Betrachtungstext: Mittwoch nach Erscheinung des Herrn

Das verborgene Leben Jesu – Gottes Fürsorge gegenwärtig machen – Der Wert der gewöhnlichen Arbeit

DREISSIG JAHRE lang blieb das große Licht, das gekommen war, um die ganze Welt zu erleuchten, verborgen (vgl. Jes 9,2), lange Zeit blieb das Geheimnis der Menschwerdung vor den Blicken der Menschen verhüllt. Der Sohn Gottes lebte unter der Obhut seiner Eltern in einem kleinen Dorf in Galiläa und ging einer normalen Arbeit nach. Unser Gott ist ein verborgener Gott, Israels Gott, der rettet (Jes 45,15).

„Indem Jesus wie einer von uns aufwächst und lebt, offenbart er uns, dass das menschliche Dasein, das gewöhnliche und alltägliche Tun, einen göttlichen Sinn hat. Auch wenn wir diese Wahrheit schon oft betrachtet haben, sollten uns die dreißig Jahre seines verborgenen Lebens immer wieder in Staunen versetzen. Drei Jahrzehnte, die den längsten Abschnitt seines Lebens unter uns Menschen, seinen Brüdern, ausmachen. Jahre im Schatten, für uns aber klar wie Sonnenlicht. Oder vielmehr: strahlende Jahre, die unsere Tage erhellen und ihnen ihren wirklichen Sinn geben; denn wir sind gewöhnliche Christen, die ein normales Leben führen wie Millionen andere überall auf der Welt.“1

Jesus Christus wollte die meiste Zeit seines irdischen Lebens unbemerkt in der Stille von Nazaret verbringen. „Und wenn der Herr sich so erniedrigt hat, was sollen dann wir tun, die wir unter das Joch seiner Gnade durch ihn selbst gekommen sind?“2, fragte einst der dritte Nachfolger des heiligen Petrus. Betrachten wir noch einmal das verborgene Leben Jesu, das wir nachahmen wollen. Wie er wollen wir Sauerteig in der Masse sein, um unsere Umgebung zu durchsäuern und dabei unbemerkt zu bleiben. „So lebte Jesus dreißig Jahre lang: als fabri filius (Mt 13,55), als der Sohn des Zimmermanns. Erst danach folgten die drei Jahre seines öffentlichen Wirkens im Trubel der Menschenmenge. Die Leute fragen sich verwundert: Wer ist dieser, woher weiß er das alles? Denn er war ja einer von ihnen, führte das Leben der Menschen seines Landes. Er war der faber, filius Mariae (Mk 6,3), der Zimmermann, der Sohn Mariens. Und er war Gott, der gekommen war, das Menschengeschlecht zu erlösen und alles an sich zu ziehen (Joh 12,32).“3


„WIE JEDE andere Begebenheit im Leben Jesu sollten wir auch diese Jahre im Verborgenen niemals betrachten, ohne uns angesprochen zu fühlen, und sie als das verstehen, was sie sind: ein Ruf des Herrn, unseren Egoismus und unsere Bequemlichkeit zu überwinden.“4 Wie Jesus wollen auch wir an Alter, Gnade und Weisheit zunehmen (vgl. Lk 2,52). Die Betrachtung seines verborgenen Lebens wirft konkretes Licht auf unseren Alltag: Sie erinnert uns an jene Einheit des Lebens, die einfach und kraftvoll ist und die wir jeden Tag bewusst pflegen sollen.

Unser ganzes Leben hat erlösenden Wert. Die Seele wächst und reift auf übernatürliche Weise durch die „genaue Erfüllung der gegenwärtigen Pflichten. – Diese demütige, eintönige, unbedeutende Arbeit ist Gebet, das sich in Taten ausdrückt. Dieses Gebet bereitet dich auf die andere, große, weite und tiefe Arbeit vor, von der du träumst.“5 Wenn wir mit dieser göttlichen Perspektive arbeiten, erhält unsere Arbeit eine ganz neue Bedeutung; sie wird zu einer Möglichkeit, Gott in unser Umfeld zu bringen. Mit unserer Arbeit und unserem Dienst können wir Gottes Fürsorge für jeden Menschen gegenwärtig machen. Jedes Projekt, jede Aufgabe und jede Geste kann ein Ausdruck der Liebe sein – unserer Liebe und der Liebe Gottes – für die Menschen, denen sie gilt.

