Geistesverwandte: Der Pfarrer von Ars und Father Brown

Zum Gedenktag des hl. Johannes-Maria Vianney am 4. August

Betrachtungen zum Kirchenjahr

Ein Leser von Chestertons Father-Brown-Krimis hat keine Zeit um sich zu fragen woher es kommt, dass der scheinbar linkische, naive Landpfarrer mit einem Regenschirm unter dem Arm immer der Polizei voraus ist. Chesterton geht in einer seiner Geschichten darauf ein. Dies komme daher – heißt es sinngemäß -, dass Father Brown im Beichtstuhl sitzt. Er kennt die Menschen von innen her. Er kennt die Geheimnisse des Herzens und weiß – anders als die fleißige Polizei - dass der Mensch nicht streng nach Logik handelt. Und er will nicht den Verbrecher entlarven und bestrafen, sondern bekehren und mit Gott versöhnen. Der Polizei bleibt er ein Rätsel.

Gebet für die ihm Anvertrauten, strenge Askese und Geduld

Jenseits der Fiktion begegnet uns diese Erfahrung beim heiligen Johannes-Maria Vianney, dem Pfarrer von Ars. Seine Zeit (er stirbt 1859 mit 73 Jahren) ist von der Romantik, von Revolutionen, vom großen technischen Fortschritt geprägt. Aber nichts davon berührt ihn. Er sitzt täglich vierzehn Stunden im Beichtstuhl, besucht die Kranken, lehrt den Katechismus und führt in einem Dorf von zweihundertdreißig Seelen mit vier Kneipen seinen Kampf gegen Trinken, Tanzen, Fluchen und Sonntagsarbeit. Dagegen setzt er ein: Anbetung vor dem Allerheiligsten, Gebet für die ihm Anvertrauten, strenge Askese und Geduld. Und harte Predigten.

Wahrscheinlich ging es in Ars nicht schlimmer zu als in den anderen Dörfer und Pfarreien in der Umgebung. Warum war Vianney so streng gegen das Vergnügen? Hätte er nicht wie Philipp Neri vor ihm, wie Johannes Bosco nach ihm reagieren können? Ohne Zweifel, aber ihm fehlte das Gespür dieser Heiligen für das Schöne und das Heitere an den irdischen Freuden. In jansenistisch anmutender Strenge sah er nur die schreckliche Verwahrlosung der Menschen im Dorf, ihre stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber Gott und dem Sinn des Lebens.

Die Gnade Gottes

In einer Biographie des Heiligen heißt es: „Gott ließ es zu, dass ausgerechnet der größte Priester, den Frankreich im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, von der Kirche zuerst des Priesteramtes für unfähig erklärt wurde“. Sein Vater erlaubte ihm erst spät, die Arbeit als Bauernknecht zu verlassen. Er besaß nicht einmal die einfachsten Dorfschulkenntnisse, als er anfing, sich mit dem Latein zu plagen. Im Priesterseminar kam die Qual der theologischen Fächer dazu. Nach einiger Zeit wurde er wegen Unfähigkeit wieder nach Hause geschickt. Ein befreundeter Pfarrer setzte sich für ihn ein und es gelang ihm, die Oberen zu überzeugen, Vianney sei, wenn auch intellektuell unbeholfen, sehr fromm. „Gut, dann berufe ich ihn. Die Gnade Gottes wird das übrige tun.“ Mit neunundzwanzig Jahren wurde er endlich zum Priester geweiht.

Er gehörte nicht zu den Gescheiten und Klugen. Ihm wäre nie eingefallen, sich die Frage nach der Identität des Priesters zu stellen. Er hätte auch keine theologische Antwort dazu geben können. Er hätte mit Freude dem zugestimmt, was der hl. Josefmaria Escrivá zu dieser Frage in einer Meditation sagt: „Was ist die Identität des Priesters? Die Identität mit Christus. Alle Christen können und sollen nicht nur alter Christus - ein anderer Christus - sondern ipse Christus - Christus selbst - sein. Doch im Priester geschieht dies unmittelbar, auf sakramentale Weise. (...) Durch die Weihe vermag der Priester dem Herrn seine Stimme, seine Hände, ja sein ganzes Sein zu leihen; es ist Jesus Christus selbst, welcher in der heiligen Messe durch die Worte der Konsekration Brot und Wein in seinen Leib und seine Seele, sein Blut und seine Gottheit verwandelt. Und darin liegt die Identität des Priesters: er ist direktes, täglich wirkendes Werkzeug des Heiles, das Christus uns verdient hat.“ (J. Escrivá, Homilie Priester auf ewig, Köln 1973, S. 28)

Bei ihm beichten

Es ist bezeichnend, dass der heilige Johannes-Maria Vianney kaum unter diesem Namen bekannt ist. Alle nennen ihn den „Pfarrer von Ars“. Er verschwand hinter dem Amt, das Berufung war. Sein Auftrag war: Die Menschen von Ars. Und wieder das Rätsel: Ohne sein Zutun verbreitete sich sein Ruf in ganz Frankreich, Tausende pilgerten zu ihm, bereit, tagelang zu warten, um bei ihm beichten zu können. Kurioses wird berichtet: Ein Postwagen wurde eingesetzt, der täglich zwischen Ars und Lyon verkehrte. Und die Fahrkarten hatten acht Tage Gültigkeit, da man oft sehr lange auf die Beichte beim Pfarrer warten musste. Viele wurden vor ihm wie durchsichtig. Manchmal wusste er um Sünden eines Pönitenten, der sich schwer tat, sie zu bekennen oder sie verdrängte.

Des Rätsels Lösung? Als Papst Pius XI den Pfarrer von Ars 1925 heilig sprach und später zum Patron aller Pfarrer und Seelsorger machte, hob er hervor, wie Vianney das heilende, befreiende Erbarmen Gottes unter den Menschen durch das Sakrament der Sündenvergebung gegenwärtig gemacht hatte.