Betrachtungstext: 4. Sonntag des heiligen Josef

Der Gehorsam des heiligen Josef – Die nötige Sammlung, um Gott zu hören – Josef nimmt den Gehorsam Jesu vorweg

IN DER VERKÜNDIGUNG des Engels an Josef hat die christliche Tradition immer eine Parallele zur Verkündigung an Maria gesehen: Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen (Mt 1,20-21). Der heilige Patriarch war stets bereit, den Willen Gottes zu erfüllen, der ihm im Gesetz und in vier Träumen offenbart wurde.1 Dass Josef selbst im Schlaf die göttlichen Weisungen empfing und unverzüglich danach handelte, zeugt von seiner tiefen Verbundenheit mit Gott. Es zeigt auch, dass das beschauliche Leben uns in der Regel dazu führt, den Willen des Vaters zu erkennen und großmütig anzunehmen. Diese innere Haltung ist die Grundlage für den Gehorsam gegenüber dem Herrn. Das Wort „gehorchen“ stammt von „audire“ – „hören“ – und beschreibt die Fähigkeit, aufmerksam und klug aufzunehmen, was ein anderer zu sagen hat. Auf diesem Weg ließ sich Josef in Gottes großes, barmherziges Erlösungswerk hineinnehmen.

Gehorsam ist kein blindes Befolgen, sondern setzt ein offenes Herz und eigenständiges Denken voraus. Josef war hierin ein herrliches Vorbild, wie auch der heilige Josefmaria schreibt: „Sein Glaube wankt nicht, er gehorcht ohne Zögern. Wir verstehen sein Beispiel umso besser, je bewusster wir beachten, dass sein Glaube aktiv und seine Fügsamkeit nicht der (passive) Gehorsam eines Menschen ist, der sich von den Ereignissen fortreißen lässt. Denn nichts ist dem christlichen Glauben ferner als Anpassung, Untätigkeit und Antriebslosigkeit. Josef überließ sich rückhaltlos den Händen Gottes, ohne darauf zu verzichten, über den Sinn der Ereignisse nachzudenken. So konnte er vom Herrn jene Einsicht in die Werke Gottes erlangen, die wahre Weisheit ausmacht.“2

Schon im Alten Testament begegnen wir immer wieder Menschen, die Gottes Stimme in ihren Träumen vernehmen – Adam, Jakob, Samuel und andere. Es sind jene Getreuen, die beständig mit Gott im Gespräch sind und ihm in allen Lebenslagen Raum geben. Ihre Geschichten verdeutlichen: Echter Gehorsam eröffnet neue Dimensionen des Lebens – er verleiht uns neue Namen, neue Orte, neue Aufgaben.


WIR WISSEN, dass Gott immer an unserer Seite ist und uns beständig aufruft, uns mit allem, was wir sind, mit seiner Liebe zu vereinen – durch die ganz konkreten Situationen unseres Lebens. Der Herr spricht zu uns durch unsere Mitmenschen und die Ereignisse des Alltags. In allem verbirgt sich ein göttlicher Plan, den wir entdecken und zur Entfaltung bringen können.

Josef wurde durch die jüdische Frömmigkeit darin bestärkt, Gott an die erste Stelle zu setzen. Das Gebet Schma Jisrael – das gläubige Bekenntnis zu dem einen Gott – wiederholte er mindestens zweimal täglich: Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig (Dtn 6,4). Diese klare Ausrichtung auf Gott ließ den heiligen Josefmaria über ihn sagen: „Wie kein anderer vor und nach ihm hat Josef von Jesus gelernt, Seele und Herz offen zu halten und aufmerksam zu bleiben, um die Großtaten Gottes zu erkennen.“3

Um Gottes Stimme zu hören, müssen wir lernen, innerlich still zu werden. Wie die Heilige Schrift berichtet, vernahm der Prophet Elija Jahwe nicht im gewaltigen Wind, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer, sondern im sanften, leisen Säuseln (1 Kön 19,12). Für ein echtes Gebetsleben müssen wir die vielen Stimmen, die uns ablenken, zum Schweigen bringen und auf Gott hören, aber auch unsere eigenen inneren Regungen wahrnehmen und unsere Sehnsüchte und Möglichkeiten vor ihn tragen. In dieser Vertrautheit erkennen wir unser wahres Wesen und führen einen Dialog mit Gott, der uns verwandelt.