Betrachten wir Jesus, das ewige Wort, das viele Jahre in der Werkstatt von Nazaret verborgen lebte, nur gesehen von Maria, Josef und dem Vater im Himmel. Dieses stille, natürliche und zugleich übernatürlich fruchtbare Leben weckt in uns den Wunsch, Jesus näher kennenzulernen und ihm in der Demut und Einfachheit seines verborgenen Lebens nachzueifern.


„LASST mich noch einmal auf das Ursprüngliche und Einfache im Leben Jesu zurückkommen, das wir so oft gemeinsam betrachtet haben. Die Jahre, die der Herr im Verborgenen lebte, sind weder bedeutungslos noch bloße Vorbereitung auf sein öffentliches Wirken. Seit 1928 sehe ich dies klar: Gott möchte, dass wir Christen das gesamte Leben Jesu als Beispiel begreifen. Ich bin besonders seinem verborgenen Leben nachgegangen, seinem Leben der gewöhnlichen Arbeit unter den Menschen. Der Herr will, dass viele Menschen den Weg gehen, den er selbst in den Jahren seines stillen, unscheinbaren Lebens ging. Dem Willen Gottes gehorchen, bedeutet deshalb immer, uns von unserer Selbstsucht zu lösen, es bedeutet jedoch nicht, uns vom normalen Leben der Menschen zu entfernen, mit denen uns Stand, berufliche Arbeit und gesellschaftliche Situation verbinden.

Ich träume – und mein Traum ist Wirklichkeit geworden – von unzähligen Kindern Gottes, die ihr Leben als gewöhnliche Menschen heiligen und teilhaben an den Mühen, Hoffnungen und Anstrengungen ihrer Mitmenschen. Ihnen sei diese göttliche Wahrheit zugerufen: Wenn ihr inmitten der Welt verbleibt, dann nicht, weil Gott euch vergessen oder nicht berufen hätte, nein, er hat euch aufgefordert, in den irdischen Tätigkeiten und Sorgen zu bleiben, und euch kundgetan, dass eure menschliche Berufung, euer Beruf und eure Fähigkeiten, seinen göttlichen Plänen nicht nur nicht zuwiderlaufen, sondern die geheiligte Opfergabe sind, die Christus dem Vater dargebracht hat.“6

Gott vergisst keines seiner Kinder. Die Zeit in Nazaret zeigt uns, wie wir die gewöhnlichsten Dinge mit Gottes Liebe füllen können. Sein Beispiel lässt uns die große Bedeutung jeder kleinen Geste und Hoffnung erahnen. „Die Arbeit – jede Arbeit – bezeugt die Würde des Menschen und seine Herrschaft über die Schöpfung. (…) Und da Christus selbst die Arbeit auf sich genommen hat, erscheint sie uns als erlöste und erlösende Wirklichkeit, nicht nur als der Lebensbereich des Menschen, sondern auch als Mittel und Weg der Heiligkeit, als etwas, das geheiligt werden kann und selbst heiligt.“7 Wenn wir die langen Jahre betrachten, die Jesus in Nazaret mit Arbeit und Stille verbrachte, entdecken wir ein wunderbares Vorbild. Bitten wir Maria und Josef, uns zu helfen, dieses einfache, übernatürlich fruchtbare Leben auch in unserem Alltag zu verwirklichen.


1 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 14.

2 Hl. Clemens von Rom, Brief an die Korinther, Nr. 16.

3 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 14.

4 Ebd., Nr. 15.

5 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 825.

6 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 20.

7 Ebd., Nr. 47.

Foto: Curated Lifestyle (unsplash+ @mccphoto)