DIE PROPHETEN kündigten den Messias an, und dank ihrer Worte erwartete das Volk Israel sein Kommen voller Sehnsucht: „Ihr Völker, hört das Wort des Herrn und verkündet es in aller Welt: Seht, euer Gott wird kommen und euch erretten. Fürchtet euch nicht.“1 Allerdings achtete das Volk oft nicht auf die Botschaften der Propheten und erlitt deshalb viel Unheil. Umso eindrucksvoller ist die Geschichte von Bileam, einem heidnischen Seher, den der König der Moabiter aufforderte, das Volk Gottes zu verfluchen. Bileam aber, vom Geist des Herrn erfüllt, widersetzte sich dem königlichen Druck und segnete das auserwählte Volk sogar dreimal: Jakob, wie schön sind deine Zelte, deine Wohnungen, Israel! (Num 24,5).
Bileams Schicksal endet tragisch, da er schließlich durch die Hand der Israeliten stirbt. Doch in seiner Prophezeiung weist er auf das Kommen des Messias hin und beschreibt ihn als Stern, der aus Israel aufsteigt: Ein Stern geht in Jakob auf (Num 24,17). Der Erlöser wird „ein großes Licht auf Erden“2 sein. Jahrhunderte später wird den Weisen aus dem Morgenland tatsächlich ein Stern leuchten und ihnen den Weg zu „einem in der Nacht entzündeten Flämmchen“ zeigen, so Worte von Papst Benedikt, „zu einem neugeborenen Kind, das in der Stille der Welt schreit“3. Obwohl alle den Stern sahen, verstanden nicht alle seine Bedeutung. Im heutigen Tagesgebet bitten wir kühn: „Herr, erleuchte die Finsternis unseres Herzens durch die Ankunft deines Sohnes.“4 Erleuchte uns, damit wir die Bedeutung all dieser Geschehnisse für unser persönliches Leben verstehen.
Im Buch Numeri wird Bileam als Mann mit geöffnetem Auge bezeichnet, der Gottesworte hört und die Kunde des Höchsten kennt, der eine Vision des Allmächtigen sieht (Num 24,15-17). Ebenso können auch wir in der ruhigen Betrachtung des offenbarten Wortes Gottes Licht für unseren Alltag finden. „Im heiligen Text des Evangeliums findest du das Leben Jesu“, sagte der heilige Josefmaria und fuhr fort: „Aber auch dein eigenes Leben sollst du dort finden. (…) Greife also jeden Tag zum Evangelium, lies es, nimm es zum Kompass für dein Leben.“5
WÄHREND JESUS bei einem seiner häufigen Besuche im Tempel die Pilger lehrt, die gekommen sind, um ihn zu hören, treten die Hohepriester und Ältesten an ihn heran, um ihn auf die Probe zu stellen: In welcher Vollmacht tust du das und wer hat dir diese Vollmacht gegeben? (Mt 21,23), fragen sie. Ihre Frage entspringt nicht einem ehrlichem Interesse, sie stört vielmehr, dass die Menschen ihm begeistert zuhören, – und empfinden seine Autorität als bedrohlich.
Wie andere Male auch durchschaut Jesus ihre falschen Absichten und enthält sich einer direkten Antwort. Denn, wie der heilige Josefmaria sagte, „Jesus weiß nichts anzufangen mit berechnender Schläue, mit der Grausamkeit eines kalten Herzens. Unser Herr schätzt die Freude eines jungen Herzens, den einfachen Schritt, eine Stimme ohne Falsch, klare Augen und ein Ohr, das sein liebevolles Wort sucht. So herrscht er in der Seele.“6
Gott tritt in die Herzen ein, die ihn ehrlich suchen. Wer den rechten Weg beachtet, den lasse ich das Heil Gottes schauen (Ps 50,23). Es sind die Herzen der Kinder, die in aller Einfachheit zu ihm kommen, des Aussätzigen, der seine Wunden zeigt, des Blinden, der furchtlos ruft, oder der Zöllner, der auf einen Baum steigt – solche Herzen bewegen Jesus: Herzen ohne Falsch. „Der Christ muss authentisch, wahrhaftig und aufrichtig in all seinen Werken sein“, sagte der Gründer des Werkes. „Sein Verhalten muss den Geist Christi durchscheinen lassen. Der Christ muss konsequent sein, denn ihm ist eine Gabe anvertraut worden, die heilbringende, rettende Wahrheit, damit er sie Frucht bringen lasse.“7
WER HAT DIR diese Vollmacht gegeben?, fragten sie Jesus. Der Meister antwortete mit einer Gegenfrage: Auch ich will euch eine Frage stellen. Wenn ihr mir darauf antwortet, dann werde ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich das tue. Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen? (Mt 21,24-25). Mit diesen Worten stellte Jesus die Führer des Volkes vor die Wahrheitsfrage und würdigte zugleich Johannes den Täufer. Obwohl das Volk in Scharen zum Jordan geströmt war, um sich von Johannes taufen zu lassen, hatten die Anführer seine Botschaft der Umkehr und Buße nie gehört.
In Wirklichkeit ging es den Führern im Moment nur darum, das Volk nicht zu verstimmen. So wogen sie ab, welche Antwort die günstigsten Folgen für sie versprach. Da sie aber keinen Ausweg fanden, antworteten sie schließlich: Wir wissen es nicht (Mt 21,27).
Der Wahrheit zu begegnen, verlangt Offenheit und die Bereitschaft, sie anzunehmen, auch wenn dies nicht immer einfach ist. Dennoch ist die Wahrheit von ihrem Wesen her liebenswert und anziehend. Um den „Glanz der Wahrheit“8 aufzuzeigen, sollen wir sie vor allem beständig und aufrichtig suchen, sie betrachten und in unser Leben aufnehmen. Wer die Wahrheit liebt und in sein Inneres aufnimmt, damit sie ihn verwandelt, kann sie leichter mit Spracheingabe weitergeben. Die Schönheit der Wahrheit sichtbar zu machen, ist eine zentrale Aufgabe der Christen.
Christus sagte von sich selbst: Ich bin die Wahrheit (vgl. Joh 14,6). Deshalb ist der Wunsch, die Wahrheit zu suchen und weiterzugeben, eine schöne Aufgabe. Der heilige Josefmaria sagte: „Schon vor vielen Jahren wurde mir ein Grundsatz klar, der für alle Zeiten gilt: Innerhalb der Gesellschaft (…) braucht es eine neue Art und Weise, die ewige Wahrheit des Evangeliums durch das eigene Leben zu bezeugen und zu verbreiten. Im Inneren der menschlichen Gesellschaft – der Welt – müssen die Kinder Gottes durch ihre Tugenden strahlen wie Lichter in der Finsternis ‒ quasi lucernae lucentes in caliginoso loco.“9 Gemeinsam mit Maria und Josef machen wir uns auf den Weg nach Betlehem. In ihrer Begleitung lernen wir die rechte Ausrichtung des Herzens, mit der sie Gott in den kleinen und großen Ereignissen ihres Alltags suchten.
1 Eröffnungsvers, Montag der 3. Adventswoche (Jer 31,10).
2 Vgl. Ruf vor dem Evangelium, 25. Dezember, Messe vom Tag.
3 Benedikt XVI., Homilie, 6.1.2008.
4 Tagesgebet, Montag der 3. Adventswoche.
5 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 754.
6 Ders., Christus begegnen, Nr. 181.
7 Ders., Freunde Gottes, Nr. 141.
8 Hl. Johannes Paul II., Enz. Veritatis Splendor, Nr. 1.
9 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 318.