Weltkirche und Universalität

Neue Projekte an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom.

An der Piazza Navona, nur zehn Minuten vom Pantheon entfernt, steht die Päpstliche Universität vom Heiligen Kreuz, eine der jüngsten Hochschulen Roms. Ihr Standort in der Ewigen Stadt vermittelt täglich die unmittelbare Erfahrung von Weltkirche und Universalität. Fast alle ihre Professoren sind durch je ein ziviles und kirchliches Studium qualifiziert. Offenheit für die Probleme und die Chancen unserer säkularen Welt wird somit begünstigt. Im Oktober 1984 begann die Hochschule ihren Lehrbetrieb als Centro Accademico Romano della Santa Croce unter Leitung der katholischen Personalprälatur Opus Dei, seit 1990 unter der Bezeichnung Römisches Athenäum vom Heiligen Kreuz. Der selige Johannes Paul II. erhob sie 1998 in den Rang einer „Päpstlichen Universität“.

Die Pontificia Universita della Santa Croce gliedert sich in vier Fakultäten (Theologie, Kirchenrecht, Philosophie, Kommunikation), die Abschlüsse für Bakkalaureats-, Lizentiats- und Promotionsstudiengänge verleihen (www.pusc.it). Die Unterrichtssprache ist Italienisch, in einzelnen Fällen Englisch. Der theologischen Fakultät ist das Religionswissenschaftliche Institut („Istituto Superiore di Scienze Religiose all’Apollinare“) angeschlossen, das hauptsächlich Laien als Religionslehrer ausbildet. In seiner Lehrmethode („complex learning“) kombiniert das Institut die traditionelle Anwesenheitspflicht mit dem Fernstudium.

Bibliothek ohne Sommerpause

An Santa Croce unterrichten derzeit 230 Professoren. 2010 waren fast 1 500 Studenten aus fünf Kontinenten immatrikuliert, von denen 76 Prozent aus Europa und Amerika stammen. 84 Prozent Seminaristen, Diakone, Priester und Ordensangehörige studieren hier zusammen mit 16 Prozent Laien. 20 Prozent aller Studenten sind Frauen. In jüngster Zeit studieren auch orthodoxe Christen an Santa Croce.

Der Sitz der Universität ist der Palazzo dell’Apollinare im Altstadtkern Roms. Seit seiner 2007 abgeschlossenen Restaurierung ist das Hauptgebäude auch für Touristen ein Blickfang. Im 14. bis 16. Jahrhundert war der Palazzo dell’Apollinare Residenz mehrerer Kardinäle. Das Collegium Germanicum, 1552 durch Papst Julius III. gegründet und 1580 mit dem Collegium Hungaricum vereint, hatte von 1574 bis 1798 im Palazzo dell’Apollinare seinen Sitz – bis 1773 unter Leitung der Jesuiten. Die Liturgiefeiern, die das Collegium Germanicum et Hungaricum gestaltete, waren aufgrund ihres hohen musikalischen Niveaus berühmt.

Die heutige Unversitätskirche Sant’Apollinare war damals Pfarrkirche, die Ferdinando Fuga 1742–1748 im Auftrag Papst Benedikts XIV. durch den bestehenden Neubau ersetzte. Ihr Titelpatron ist der heilige Apollinaris, der als erster Bischof von Ravenna um 200 das Martyrium erlitt. Fuga erneuerte zugleich den Apollinare-Palast und verband ihn durch einen Bogen mit dem angrenzenden zweiten Palazzo des Germanicum (seit 1999 „Domus Internationalis Paulus VI“ als Unterkunft für Bischöfe und Priester).

