Wenn Feminismus Gleichberechtigung ist, bin ich Super-Feministin

In einem Interview mit der Madrider Zeitung El Mundo vom 19. Mai plädiert Isabel Sanchez – laut Überschrift die „mächtigste Frau“ des Opus Dei – für eine neue Logik in der Gesellschaft.

Die Frau dürfe nicht „bei der Logik des Herrschens und der Macht stehenbleiben, wie sie heute überwiegt und nicht etwa von Frauen etabliert worden ist“. Doch müssten sich die Dinge ändern, meint Sanchez, und zwar„unter Mitwirkung des Mannes“. „Wenn wir unter Feminismus das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau verstehen, gleiche Würde und gleiche Chancen, bin ich eine Feministin und eine Super-Feministin.“ – Zuvor hatte die Sekretärin des Zentral-Assessorates erneut die selige Guadalupe Ortiz gewürdigt, Fragen nach ihren Amtskompetenzen und nach den Frauen im Opus Dei beantwortet und ihre Sicht von einer besseren Einbeziehung der Frau in der Kirche entwickelt.

Fragen von Irene Hernández Velasco

Antworten von Isabel Sánchez (1969 Murcia, Spanien) – Die Juristin ist die Frau mit dem wichtigsten Posten im Opus Dei: Als Zentralsekretärin des Assessorats in Rom, einem Gremium von Frauen, berät sie den Prälaten bei der Leitung des Opus Dei.

Sie leben seit 1992 in Rom und sind derzeit in Madrid, wo Guadalupe Ortiz als erste Frau des Opus Dei zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Wer war Guadalupe?

Guadalupe ist eine starke, impulsive, mutige und großherzige Frau der vierziger Jahre. Sie war ihrer Zeit voraus war, hauptsächlich weil ihr Vater und ihre Mutter aufgeschlossene Leute waren.

Was heißt, dass sie ihrer Zeit voraus war?

Sie war die einzige Tochter, und als ihr Vater in einen Ort versetzt worden war, der nur ein Jungen-Gymnasium hatte, ging sie dort zur Schule und musste sich erst mal durchsetzen. Um sich den nötigen Respekt zu verschaffen, wettete sie mit den Jungs, wer ein bis obenhin mit Tinte gefülltes Tintenfass in einem Zug austrinkt. Sie gewann. Sie studierte Chemie, und zwar zu einer Zeit, in der nur sehr wenige Frauen ein Universitätsstudium absolvierten. Sie musste eine schlimme Zeit durchmachen, als ihr Vater zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs umgebracht wurde. Dann lernte sie den heiligen Josefmaria kennen und bat bald darauf um die Aufnahme ins Opus Dei. Jahre später wechselte sie mit einer Pistole in der Tasche nach Mexiko, um da als erst Frau das Opus Dei anzufangen.

Um seliggesprochen zu werden, muss sie ja ein Wunder gewirkt haben. Wie war das?

Die Heilung eines Basalzellkarzinoms am Auge eines Herrn aus Barcelona, und zwar über Nacht. Die Geschwulst war gut sichtbar, und verschiedene Augenärzte hatten den Krebs eindeutig diagnostiziert. Der Mann sollte operiert werden, hatte aber große Angst, ging in eine Kapelle, um zu beten, fand ein Gebetskärtchen zu Guadalupe und bat sie mit aller Kraft, nicht operiert werden zu müssen. Er schlief diese Nacht gut, und als er am nächsten Morgen aufstand, war das Karzinom verschwunden. Der Facharzt konnte es nicht glauben und hielt schriftlich fest, das sei unfassbar. Auch die Ärzte und Theologen der Kommissionen, die Wunder zu untersuchen hatten, stellten fest, dass diese Heilung medizinisch nicht zu erklären ist.

Sie, die Sie an Wunder glauben: Von welchem Wunder wünschen Sie sich denn, dass es wahr wird?

Ich wünsche mir, dass alle Menschen entdecken, dass sie Kinder Gottes sind, ewig leben werden und geliebt sind.

Und wann haben Sie das in Ihrem eigenen Leben erfahren?

Von klein auf war mir bewusst, dass da jemand ist, der für mich sorgt und über mich wacht. In verschiedenen Phasen meines Lebens habe ich das sehr deutlich spüren können, besonders mit neun Jahren, als auch meine Mutter starb. Ich kam mir nie als Waisenkind vor. Immer spürte ich die Gegenwart Gottes, der über Allem wacht.

Sie haben den wichtigsten Posten, den eine Frau im Opus Dei bekleiden kann, Sie sind Sekretärin des Zentralrates, eines Gremiums, das aus rund vierzig Frauen verschiedener Nationalität besteht. Was tun die da?