Die Evangelisten überliefern kein einziges gesprochenes Wort des heiligen Josef – doch seine Taten sprechen für sich. Sie sind Ausdruck seines tiefen Gehorsams, seines intelligenten Zuhörens und seines inneren Dialogs mit Gott. Papst Benedikt betonte: „Das Schweigen des heiligen Josef zeugt nicht von einer inneren Leere, sondern im Gegenteil von der Fülle des Glaubens, den er in seinem Herzen trug und der all seine Gedanken und Handlungen leitete.“4 Gerade diese Haltung des stillen Hörens ermöglichte es Gott, den Lauf des Lebens dieses Mannes durch vier Träume zu lenken. Dank seiner Wachsamkeit und Offenheit für Gottes Pläne konnte Josef seine Frau und seinen Sohn vor Gefahren bewahren und sie an sichere Orte führen. Auch wir sind eingeladen, diese Haltung der Sammlung und des aufmerksamen Hörens zu pflegen, damit Gottes Stimme und sein Wille in unser Leben eintreten und uns den Weg weisen können.


IM NEUEN Testament finden wir zwei Sätze, die das Leben Jesu in aller Kürze zusammenfassen. Der eine stammt von Paulus: Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,8); der andere von Lukas: Jesus kehrte mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam (Lk 2,51). Beide Passagen zeigen eindrücklich, dass Jesus seinen Heilsplan im Gehorsam verwirklichte – aus Liebe zu Gott, seinem Vater, und zum Wohlgefallen seiner irdischen Familie.

Die Familie ist der Ort, an dem wir lernen, auf andere zu hören, unseren Platz einzunehmen und Verantwortung zu tragen – eingebettet in die liebevollen Pläne Gottes. In einer gesunden Familie erfahren wir, was es heißt, füreinander da zu sein, einander zu dienen und das gemeinsame Wohl anzustreben. Wir können uns vorstellen, mit welcher Achtsamkeit Josef Jesus Anweisungen gab – und ebenso, mit welcher Liebe das fleischgewordene Wort das Wort seines irdischen Vaters aufnahm und umsetzte – Gehorsam ist eine Frucht der Liebe. So entstand das innige Miteinander der Heiligen Familie, das Papst Franziskus so beschreibt: „Die drei Mitglieder dieser Familie halfen sich gegenseitig, den Plan Gottes zu entdecken. Sie beteten, arbeiteten und kommunizierten miteinander.“5

Jesus konnte in Nazaret tagtäglich sehen, wie Josef sich verhielt: als ein Mann, der aus tiefem Glauben heraus gehorsam war. So nahm der heilige Patriarch den Gehorsam Jesu bis hin zum Kreuz vorweg. Die Heilige Familie ist eine Schule, in der wir lernen, dass das Hören auf Gott und die aktive Beteiligung an seiner Sendung zusammengehören. Der heilige Josefmaria beschreibt den Glauben des heiligen Josef als „vorbehaltlos, vertrauensvoll und bezeugt durch eine wirksame Hingabe an den Willen Gottes im bewusst gelebten Gehorsam“6. Einen solchen Glauben erbitten wir auch für uns – samt dem Wunsch, ihn zu verwirklichen und darin Glück und Segen zu erfahren.


1 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris Corde, Einleitung. In den vier Träumen vernimmt er, er solle keine Angst haben, Maria zur Frau zu nehmen; er solle nach Ägypten fliehen, um das Leben Jesu zu retten; er solle nach Israel zurückkehren; er solle nach Nazaret gehen, um das Kind vor dem König von Judäa zu schützen.

2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.

3 Ebd., Nr. 54.

4 Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 18.12.2015.

5 Franziskus, Angelus-Gebet, 29.12.2019.

6 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.

Künstlerin: Palmira Laguéns (Wallfahrtskirche von Torreciudad)