DIE MENSCHENMENGE, die Jesus folgte, war mittlerweile so groß, dass er kreative Wege finden musste, um alle erreichen zu können. Schließlich beschloss er, in ein Boot zu steigen und von dort aus zu den Versammelten zu sprechen. Mit dem Gleichnis vom Sämann warf der Meister die Frage auf, unter welchen Bedingungen die Saat des Wortes Gottes langfristig Früchte tragen kann. Es ist ein Appell zur Aufrichtigkeit, ein Aufruf, das eigene Herz zu prüfen, und eine Einladung, über die eigene Bereitschaft nachzudenken, seine Botschaft aufzunehmen. Jesus beschreibt dazu die unterschiedlichen „Böden“ der Herzen und beginnt so: Auf den Weg fällt das Wort bei denen, die es zwar hören, aber sofort kommt der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät wurde (Mk 4,15).
Jesu Lehre richtet sich an die gesamte Person – es geht ihm nicht darum, nur einzelne Aspekte unseres Lebens zu berühren. Er fordert uns als Ganzes heraus – mit Verstand, Herz und Willen – und erwartet eine umfassende Antwort. Sein Ziel ist dabei nicht weniger als unser wahres Glück, sowohl auf Erden als auch im Himmel. Papst Benedikt XVI. betonte: „Der Glaube liefert nicht bloß irgendeine Information über die Identität Christi, sondern setzt eine persönliche Beziehung zu ihm voraus: die Zustimmung der ganzen Person mit ihrem Verstand, ihrem Willen und ihren Gefühlen zur Selbstoffenbarung Gottes.“1
Doch in einer Welt, die von einer Flut an Nachrichten und Reizen geprägt ist, verhalten wir uns oft wie zerstreute Wanderer. Wir nehmen viele Informationen auf, ohne sie wirklich zu hinterfragen, und lassen uns von vielem ablenken. Oft fehlt uns die Zeit oder die Klarheit, zu erkennen, was für unser Leben wirklich relevant ist – und was bloß oberflächliche Neugier weckt. In diesem Zusammenhang erinnert uns Papst Franziskus: „Der Same des Wortes ist in unseren Herzen bereits vorhanden, ob er aber Früchte trägt, hängt von uns ab. (…) Oft werden wir durch allzu viele Interessen und Verlockungen abgelenkt. Es ist schwierig, unter all den Worten und Stimmen die des Herrn herauszuhören – die einzige, die uns wirklich frei macht.“2 Jesus lädt uns ein, das Wort Gottes nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen aufzunehmen. So kann es Wurzeln schlagen und wachsen. Und wenn es tief in uns verankert ist, wird es für den Teufel ungleich schwieriger sein, es unseren Herzen zu entziehen.
ÄHNLICH IST ES bei den Menschen, bei denen das Wort auf felsigen Boden fällt: Sobald sie es hören, nehmen sie es freudig auf; aber sie haben keine Wurzeln, sondern sind unbeständig, und wenn sie dann um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt werden, kommen sie sofort zu Fall (Mk 4,16-17). Jesus lädt uns ein, über unsere Freude an seiner Botschaft nachzudenken: Ist sie oberflächlich und verfliegt schnell, oder ist sie tief verwurzelt, sodass sie auch in schwierigen Zeiten Bestand hat? Oft offenbaren sich die wahren Prioritäten unseres Herzens dann, wenn wir Herausforderungen begegnen und Opfer bringen müssen. So kann ein einfaches Lächeln schwer sein, wenn man einmal schlecht gelaunt ist. Umgekehrt können gerade solche Momente zeigen, ob äußere oder innere Umstände stärker sind als unser Wunsch, Säleute des Friedens und der Freude zu sein.
Das bedeutet nicht, dass das christliche Leben ein Leidensweg sein muss, um später in der Ewigkeit belohnt zu werden. Vielmehr betonte der heilige Josefmaria: „Die Glückseligkeit des Himmels ist für jene, die bereits hier auf Erden wahrhaft glücklich sind.“3 Jesus weiß, dass es Freuden gibt, die wie eine gute Nachspeise leicht erreichbar, aber oberflächlich sind, während andere mehr innere Anstrengung erfordern, aber auch tiefer und dauerhafter sind. Er lädt uns ein, uns für jene Ideale zu öffnen, die unserem Leben Richtung und Sinn geben, Ideale, die uns erfüllen.
Der Gründer des Opus Dei erinnerte oft daran, dass wahres Glück nicht von der Anhäufung intensiver Erfahrungen oder flüchtiger Vergnügungen abhängt, sondern von der inneren Überzeugung, sich von Gott begleitet zu wissen. In diesem Bewusstsein erhält vieles ein anderes Gesicht: „Du erlebst gerade Tage voller Freude, deine Seele ist erfüllt von Licht und Farben. Und du staunst: denn die Gründe für diese deine jetzige Freude sind genau jene, die dich früher in die Mutlosigkeit stürzten! Es ist immer dasselbe: Es kommt auf den Gesichtspunkt an. – Laetetur cor quaerentium Dominum! –Das Herz derer, die Gott suchen, fließt über vor Freude.“4
BEI ANDEREN fällt das Wort in die Dornen: Sie hören es zwar, aber die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen machen sich breit und ersticken es und es bleibt ohne Frucht (Mk 4,18-19). Es ist logisch und natürlich, dass Familien- und Arbeitsaufgaben einen großen Teil unserer Zeit und Energie beanspruchen. Doch oft drohen Sorgen des Alltags die Saat des göttlichen Wortes in uns zu erdrücken. Jesus fordert uns nicht auf, diese Sorgen zu ignorieren. Vielmehr möchte er, dass unser Leben – wie das so vieler anderer Menschen – von dem Wunsch geprägt ist, ihm inmitten dieser alltäglichen Angelegenheiten zu folgen. Sie sollen nicht am Rand unseres christlichen Lebens stehen, sondern ein wesentlicher Bestandteil unseres Weges zur Heiligkeit sein.
Christi Botschaft ist nicht nur ein weiterer Aspekt unseres Lebens, sondern der Horizont, von dem aus wir alle anderen Bereiche unseres Lebens verstehen und ihnen Sinn verleihen können. Der Same des göttlichen Wortes wächst, wenn er auf guten Boden fällt, auch wenn er dabei auf einige Disteln stößt. Entscheidend ist, dass wir stets die Verbindung zum Herrn suchen. Wie der heilige Josefmaria sagte: „Jesus soll das Ziel unserer Bestrebungen, die Liebe unseres Herzens, das Thema unserer Gespräche, das Vorbild unseres Handelns sein.“5 Wenn wir in allen Lebensbereichen seinen Willen anstreben, werden wir nach und nach den Weg finden, unser Leben in Einklang mit ihm zu gestalten.
Das Gleichnis vom Sämann, das Jesus vom Boot aus erzählte, lädt uns ein, unser Herz zu prüfen: Wie sehr erlauben wir Christus, in uns zu wirken? Bitten wir darum, wie die Gottesmutter zu denen zu gehören, in denen das Wort Gottes Früchte trägt – Früchte, die Bestand haben und alle um uns herum mit Freude erfüllen. Auf guten Boden ist das Wort bei denen gesät, die es hören und aufnehmen und Frucht bringen, dreißigfach, sechzigfach und hundertfach (M 4,20).
1 Benedikt XVI., Predigt, 21.8.2011.
2 Franziskus, Angelus-Gebet, 12.7.2020.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 1005.
4 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 72.
5 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 271.