Der Tag, an dem der Morgenstern zu leuchten begann

Anmerkungen zu den Gedenktagen Mariä Geburt und Mariä Namen von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr

 Nachdenken über den eigenen Lebensanfang

„Das Licht der Welt erblicken“ ist kein Bild, mag es auch so poetisch-feierlich klingen. ... Sachlich besagt der Satz was geschieht, wenn ein Kind geboren wird. Auch „der Morgenstern“ ist eine reale Erscheinung, die am Nachthimmel den baldigen Aufgang der Sonne ankündigt. Im Gebet der Kirche wird die Mutter des Herrn oft so genannt. Beide Male aber erhalten die sachlichen Aussagen dichterische und mystische Dichte und vermögen ins betende Nachdenken zu führen.

Das Licht der Welt erfasst der Neugeborene sicher noch nicht bewusst, aber er tritt in die Geschichte ein und beginnt dann nach und nach selbst Geschichte zu gestalten: die eigene und die seines Umfelds.

Aus einer tieferen Perspektive erkennt ein Christ ein anderes Licht, das sein Leben erhellt. Das stille Leuchten beginnt mit der Taufe , Wir nennen es „Gnade“. Der Mensch sieht sich als von Gott nach seinem ewigen Plan berufen, im voraus erkannt und im voraus dazu bestimmt, am Wesen und Gestalt Christi teilzuhaben (vgl. Röm 8, 28-29). Was aus dieser von Gott geschenkten Gnade im Laufe eines Lebens wird, zeigt sich erst am Ende des irdischen Weges.

Nur von zwei Heiligen feiert die Kirche den irdischen Geburtstag in der Gewissheit dass dieser Tag schon „Fülle“ ist: von der Mutter des Herrn und von Johannes dem Täufer. Johannes wurde im Schoße seiner Mutter Elisabeth geheiligt. Maria war voll der Gnade vom Augenblick ihrer Empfängnis an. Die Kirche feiert das Fest Mariä Geburt neun Monate nach dem Fest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember.

Im Hause von Nazaret

Natürlich ist das Datum nicht historisch bewiesen oder belegt. Wir wissen auch nicht, wann man damit begann, diesen Tag zu feiern. Betend oder nachdenkend kann es einem einfallen, staunend vielleicht, weil so selbstverständlich, dass Josef und das Kind im Hause von Nazaret den Anfang dieses Festes setzten. Wir dürfen auch annehmen, auf selbst erlebter Erfahrung gestützt, dass nach Ostern unter den Urchristen das Bedürfnis entstand, den Geburtstag der Mutter Jesu zu feiern. Und Johannes, den Jesus am Kreuz Maria zu Mutter gegeben hatte (vgl. Joh 19, 26-27) , wird für eine herzliche Feier gesorgt haben. Spekulation? Vielleicht. Oder aus urmenschlichen Empfindungen stammende Ahnung, dass damals schon das war, was heute in einer Familie selbstverständlich ist? Solche unwissenschaftlichen, historisch nicht belegten Gedanken können die «Gedanken des Herzens» beflügeln. Man steht in der Tradition von Heiligen früherer Zeiten wie Augustinus und zeitgenössischen Heiligen wie Edith Stein oder Josefmaria Escrivá. Man entdeckt von neuem das kindliche Beten – am Geburtstag der Mutter.

Stern des Morgens am Anfang neuer Zeiten

Papst Johannes Paul II ließ sich in seinem Beten oft vom Staunen des Kindes oder von poetischen Intuitionen inspirieren. Eine dieser Inspirationen war, Mariä Geburt als Einstimmung auf eine «andere Geburt» zudeuten: das bald beginnende neue Millenium. Er rief die Christenheit zur Feier eines Marianischen Jahres auf.

«Wenn es auch nicht möglich ist, einen genauen Zeitpunkt für das Datum der Geburt Marias festzustellen, so ist sich die Kirche doch stets bewußt, daß Maria vor Christus am Horizont der Heilsgeschichte erschienen ist. Es ist eine Tatsache, daß beim Herannahen der endgültigen »Fülle der Zeit«, das heißt beim erlösenden Kommen des Immanuel, diejenige, die von Ewigkeit her dazu bestimmt war, seine Mutter zu sein, bereits auf der Erde lebte.» (Enzyklika Redemptoris Mater Nr.3)

Der Papst griff diesen selbstverständlichen Gedanke auf, um ihn spirituell zu vertiefen: Die Jahre, die dem Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus und dem Beginn des dritten näherbringen, sollen Jahre sein, in welchen man sich «in besonderer Weise an diejenige wenden, die in der »Nacht« der adventlichen Erwartung als wahrer »Morgenstern« (Stella matutina) zu leuchten begann. Bekanntlich geht dieser Stern zusammen mit der »Morgenröte« dem Aufgang der Sonne vorauf: So ist Maria dem Kommen des Heilands voraufgegangen, dem Aufgehen der »Sonne der Gerechtigkeit« in der Geschichte des Menschengeschlechtes.»

