Prälat Ocáriz: „Der Kirche treu zu dienen, heißt, dem Geschehen in unserer Welt nicht gleichgültig gegenüberzustehen“

Der Prälat des Opus Dei äußert sich in diesem Interview mit dem Webportal Exaudi zu einigen aktuellen Herausforderungen.

Kurz vor der Feier seines hundertjährigen Bestehens blickt das Opus Dei in die Zukunft. In diesem Exklusivinterview spricht der Prälat des Werkes, Fernando Ocáriz, über die Herausforderungen für die Familie, das Wirken des Werkes in den ersten hundert Jahren, die Vitalität der Kirche – besonders in Afrika – sowie über den geplanten Besuch von Papst Leo in Spanien unter dem Motto „Erhebt den Blick“. Zugleich zeigt das Gespräch, wie aktuell die Botschaft des hl. Josefmaria Escrivá bis heute geblieben ist: Gott mitten im Alltag zu finden.

Der heilige Josefmaria wuchs in einer gläubigen Familie auf und begann sein Apostolat unter jungen Menschen, von denen viele ebenfalls aus katholischen Familien stammten. Im Laufe seines Lebens breitete sich das Werk auf andere Länder aus, in denen die Lebenswirklichkeit eine andere war. Er sprach sogar vom Apostolat ad fidem. Worin sehen Sie den Schlüssel zum Apostolat in Umfeldern, in denen das Familienleben wenig Unterstützung für den Glauben bietet oder sogar zerrüttet sein kann? Und wie können Familien in diesem Zusammenhang dazu ermutigt werden, das zu werden, was der heilige Josefmaria als „helles und fröhliches Zuhause“ bezeichnete?

Von Anfang an erachtete der heilige Josefmaria die Freundschaft als einen privilegierten Ort der Evangelisierung und maß ihr große Bedeutung bei; denn in der Freundschaft teilen wir das Evangelium von Herz zu Herz. Durch diese Bindungen verbreitet sich der Glaube auf natürliche Weise in Familien, der Nachbarschaft, unter Kollegen am Arbeitsplatz und eröffnet so jedem neue Horizonte. So stellte er sich die ersten Christen vor: als Menschen, die durch eine Freude, die ansteckend war, Zeugnis von ihrer Freundschaft mit Christus ablegten. Und das gilt heute noch. Eine Begegnung mit Jesus legt den Grundstein für ein erfülltes Leben. Sie hilft den Menschen, an eine Liebe zu glauben, die ein Leben lang hält, Kinder als Geschenk zu sehen und die Kraft zu finden, sich der älteren und kranken Menschen anzunehmen. Christliche Familien wiederum sind dazu berufen, eine Quelle der Unterstützung und Inspiration für viele andere Familien in ihrem Umfeld zu sein.

Der heilige Josefmaria sagte häufig, dass das Werk dazu da sei, der Kirche zu dienen. Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Beitrag des Opus Dei in diesen ersten hundert Jahren?

Der wesentliche Beitrag ist untrennbar mit jenem Geist verbunden, den Gott seit 1928 durch das Werk verbreiten wollte: eine große Schar gewöhnlicher Menschen, die Gott in ihrem Alltag lieben wollen und danach streben, dass das Evangelium ihrer Arbeit, ihrer Freizeit und ihren Beziehungen in Familie und Beruf einen neuen Sinn verleiht. Dieser neue Sinn führt zu einem neuen Lebensweise, da er die kleinen und großen Sorgen des Lebens ebenso wie die Freuden und Herausforderungen im besten Sinn des Wortes vermenschlicht, sie mit christlichem Geist erfüllt und die tägliche Arbeit in einen großzügigen Dienst verwandelt: in eine stille Aussaat christlichen Friedens und christlicher Freude in jedem Winkel der Gesellschaft.