Das Zentralassessorat ist ein Beratungsgremium, das dem Prälaten bei sämtlichen Angelegenheiten hilft, die mit Frauen zu tun haben: Bildung, Schwung ... Wir bringen Antrieb und Fantasie hinein, weil Frauen dem Leben, dem konkreten Leben besonders nahe sind. Daher sind sie immer auf der Suche nach neuen Lösungen. Aber ob es wirklich der wichtigste Posten ist, bin ich nicht so sicher. Am Wichtigsten ist immer, wer seiner Umgebung am besten helfen kann, und da weiß ich nicht, wer das ist. Vielleicht eine alte Frau, die kaum noch reden kann, oder eine Dame aus Afrika, die einfach für ihre Familie da ist. Aber dass ich im Opus Dei mehr als diese beiden entscheiden kann, das ist auch wahr.

Beraten Sie den Prälaten des Opus Dei nur in Frauen-Themen oder auch ganz allgemein?

In allem. Aber verstehen Sie mich richtig: Ich kann nicht entscheiden, dass ein Mann zum Mond fliegen soll. Vorschlagen kann ich das, aber nicht entscheiden. Geht es aber um eine Frau, kann ich sehr wohl entscheiden.

Dann verstehe ich ihr Beratungsgremium als eine Art C 9 (den Rat aus Kardinälen, der Papst Franziskus berät), nur eben für Frauen und um dem Prälaten des Opus Dei zu helfen...

Den Vergleich können wir stehenlassen, aber damit wir uns verstehen: Was die genau für Kompetenzen haben, weiß ich nicht.

Und welche Entscheidung im Rahmen Ihres Amtes ist Ihnen bisher am schwersten gefallen?

Im Laufe des letzten bewaffneten Libanon-Konfliktes mussten wir eine schwierige Entscheidung treffen. Wir mussten veranlassen, was mit den Leuten des Werkes dort geschehen sollte. Wir fragten uns, was wir tun können? Sollen wir ihnen sagen, dass sie weggehen, das Land räumen, oder dass sie bleiben und alles Kommende ertragen sollen? Am Ende haben wir uns dafür entschieden, jeder einzelnen selbst zu überlassen, was sie tun will. Einige haben uns gesagt, dass sie Angst haben und lieber ausreisen wollten, aber viele, die Mehrheit, wollte bleiben.

Wenn ein neuer Prälat zu wählen ist, schlägt das Zentralassessorat die Namen derer vor, die sich um das Amt bewerben sollen. Die Frauen nehmen zwar nicht an der Schlussabstimmung teil, aber sie benennen die Kandidaten, sie sieben sie sozusagen aus. Stimmt das?

Stimmt. Sie machen Vorschläge, und im Prinzip muss auch der künftige Prälat darunter sein. Das heißt, dass sie eigentlich nicht bloß vorschlagen, sondern die Auswahl in gewisser Weise einschränken.

Im C 9, dem Beraterstab des Papstes, sind alle Männer, neun Kardinäle... Und im Kardinalskollegium, das einen neuen Papst wählt, gibt es auch keine Frauen. Hätten Sie es gerne anders?

Ich weiß nicht, ob ich gerne eine Frau im Kardinalskollegium sehen würde. Aber was ich wohl gern sehen würde, sind viele Frauen an vielen Stellen in der Kirche. Darauf legt Papst Franziskus viel Nachdruck und bringt dem, was Frauen beitragen können, große Anerkennung und Offenheit entgegen.

Wo soll die Frau in der Kirche präsent sein?

Nicht im Kardinalskollegium, aber an vielen anderen Stellen kann die Frau aus der Deckung treten. Doch in erster Linie muss das christliche Fußvolk besser herauskommen, Männer wie Frauen. Es gibt viele Themen und Aufgaben, in denen die weibliche Sicht ihren Beitrag leisten kann. Die Frauen verfügen über ein großes spirituelles Erbe, und es wäre traurig, wenn wir das in Kirche und Gesellschaft nicht zu nutzen wüssten.

Im Laufe der Geschichte hat es Kardinäle gegeben, die keine Priester waren, sondern Laien. Könnte das nicht einen Türöffner für Frauen ins Kardinalskollegium abgeben?

Also ich glaube, dass man nach und nach – oder besser gesagt – schleunigst aussieben müsste, welche Funktionen tatsächlich allein einem Priester zukommen und welche Aufgaben man an seine eigentlichen Funktionen nur drangehängt hat, als ob sie für den Priester spezifisch wären, obwohl das nicht stimmt. Man muss die Laien, also Männer und Frauen einbeziehen. Man muss das Klischee aufgeben, alles was Priester irgendwann übernommen haben, ohne dass es strikt an ihr Amt gebunden wäre, müsse Männersache bleiben. Nein! Im Übrigen ist die Kirche mehr weiblich als männlich.