Die Kraft des Namens Der Name der Jungfrau war Maria (Lk 1,27). Vier Tage nach Mariä Geburt feiert die Kirche den Gedenktag Mariä Namen am 12. September. Es ist logisch auch dies zu bedenken, denn der Eintritt in die menschliche Gemeinschaft wäre ohne einen Namen ein Wegtauchen ins Anonyme.

Maria war vierzehn oder fünfzehn, als sie das Warum ihrer Geburt, den Sinn ihres Lebens erfuhr und „endgültig in das Geheimnis Christi eingeführt“ wurde (Johannes Paul II, Enzyklika Redemptoris Mater, Nr. 8).

Das Jawort Marias eröffnet den Neuen Bund. In dem Augenblick, da sie ihre eigene Berufung entdeckt, entsteht die christliche Berufung überhaupt als Berufung zur Nachfolge Christi. Die Antwort ist uns wohl vertraut, wir haben sie uns selbst betend zu eigen gemacht: Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hat (Lk 1,37).

Der historische Hintergrund für die Feier Mariä Namen ist ein Ereignis, das „die europäische Kultur und die Christenheit Europas gerettet und sich tief in seine Geschichte eingeschrieben hat“ (Johannes Paul II., Ansprache auf dem Kahlenberg in Wien 13.9.1983). Am 12. September 1683 ritt das Entsatzheer des polnischen Königs Jan Sobieski von den Höhen des Wienerwaldes hinab und beendete so die Belagerung Wiens durch die Türken, die seit Juli gedauert hatte. Zu Erinnerung an diesen Sieg führte Papst Innozenz XI. das liturgische Fest Mariä Namen ein. 

„Der Name drückt das Wesen, die Identität der Person und den Sinn ihres Lebens aus“ („Katechismus der katholischen Kirche“, Nr. 203). Der Name ermöglicht die Kommunikation, schafft den Brückenschlag zum Mitmenschen. Ich rufe jemanden beim Namen, wenn ich ihn kenne. Einen Unbekannten kann ich nur unpersönlich anreden: „Eh, Sie da!“ An Orten der Unmenschlichkeit tritt an die Stelle des Namens eine Nummer – eine Absage an das Personsein des Menschen, eine symbolische Auslöschung seiner humanen Existenz. Überlebende aus dem Konzentrationslager nennen das als eine besonders erniedrigende Erfahrung.

Aber auch unauffällig und undramatisch kann einen die geschäftige Betriebsamkeit in die Anonymität treiben. Das Gespür für Gewissen gegenüber Gott und für Eigenverantwortung gegenüber der Gesellschaft verdämmert ins kollektive Namenlose.

Zwischen den Zeilen der Schöpfungserzählungen im Buch Genesis läßt sich etwas über die Kraft und die Verantwortung, die mit dem Namen gegeben ist. Gott erschafft nicht nur, er gibt allen Geschöpfen ihren Namen (vgl. Gen 1,3-9). Kraftvoll heißt es da: Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. … Gott nannte das Gewölbe Himmel. ... Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Das poetische Bild ist von theologisch-spiritueller Tiefe, wo es heißt, Gott habe dem Menschen beauftragt, sich am Werk der Namensgebung von Lebewesen zu beteiligen: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. (Gen 2,19-20) 

Marienlob: Orte und Worte

Eines Tages rief eine Frau aus der Menge Jesus zu: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat. (Lk 11,28) Wie ein Echo dieses Segensspruches hat sich durch die Jahrhunderte überall die Marienverehrung entfaltet: in Liturgie und Brauchtum, in Musik, Malerei, Skulptur und in Dichtung, Gebeten, Hymnen, Liedern und Legenden.

Viele uns wohlvertrauten alten Mariengebete sind ein Ruf des Herzens, überschwänglich, jenseits der Strenge der Liturgie und der Präzision der Theologie. Im Salve Regina vom Ende des 11. Jahrhunderts ist Maria die Mater misericordiae und Vita, dulcedo et spes nostra... Mutter des Erbarmens, Leben, Wonne und Hoffnung…

Andere entfalten sich als Litaneien. Am bekanntesten ist die Lauretanische Litanei, die in Loreto entstand und die der hl. Petrus Canisius im 16. Jahrhundert besonders bekannt gemacht hat. Wie gut, wenn wir Maria mit frischem Herz und offenem Sinn sagen: Virgo, Mater, Regina! Du bist Jungfrau und Mutter, Du bist Königin! Königin der Engel, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Bekenner, der Jungfrauen und aller Heiligen! Und auch – erst vor etlichen Jahren hinzugefügt: Du bist die Königin der Familie! Und schließlich, drängend, die Not unserer Zeit vor Augen: Du Königin des Friedens, bitte für uns!