Man könnte diese Frage ganz leicht auch unter dem Gesichtspunkt institutioneller Errungenschaften beantworten und auf die Inspiration verweisen, die der Geist des Opus Dei für unzählige Bildungs- und Sozialinitiativen auf der ganzen Welt darstellte. An Beispielen mangelt es nicht: das Strathmore College in Kenia (die erste multiethnische Schule in Afrika, gegründet 1961), Berufsbildungszentren in ganz Südamerika, eine Business School in Mexiko, Studentenwohnheime in Spanien und viele mehr. Hier in Rom kennt man die Arbeit der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, einem Zentrum für kirchliche Studien, das bis dato Studenten aus 129 Ländern und mehr als 1.200 Diözesen ausgebildet hat.

Ohne die Bedeutung dieser Unternehmungen in irgendeiner Weise schmälern zu wollen, erfüllt mich ein Umstand mit großer Dankbarkeit,die sich nochmals bestätigt hat, nachdem ich mehr als 50.000 Menschen in 70 Ländern angehört habe:Der zuverlässigste Weg, nach dem Geiste des Werkes der Kirche zu dienen, ist es,uns so umfassend mit Christus zu identifizieren, dass wir seine Gefühle teilen. Denn dann werden wir dem Geschehen in unserer Welt nicht gleichgültig gegenüberstehen. Wir werden unser eigenes Leben einsetzen, um auf die Hoffnungen und Nöte unserer Mitmenschen einzugehen.

Die hundert Jahre Opus Dei sind ein Anlass zu Dankbarkeit, Besinnung und zu einem Blick in die Zukunft. Wie sehen Sie die Arbeit in den kommenden Jahren?

Meine Hoffnung ist, dass das hundertjährige Jubiläum der Gründung des Opus Dei für jeden von uns eine Gelegenheit ist, uns innerlich zu erneuern. Aus dieser Erneuerung heraus – zu der auch gehört, Fehler einzugestehen und wiedergutzumachen – werden wir besser in der Lage sein, uns für Gott, die Kirche und alle Menschen einzusetzen und unseren Beitrag zur Umgestaltung der Welt nach dem Herzen Christi zu leisten.

Ich hoffe, Mitglieder des Opus Dei an der Seite von Familien zu sehen, die wieder zueinandergefunden haben, weil sie gelernt haben, einander um Vergebung zu bitten. Ich hoffe auf Journalisten, die der Wahrheit verpflichtet sind, auf Lehrer, die mit Demut und Mut unterrichten, auf ältere Menschen, die Freude ausstrahlen, und auf junge Menschen, die Solidarität leben. Ich hoffe auf Ehepaare, die ihren Kindern den Glauben weitergeben, auf Kranke, die ihr Leiden mit innerem Frieden tragen, auf Ärzte, die ihren Patienten mit echter Menschlichkeit begegnen, und auf Ingenieure, die ihre Fähigkeiten in den Dienst der Schwächsten stellen – auch dann, wenn dies nicht der profitabelste Weg ist.

Das ist mein Wunsch für die kommenden Jahre: dass das Werk eine große Katechese sei, die dabei hilft, die Heiligkeit im Alltag zu verwirklichen und dazu beizutragen, „dass die Liebe und die Freiheit Christi alle Äußerungen unseres heutigen Lebens prägen“ (hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 302).

Der Papst hat kürzlich eine zehntägige Reise durch Afrika absolviert, bei der er mehrere Länder besuchte. Was waren für Sie die wichtigsten Themen dieses Besuchs?

Diese intensive apostolische Reise durch Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea war ein eindrucksvoller Ausdruck der Fürsorge, die der Papst und die Kirche der gesamten Menschheit und insbesondere dem afrikanischen Kontinent entgegenbringen. Es ist eine Region, die gleichermaßen von großen Hoffnungen und großen Herausforderungen geprägt ist. Es war auch eine Gelegenheit für uns, unsere Dankbarkeit, unsere kindliche Zuneigung und unser beständiges Gebet für die Früchte seines Pontifikats zu bekräftigen.

Auf jeder Reise ist der Heilige Vater ein Zeuge des Evangeliums und der Nähe Gottes zu den Menschen, die ihn empfangen. Er bekräftigte seinen Aufruf zu Frieden und Versöhnung als die spezifisch christliche Antwort auf Konflikte. Seine Pilgerreise in das Land des heiligen Augustinus offenbarte etwas von seiner eigenen Identität als geistlicher Sohn des Bischofs von Hippo und lud uns alle ein, in Jesus Christus die Antworten auf unsere tiefsten Fragen zu suchen.