Neulich hat Papst Franziskus den Ordensfrauen der ganzen Welt in einer Botschaft geschrieben: Dienst ja, aber keine Dienerschaft. Und er hat sie daran erinnert, dass sie keine Ordensfrauen geworden sind, um Klerikern den Haushalt zu führen. Gibt es dieses Problem auch im Opus Dei?

Ein Christ ist niemandes Sklave. Nicht einmal Sklave Gottes, denn der ist ja sein Vater. Dienst ist ein Brandmal getaufter Christen, die versuchen, vollständig Herr über sich selbst zu werden und zugleich stets Diener ihrer Mitmenschen zu sein. Die Berufung zum Opus Dei setzt diesen Dienst in das tägliche Bemühen um, das Gute gerade in dem Beruf und durch den Beruf auszusäen, den ein jeder gewählt hat. Die Frauen des Werkes sind alles Mögliche – Professorinnen, Rechtsanwältinnen, Ärztinnen, Ingenieurinnen, Unternehmerinnen, Frisörinnen, Schauspielerinnen, Köchinnen! Manche wollen ihre Talente von sich aus lieber bei sich zu Hause in ihrer Familie entwickeln und wählen diese Möglichkeit völlig frei. Da gibt es keine Klassen und schon gar keine Dienerschaft. Was es gibt, ist großen gegenseitigen Respekt und Freude, ja Stolz auf ihren Dienst.

Meinen Sie nicht, dass auch die Männer anfangen müssten, den anderen zu dienen?

Aber sicher. Das muss man aus meiner Sicht beschleunigen. Die Frau ist zwar im öffentlichen Raum angekommen, aber einfach nur Ankommen reicht nicht. Wir müssen weiter vorankommen und Vieles verändern. Wir müssen tief in die öffentlichen Räume eindringen und erreichen, dass der Mann tief in die privaten und familiären Räume hineinkommt. Für diese Bereiche müssen wir ihn fit machen. Dazu muss die Gesellschaft begreifen, dass das Private eine fundamentale öffentliche Bedeutung hat. Der Mann hat da viel zu lernen und dann sicherlich auch viel beizutragen. Wir brauchen eine gerechtere, ausgewogenere, egalitärere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich der Verletzlichen besser annimmt, denn in kürzester Zeit werden wir eine Gesellschaft voll von alten, kranken, entwurzelten Menschen sein, von Menschen, die in vielen Kriegen und Konflikten verletzt wurden... Und gegenüber den Verletzlichen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder lassen wir sie links liegen oder wir beziehen sie ein und kümmern uns um sie. Ich glaube, dass die Frau bei der zweiten Möglichkeit besser wirken kann. Aber sie muss auch die Kraft und den Willen haben, das zu leisten, und darf nicht bei der Logik des Herrschens und der Macht stehenbleiben, wie sie heute überwiegt und nicht etwa von Frauen etabliert worden ist.

Der Papst hat kürzlich Missbräuche von Nonnen durch Bischöfe und Priester anerkannt. Warum hat es so lange gedauert, bis der Missbrauch von Frauen innerhalb der Kirche ans Licht gekommen ist? Warum wurde das so lange vertuscht?

Das ist ein komplexes Problem. Vertuscht wurde nicht nur der Missbrauch von Frauen, sondern auch von erwachsenen Männern. Aber die Sensibilität für diese Dinge ist deutlich gestiegen. Früher wussten die Missbrauchsopfer oft nicht, auf welchem Wege sie die Täter anzeigen sollten. Außerdem hatten viele Opfer enormen Respekt vor ihren Vorgesetzten. Das Böse macht seine Opfer eben oft stumm und fesselt sie. Und es ist gar nicht so leicht, dahinterzukommen, woran jemand leidet, besonders auf diesem Gebiet. Mir scheint, dass es Männern wie Frauen so ergangen ist. Aber Gott sei Dank hat das soziale Gewissen kräftig zugelegt, und Papst Franziskus ist entschlossen, mit ganzer Kraft durchzufechten, dass es da null Toleranz gibt. Die Wege zur Anzeige stehen jedem offen wie Autobahnen, und man ist sich des Problems allgemein bewusst geworden.

Betrachten Sie sich als Feministin?

Wenn wir unter Feminismus das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau verstehen, gleiche Würde und gleiche Chancen, bin ich eine Feministin und eine Super-Feministin. Die Dinge müssen sich ändern, das ist offensichtlich, aber unter Mitwirkung des Mannes.

Gibt es einen anderen Feminismus?

Es gibt viele Arten von Feminismus. Der, den ich verteidige, will Deckelungen aufreißen und hoch hinaus, die Dinge dadurch umformen, dass man einer anderen Logik folgt.

Siehe auch Isabel Sanchez Beitrag zur Seligsprechung von Guadalupe Ortiz