WÄHREND seines öffentlichen Lebens wurde Jesus von den Pharisäern ständig beobachtet und beurteilt. Doch da sie nichts fanden, was sie ihm vorwerfen konnten (vgl. Lk 6,7), richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf seine Jünger – und suchten nach Schwachstellen bei ihnen. So empörten sie sich eines Tages darüber, dass die Apostel Brot aßen, ohne davor die vorgeschriebene Reinigung der Hände vollzogen zu haben. Vielleicht erinnern wir uns daran, wie unsere Mütter darauf bestanden, dass wir uns vor dem Essen die Hände waschen sollten. Manchmal taten wir es nur widerwillig – nicht aus Überzeugung, sondern um ein Ärgernis zu vermeiden. Erst als Erwachsene verstanden wir, dass es sich nicht um eine Laune handelte, sondern um eine sinnvolle Geste zugunsten unserer Gesundheit.
Der Gesetzessinn jener Pharisäer, die Jesus in Frage stellten, ist innerlich nie gewachsen. Sie hielten an ihren Ritualen fest, nicht aus Liebe zu Gott, sondern aus anderen Motiven – etwa aus Angst vor dem Urteil der anderen. „Die Angst zieht das Herz zusammen und hindert einen daran, den anderen entgegenzugehen, dem Leben entgegenzugehen“1, erklärte Papst Benedikt einmal. Diese Pharisäer erkannten nicht, dass Gottes Gebote keine willkürlichen Vorschriften sind, sondern Wegweisungen zum Heile ihrer Seelen. Sie verstanden nicht, „dass das Gesetz nicht dazu da ist, uns zu Sklaven zu machen, sondern um uns frei zu machen, um uns zu Kindern zu machen (...).“ Papst Franziskus betonte: „Starrheit ist keine Gabe Gottes, Sanftmut dagegen schon, ebenso wie Güte, Wohlwollen, Vergebung. Aber Starrheit nicht!“2 Hinter jedem Gebot steht der Wunsch Gottes, dass unser Herz rein sei – damit wir ihn schauen können (vgl. Mt 5,8). Darauf kommt es an.
IM CHRISTLICHEN LEBEN sind wir weniger dazu berufen, die Gebote mit Eifer zu befolgen, um uns in der Genugtuung zu wiegen, unseren Teil getan zu haben, als mehr dazu, sie mit lauterem Herzen zu verinnerlichen. Es ist leicht, dem Irrtum der Pharisäer zu erliegen und das christliche Leben auf eine Reihe von Pflichten zu reduzieren, die es einfach zu erfüllen gilt. So verwandeln wir den weiten Horizont der Heiligkeit jedoch in einen engen Raum, in dem es nur noch darum geht, eine Liste von Vorschriften abzuarbeiten. Ebenso leicht können wir in die entgegengesetzte Haltung fallen – in die Ansicht, dass allein das Gefühl zählt – und meinen damit ein abstraktes, flüchtiges, angenehmes Empfinden, das aber ebenso schnell vergeht, wie es kommt.
Um uns vor diesen beiden Haltungen zu bewahren, greift Jesus in seinem Dialog mit den Pharisäern auf Worte des Propheten Jesaja zurück: Dieses Volk ehrte mich mit seinen Lippen, sein Herz aber hielt es fern von mir (Jes 29,13). Schon das Alte Testament bezeugt eindeutig: Gott verlangt von uns keine äußerlichen Verrichtungen, sondern möchte die aufrichtige Hingabe unseres Herzens.
Wer den aufrichtigen Dialog mit Gott sucht, wird weder von einem ewig schlechten Gewissen aufgerieben, da er Gottes tiefe, barmherzige Liebe kennt, noch sich einem bequemen Leben hingeben, da ihm aufgegangen ist, dass diese Liebe eine Antwort verdient – eine Antwort, die über Worte hinausgeht. „In Taten lebt die Liebe und nicht in schönen Worten“, sagte der heilige Josefmaria gerne und hielt fest: „Taten, Taten! Es bleibt bei meinem Vorsatz: dir oft zu sagen – und wie viele Male habe ich es heute schon gesagt! –, dass ich dich liebe. Doch mehr noch will ich es dir zeigen – mit deiner Gnade durch mein Tun, in den kleinen Dingen jedes Tages, in einem Schweigen, das mehr sagt als Worte.“3
DER HEILIGE PAULUS war ein Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern (Apg 23,6). Er wuchs in einer Umgebung auf, in der man Gott durch die exakte Befolgung der Gebote ehren wollte. Gemessen an der Gerechtigkeit, die im Gesetz gefordert ist, war ich untadelig (Phil 3,6), sagt er später von sich selbst. Doch seine persönliche Begegnung mit Gott änderte seine Vorstellung von dem, was Gott von ihm erwartete, radikal. Paulus hörte nicht etwa auf, das Gesetz Gottes zu befolgen – doch sein Herz wandelte sich. Er erkannte, dass es nicht seine eigene Leistung ist, die ihn vor Gott gerecht machte, sondern allein Christus: Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens (Phil 3,8-9).
Zudem erkannte Paulus, dass wahre Gerechtigkeit ihren Höhepunkt in der Liebe findet: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes (Röm 13,10). Allerdings kann uns gelebte Liebe letztlich nicht aus eigener Kraft gelingen – sondern ist eine Gabe des Geistes. Johannes Paul II. erklärte: „Das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (...) ist durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ,eingeschrieben‘. Deshalb wird es zum ,Gesetz des Geistes‘ (...). Es ist der Heilige Geist selbst, der zum Lehrer wird und den Menschen aus dem Inneren seines Herzens herausführt.“4
Unsere Mutter Maria erkannte im Gesetz nicht eine Versklavung, sondern die Freiheit der Liebe. Wir bitten sie, uns zu helfen, gemäß dem Heiligen Geist zu leben – uns „von Gott ergreifen zu lassen, damit er unser Herz von Grund auf erneuere und es nach seinem Maß gestalte“5.
1 Benedikt XVI., Audienz, 11.4.2012.
2 Franziskus, Predigt, 24.10.2016.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 498.
4 Hl. Johannes Paul II., Audienz, 9.8.1989.
5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 134.