naturen ist auch die Dualität der Handlungen. In Christus gibt es zwei Arten von Tätigkeiten: göttliche, die aus seiner göttlichen Natur kommen, und menschliche, die aus der menschlichen Natur kommen. Man spricht außerdem von einem theandrischen Tun, um jene Handlungen zu bezeichnen, bei denen das menschliche Wirken als Werkzeug des göttlichen Wirkens erscheint, wie dies bei den Wundern Christi der Fall ist.

Der Realismus der Fleischwerdung des Wortes wird auch bei der letzten großen christologischen Kontroverse der Väterzeit sichtbar: beim Bilderstreit. Christusdarstellungen auf Fresken, Ikonen und Reliefs usw. waren von alters her gebräuchlich und sind mindestens seit dem 2. Jh. bezeugt. Zur Krise des Bildersturms kam es Anfang des 8. Jhs. in Konstantinopel. Sie wurde durch eine Entscheidung des Kaisers ausgelöst. Schon in den Jahrhunderten zuvor gab es Theologen, die sich für, und andere, die sich gegen die Verehrung der Bilder aussprachen, aber beide Anschauungen existierten friedlich nebeneinander. Die Gegner brachten gewöhnlich vor, dass der unendliche Gott nicht mit ein paar Linien oder Strichen festgehalten und eingegrenzt werden kann. Allerdings hat die Menschwerdung, wie der heilige Johannes von Damaskus aufzeigt hatte, dem grenzenlosen Wort seine Grenzen gegeben. „Da das Wort Fleisch wurde und eine wahre Menschennatur annahm, war Christus ‚im Leib begrenzt’ (vgl. DS 504). Infolgedessen lässt sich das menschliche Antlitz Jesu ‚vor Augen stellen’ (vgl. Gal 3,1)“ (KKK, 476). Auf dem II. Ökumenischen Konzil von Nizäa (787) „hat die Kirche es als berechtigt anerkannt, Christus auf heiligen Bildern darzustellen“ (KKK, 476). „In der Tat bringen die individuellen Besonderheiten des Leibes Christi die göttliche Person des Gottessohnes zum Ausdruck. Dieser hat sich die Züge seines menschlichen Leibes sosehr zu eigen gemacht, dass sie in einer Abbildung auf einem heiligen Bild verehrt werden dürfen, denn der Gläubige, der sein Bild verehrt, ‚verehrt in ihm die Person des darin Abgebildeten’ (II. Konzil von Nizäa, DS 601)“ (KKK, 477).

Die Seele Christi ist ihrem Wesen nach nicht göttlich, sondern menschlich. Sie wurde daher – wie die Seelen der anderen Menschen – durch die habituelle Gnade vervollkommnet. Diese „ist ein bleibendes Geschenk. Sie vervollkommnet die Seele, um sie zu befähigen, mit Gott zu leben und aus seiner Liebe zu handeln“ (KKK, 2000). Christus ist heilig. So hat es der Erzengel Gabriel bei der Verkündigung Maria erklärt (vgl. Lk 1,35). Die Menschheit Christi ist so sehr heilig, dass sie Quelle und Maßstab der Heiligkeit für alle Menschen ist. Durch die Inkarnation ist die menschliche Natur Christi zur höchsten Vereinigung mit der Gottheit, die für ein Geschöpf überhaupt möglich ist, erhoben worden – zur Vereinigung mit der Person des Wortes. Von der Menschheit des Herrn her gesehen, ist die hypostatische Union die größte Gabe, die je empfangen werden konnte. Sie wird gewöhnlich Gnade der Vereinigung (gratia unionis) genannt. Durch die habituelle Gnade wurde die Seele Christi vergöttlicht, wobei durch diese Verwandlung ihre Natur und ihr Tun in das innerste Leben Gottes eingeführt wurden. Die Gnadenfülle Christi umfasst auch die Existenz der eingegossenen Tugenden und der Gaben des Heiligen Geistes. „Aus dieser Fülle Christi haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (Joh 1,16). Diese Gnaden und Gaben wurden Christus nicht nur in Anbetracht seiner Würde als Sohn verliehen, sondern auch im Hinblick auf seine Sendung als neuer Adam und als Haupt der Kirche. Deshalb spricht man von einer Hauptesgnade Christi. Diese unterscheidet sich nicht von der persönlichen Gnade des Herrn, sondern ist nur ein Aspekt derselben, der ihre Heilswirksamkeit für die Glieder der Kirche hervorhebt. „Die Kirche ist der Leib Christi“ (KKK, 805). Sie bildet einen „Leib, dessen Haupt Christus ist. Sie lebt aus ihm, in ihm und für ihn; er lebt mit ihr und in ihr“ (KKK, 807).

Das Herz des menschgewordenen Wortes. „Jesus hat während seines Lebens, seiner Todesangst am Ölberg und seines Leidens uns alle und jeden einzelnen gekannt und geliebt und sich für jeden von uns hingegeben: Der ‚Sohn Gottes’ hat ‚mich geliebt und sich für mich hingegeben’ (Gal 2,20). Er hat uns alle mit einem menschlichen Herzen geliebt“ (KKK, 478). Darum ist das Herz Jesu das vortrefflichste Symbol der Liebe, mit der er beständig den ewigen Vater und alle Menschen liebt (vgl. ebd.).

José Antonio Riestra

Grundlegende Literatur:

  • Katechismus der katholischen Kirche, 422-483.
  • Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, Band I, Freiburg – Basel – Wien, 2006, S. 367-407.

i II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 9.

ii I. Konzil von Konstantinopel, Symbolum, DS 150; vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 55.

iii Internationale Theologenkommission, Ausgewählte Fragen zur Christologie (1979).

iv Vgl. DS 151 u. 157-158.

v Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Mysterium Filii Dei, 21.2.1972, Nr. 4.

vi Vgl. DS 151 u. 159.

vii Vgl. DS 290-295.

viii Vgl. DS 301; KKK, 467.

ix Vgl. DS 301.

x Vgl. DS 423.

xi Vgl. DS 425.

xii Vgl. DS 429.

xiii Vgl. Internationale Theologenkommission, Jesu Selbstbewusstsein und seine Sendung (1985).

xiv Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Notifikation, 26.11.2006, Nr. V, Das Selbstbewusstsein Jesu Christi.