1825–1913 war der Palazzo dell’Apollinare Sitz des Pontificio Seminario Romano, seit 1853 auch Domizil des durch Papst Pius IX. gegründeten Seminario Pio, für das der Apollinare-Palast zwei weitere Stockwerke und einen Lesesaal über dem Gewölbe der Basilika erhielt (heute „Aula Kardinal Joseph Höffner“). Dem Pontificio Istituto di Sant’Apollinare wies Papst Benedikt XV. (1914–1922) den Palast als Sitz zu. Eugenio Pacelli (später Papst Pius XII.) und Angelo Roncalli (Papst Johannes XXIII.) studierten hier. Giuseppe Sarto, der künftige Papst Pius X., wurde in der Kirche Sant’Apollinare zum Bischof geweiht. 1914–1983 hatte zudem das Päpstliche Institut für Kirchenmusik seinen Sitz im Palazzo dell’Apollinare.

Die 1984 gegründete Universitätsbibliothek von Santa Croce kann ebenso auf eine jahrhundertelange Tradition kirchlicher Studien und der Priesterausbildung zurückblicken. Südlich der Piazza Farnese befindet sie sich in einem Gebäudekomplex zwischen der Via San Girolamo della Carita und der Via dei Farnesi. Die Bibliothek ist auch externen Studenten und Forschern zugänglich. Im Juli und August ist sie als eine der wenigen Bibliotheken Roms geöffnet.

2009 feierte die Universität ihr 25jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass erinnerte Bischof Javier Echevarría, Großkanzler der Universität und Prälat des Opus Dei, an den Ursprung der Universität: „Was wir heute nach einem Vierteljahrhundert sehen können, ermöglichte die Liebe zur Kirche und zum Priestertum, die den heiligen Josefmaria Escrivá kennzeichnete, ebenso Bischof Álvaro del Portillo, seinen Nachfolger.“ Seit seiner Niederlassung in Rom 1946 hatte Escrivá dort ein universitäres Zentrum im Sinn, in dem die kirchlichen Studien im Einklang mit dem Lehramt der Kirche unterrichtet würden. „Er wünschte sich dieses Projekt vor allem, um die Einheit der Katholiken mit dem Nachfolger Petri zu fördern“, so Bischof Echevarría. „Er liebte Rom aus vollem Herzen als Symbol der Einheit und der Katholizität der Kirche wie als einen Ort gelebter Heiligkeit über viele Jahrhunderte.“

Die Theologische Fakultät bietet im Fachbereich Kirchengeschichte einen zweijährigen Master-Studiengang an (www.pusc.it/teo/storia). Er entspricht dem Lizentiats-Lehrangebot in der Spezialisierung Kirchengeschichte. Johannes Grohe, Professor für Mittelalterliche Kirchengeschichte, ist Herausgeber der Internationalen Zeitschrift für Konziliengeschichtsforschung „Annuarium Historiae Conciliorum“, die Kardinal Walter Brandmüller begründete. Zusammen mit den Historikern Bruns (Bamberg), Frenken (Ulm) und Minnich (Washington) bereitet Grohe unter Mitarbeit einer Internationalen Autorengruppe die Herausgabe des „Lexikons der Konzilien“ vor, das in drei Bänden ab 2013 im Ferdinand Schöningh Verlag erscheinen soll. Das Lexikon wird möglichst vollständig alle Ökumenischen und regionalen Konzilien der Kirche erfassen. Dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das für das gegenwärtige Leben der Kirche von eminenter Bedeutung ist, misst das Lexikon breiten Raum zu.

Im Frühjahr 2012 werden die Lexikon-Autoren, die die Dekrete des Zweiten Vatikanums behandeln, zu einer Fachtagung an der Universität Santa Croce erwartet. Ihre Beiträge zur Redaktionsgeschichte, historisch-theologischen Würdigung und Rezeption des Konzils werden in einem Band der von Walter Brandmüller begründeten „Konziliengeschichte, Reihe B: Untersuchungen“ (Schöningh-Verlag) erscheinen.

