DER EVANGELIST Lukas berichtet, dass alle über das staunten, was Jesus tat (Lk 9,43). Die Gründe für dieses Staunen liegen auf der Hand: Einerseits sprach Jesus mit einer Kraft und Autorität, die die Menschen tief beeindruckte, und andererseits blieben seine Worte nicht ohne Taten. Seine Wunder bekräftigten seinen göttlichen Ursprung, und seine Lebensweise spiegelte die unendliche Barmherzigkeit Gottes wider. Niemand, der Jesus begegnete, konnte seiner einzigartigen Persönlichkeit und seiner großartigen Botschaft gegenüber gleichgültig bleiben.
Auch in uns hinterließ Jesus einen tiefen Eindruck, ähnlich wie bei seinen Jüngern. Manchmal spüren wir diese Faszination besonders stark und wünschen uns, sie würde niemals nachlassen. Bewunderung bedeutet, den Geliebten immer wieder mit neuen Augen zu sehen, denn wahre Liebe besitzt immer einen Hauch von Neuheit. Wer liebt, wird nie müde, den Geliebten zu betrachten – nicht aus Neugier, sondern aus dem tiefen Bedürfnis, immer wieder über dessen Kostbarkeit zu staunen. Genau darum geht es im beschaulichen Leben: in der Nähe Jesu zu bleiben und nicht aufzuhören, tiefer in sein Geheimnis einzudringen.
Wie jede Beziehung, so ist auch die Gottesbeziehung ein Weg, auf dem wir nur Schritt für Schritt vorankommen. Der heilige Josefmaria beschrieb diesen Weg so: „Zuerst ein Stoßgebet, und dann noch eins, und noch eins ..., bis einem das irgendwann nicht mehr genügt, weil Worte nicht mehr ausreichen ...“1 Ziel ist es, uns in Jesu Hände zu übergeben und uns ganz von ihm ergreifen zu lassen: „Man gibt sich der Vertrautheit mit Gott hin, ist bei ihm, betrachtet ihn beständig und mühelos. Wir leben dann wie Gefangene, gleichsam in Ketten. Während wir, trotz all unserer Fehler und Unzulänglichkeiten, unsere Aufgaben und Standespflichten so vollkommen wie möglich erfüllen, möchte die Seele entkommen. Sie strebt zu Gott hin, angezogen von ihm wie Eisen von einem Magneten.“2
ES KANN uns überraschen, wie Jesus auf die Bewunderung reagiert, die er ungewollt geweckt hat. Statt sich an den staunenden Blicken der Menschen zu erfreuen, fängt er an, über das Kreuz zu reden, so als wolle er ihnen sagen, dass wahre Beschaulichkeit von einer tiefen inneren Läuterung nicht zu trennen ist: Behaltet diese Worte in euren Ohren: Der Menschensohn wird nämlich in die Hände von Menschen ausgeliefert werden (Lk 9,44).
Christus betont in vielen Situationen, dass der Glaube, wie Papst Franziskus es ausdrückt, „kein Zuckerguss ist, der das Leben versüßt“.3 Einige folgten ihm vielleicht mit der Hoffnung auf ein bequemeres Leben oder aus dem Wunsch, Teil des Gefolges eines berühmten Propheten zu sein. Doch das war nicht die Botschaft Jesu: Wahre Liebe geht Hand in Hand mit der Wahrheit und der Realität, und sie kann das Leid nicht ausblenden. Der heilige Josefmaria schrieb: „Vergesst nicht, bei Jesus zu sein bedeutet auch unweigerlich, seinem Kreuz zu begegnen. Wenn wir uns Gott ganz anvertrauen, lässt er oft zu, dass wir Schmerz, Einsamkeit, Schwierigkeiten, Verleumdungen und Spott erfahren – sowohl von innen als auch von außen –, denn er will uns nach seinem Bild formen.“4
Christi Antlitz zu betrachten und in das Geheimnis seiner Liebe einzudringen, bedeutet auch, die Botschaft seiner Wunden zu verstehen und sich dem Schmerz seines Herzens zu öffnen, auch in den leidenden Menschen um uns herum. Deshalb verlangt das betrachtende Gebet, das Papst Benedikt als „den Atem der Seele und des Lebens“5 bezeichnete, die Praxis der inneren Abtötung: ein ruhiges, aber entschlossenes Bemühen, unsere Sinne zu befreien, damit wir uns ganz auf Jesus ausrichten und die Dinge so wahrnehmen, wie er sie sieht. Wenn unser Gebet uns mit Christus vereint, wird es uns auch mit den Nöten der Welt verbinden und uns befähigen, diese im Licht Gottes zu betrachten.
DOCH DIE JÜNGER verstanden den Sinn seiner Worte nicht; er blieb ihnen verborgen, sodass sie ihn nicht begriffen (Lk 9,45). Es schien ihnen unverständlich, dass jemand, der so mächtig war und sogar Tote zum Leben erweckt hatte, von einem leidvollen Ende sprach. Angesichts seines offensichtlichen Erfolgs war es ihnen unbegreiflich, warum Jesus ein Scheitern vorhersah. Seine Worte schienen im Widerspruch zu der freudigen und hoffnungsvollen Stimmung zu stehen, die um ihn herrschte.
Doch anstatt Jesus nach dem tieferen Sinn seiner Worte zu fragen, scheuten sie sich, Jesus zu fragen, was er damit sagen wollte (Lk 9,45). Ihre Bewunderung für den Herrn beruhte auf einer Mischung aus oberflächlichem Wissen und ehrfürchtiger Distanz. Was Jesus sich jedoch wünschte, war, dass ihre Betrachtung über den flüchtigen Moment hinausging und keine bloße Emotion blieb, sondern eine tiefe Veränderung ihres Lebens bewirkte: Er lud sie ein, das Leben als einen fortwährenden Dialog mit Gott zu verstehen.
Die Vereinigung unseres Herzens mit dem Herzen von Christus lässt unsdie Welt mit neuen Augen sehen. Selbst in den dunklen Momenten der Geschichte und unseres eigenen Lebens können wir dann das göttliche Licht erkennen. Papst Franziskus sagt dazu: „Jesus war ein Meister dieses Blicks. In seinem Leben gab es immer Zeiten, Räume und Momente der Stille und liebevollen Gemeinschaft, die es ermöglichten, nicht von den unvermeidlichen Prüfungen erschüttert zu werden, sondern die innere Ausgeglichenheit zu bewahren. Sein Geheimnis war die enge Beziehung zu seinem himmlischen Vater.“6 Möge Maria, die Lehrerin des Gebets, uns die Gnade schenken, ein kontemplatives Herz zu erlangen, das wie das ihre die Nähe Gottes sucht.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 296.
2 Ebd.
3 Franziskus, Predigt, 15.9.2021.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 301.
5 Benedikt XVI., Audienz, 25.4.2012.
6 Franziskus, Audienz, 5.5.2021.