Die großen, freudigen liturgischen Feiern – darunter die tief bewegende Abschlussmesse in Malabo – zeigten der Welt, dass die Kirche in Afrika vor Lebenskraft nur so strotzt. Der Papst erinnerte uns daran, dass dieser Kontinent ein echtes geistliches Kraftwerk und ein Schatz des Glaubens für die gesamte Kirche ist.

Und was erwartet das Opus Dei von den Apostolaten auf diesem Kontinent?

Die kurze Antwort lautet: sehr viel. Sowohl was die Bildungsprojekte als auch die persönliche Treue zu Jesus Christus betrifft. Beides ist von enormer Bedeutung. Doch im Opus Dei liegt der Schwerpunkt in erster Linie auf der apostolischen Initiative jedes Einzelnen, auf seiner freien und verantwortungsvollen Antwort auf die Eingebungen des Heiligen Geistes.

Der heilige Josemaria liebte Afrika zutiefst, mit all dem Reichtum seiner Kulturen und Völker, und er sah das immense Gute voraus, das seine Männer und Frauen der Gesellschaft und dem Aufbau der Kirche bringen würden. Er lud uns oft ein, von großen Idealen zu träumen.

Was mich am Werk in Afrika am meisten bewegt, ist das Leben der Afrikaner selbst, die den Geist des Opus Dei leben. Das Werk ist nichts, was von außen in Afrika implantiert wurde; seit fast siebzig Jahren leben Afrikaner aus vielen verschiedenen Ländern diesen Geist auf ihre eigene Weise, in ihrem eigenen Milieu. Das Opus Dei ist afrikanisch, weil es katholisch ist: universell, genau wie die Botschaft des Evangeliums. Und wir sehen bereits, wie sich das Opus Dei von Afrika aus auf andere Teile der Welt ausbreitet und ein lebendiges Zeugnis des Glaubens und der Freude mit sich bringt.

Im kommenden Juni wird Papst Leo zum ersten Mal Spanien besuchen, das Land, in dem das Werk entstanden ist. Wie sollten sich die Gläubigen Ihrer Meinung nach auf dieses Ereignis vorbereiten?

Das Motto der Reise – „Erhebt eure Augen“ – ist eine Einladung, unsere Wirklichkeit jenseits der rein menschlichen Logik zu betrachten und uns in die übernatürliche Perspektive hineinziehen zu lassen, die Gottes Liebe uns eröffnet. Indem wir uns ihm in den Bedürftigen durch konkrete Gesten und Werke der Barmherzigkeit nähern, bereiten wir unsere Herzen darauf vor, Jesus in ihnen zu empfangen: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25,40).

In Anlehnung an die heilige Katharina von Siena bezeichnete der heilige Josefmaria den Papst gerne als „den süßen Christus auf Erden“. Eine weitere wesentliche Art, sich auf den Besuch des Heiligen Vaters vorzubereiten, besteht darin, persönlich für ihn und für die Früchte der Reise zu beten: dass jedes Herz offen sei, seine Worte zu hören, sie mit Andacht aufzunehmen und sie in jedem Winkel der Gesellschaft widerhallen zu lassen.

Der christliche Glaube hat tiefgreifende soziale Auswirkungen. Diese Dimension ist in der Regel bei einer Papstreise vorhanden, die natürlich auch ein Staatsbesuch ist. Doch der Kern der Sache ist einfacher und tiefer: Der Papst hilft uns, Jesus Christus zu begegnen. Und nur in Jesus Christus und mit Jesus Christus findet das Leben seinen vollen Sinn, und können die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, mit echter Hoffnung angegangen werden.

Eigene Übersetzung des Interviews von Claudio Caruso (Exaudi) mit Msgr. Fernando Ocáriz vom 19.5.2026. Nachlese auf original Spanisch hier.