„Wir möchten die christliche Botschaft in der Gesellschaft stärker präsent machen, um zur Lösung aktueller Fragen aus christlicher Sicht beizutragen." Prof. Martin Schlag

Martin Schlag, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät, ist Leiter des Studienprojekts „Markets, Culture and Ethics“ (www.mceproject.org). Als interdisziplinäre Forschungs- und Dialogplattform widmet sich dieser Think Tank sozial- und wirtschaftsethischen Fragen. „Die Katholische Kirche ist eine der ältesten und größten Institutionen globaler Führung (global governance). In Sachen interkultureller Kommunikation hat sie enorm viel Erfahrung weiterzugeben“, so Schlag. „Wir möchten die christliche Botschaft in der Gesellschaft stärker präsent machen, um zur Lösung aktueller Fragen aus christlicher Sicht beizutragen. Zudem wollen wir in der katholischen Sozialverkündigung ein größeres Verständnis für die Realitäten in Wirtschaft und Politik wecken.“

Die 1996 errichtete Fakultät für Institutionelle Soziale Kommunikation unterrichtet nicht nur ihren vorgesehenen Lehrplan, sondern organisiert überdies Seminare, Tagungen und Kongresse für Journalisten und Mitarbeiter kirchlicher Pressestellen. Das Fortbildungsprogramm berücksichtigt auch Konfliktsituationen und deren Behandlung durch kirchliche Entscheidungsträger im Kontakt mit den Medien.

Erzbischof Robert Zollitsch, der die Universität Santa Croce im März 2010 besuchte, hält den Studiengang Kommunikation für „wichtiger denn je“. Zollitsch zeigte sich beeindruckt davon, dass jede Fakultät jährlich einen Kongress veranstaltet. Im September 2010 informierte und diskutierte das Studienseminar „The Church Up Close“ über aktuelle Herausforderungen und Probleme in der Kirchenberichterstattung (www.church-communication.net). 30 internationale Vertreter kirchlicher und säkularer Medien nahmen teil. Das Seminar versucht, „Journalisten aus aller Welt den Vatikan näherzubringen“, erklärt Professor John Wauck. „Das ist für uns auch eine wunderbare Gelegenheit, das Ziel der Universität voranzutragen: die Förderung der Wahrheit über die Kirche. Vor uns liegt eine enorme Herausforderung, aber sie gibt uns auch große Hoffnung, durch modernste Technik den Christen in aller Welt die Botschaft Christi zu vermitteln.“

An der Kommunikationsfakultät wird auch „Kunst und Glaubenskommunikation“ gelehrt, zudem Kunstgeschichte und Liturgische Kunst an der Theologischen Fakultät. In Deutschland zählen diese Fächer nicht zum pflichtmäßigen Lehrprogramm des Theologiestudiums, obwohl das Zweite Vatikanische Konzil die Einbeziehung von Kunst gewollt hat. Priester und kirchliche Mitarbeiter brauchen Fachkenntnis und pastorale Kompetenz, um in Pressearbeit und Künstlerpastoral sowie in pädagogischer Nutzung der Kunst und denkmalpflegerischer Sorge für das Kulturerbe tätig sein zu können. Die Universität Santa Croce versucht seit 2006, diesem Defizit in der theologischen Ausbildung entgegenzuwirken. Zunehmend deutsche Studenten frequentieren das Lehrangebot.

Die Päpstliche Universität vom Heiligen Kreuz versteht sich als Lehr- und Forschungsstätte mit universalem Blick für die Anliegen der Weltkirche. Von 1984 bis 2009 bildete sie insgesamt 7 317 Studenten aus 102 verschiedenen Ländern aus. Bei den Dikasterien des Heiligen Stuhls sind Professoren verschiedener Fachbereiche regelmäßig als Konsultoren tätig. Luis Romera, Professor für Metaphysik und seit 2008 Rektor von Santa Croce, ist erfreut, dass die Universität eine „Dienstleistung für die Weltkirche“ erbringen darf und zunehmend auch von deutschsprachigen Theologiestudenten „entdeckt“ wird.

  • von Ralf van Bühren, in: Die Tagespost, 21.7.2011