DEM GESETZ des Mose folgend ging Jesus mit seinen Jüngern jeden Sabbat in die Synagoge. Dort versammelte sich das Volk Gottes, um das Wort Gottes zu hören und es zu betrachten. Im heutigen Evangelium hören wir von einem Mann, dessen Hand gelähmt war und der an einem Sabbat ebenfalls in die Synagoge kommt – vielleicht in der Hoffnung, dem Herrn dort zu begegnen. Als Jesus ihn bemerkt, ist er tief betroffen von dessen Krankheit und beschließt, ihn zu heilen. Man könnte meinen, dass diese Heilung für alle Anwesenden ein Grund zur Freude sein sollte; doch stattdessen war sie für einige ein Anlass zu Misstrauen und Kritik.
Die Pharisäer beobachteten die Schritte des Herrn argwöhnisch und warfen ihm vor, am Sabbat Wunder zu wirken. Jesus kannte die verkehrte Wertordnung, die in ihren Herzen herrschte. Sie stellten die buchstabengetreue Erfüllung selbstgemachter Vorschriften über das Mitgefühl und die Linderung von Leid. Viele Vorschriften waren, weit entfernt von ihrem ursprünglichen Geist, zu einer reinen Last geworden. Der Sabbat war Christus wichtig, doch das Leiden dieses Mannes war ihm nicht gleichgültig. In seinem Herzen, das zutiefst menschlich und göttlich war, überwog immer die Liebe. Von ihm können wir lernen, eine gute Wertehierarchie zu pflegen. Denn, wie diese Begegnung zeigt, ist nicht alles gleich wichtig.
Bevor er das Wunder vollbringt, stellt Jesus den Pharisäern eine grundlegende Frage: Was ist am Sabbat erlaubt − Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? (Mk 3,4). Ihre Antwort bleibt aus; sie schweigen. Dieses Schweigen, diese Verweigerung einer Antwort, erfüllt Jesus mit Trauer und Zorn über ihre Verhärtung. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! (Mk 3,5). Im selben Augenblick war die Hand des Mannes wieder beweglich.
Jesus verdeutlicht, dass über allen Vorschriften und Bräuchen der Wert und das Wohl des Menschen stehen. „Die Ordnung der Dinge muss der Ordnung der Personen dienstbar werden und nicht umgekehrt,‟1 lehrte das II. Vatikanische Konzil. Der Mensch und seine Würde haben stets Vorrang. So hat Christus gehandelt, und so sind auch seine Jünger gerufen zu leben.
OBWOHL AM SAMSTAG die meisten alltäglichen Tätigkeiten nicht erlaubt waren, nutzte Jesus seine Besuche in den Synagogen, um zu heilen. Nichts konnte sein barmherziges Herz aufhalten. Der heilige Beda erklärt dies mystisch: „Dieser Mann mit der verdorrten Hand steht für das Menschengeschlecht, das zum Guten untauglich ist, doch durch die Barmherzigkeit Gottes geheilt wurde.‟2 Alle Wunder Jesu sind Ausdruck seiner grenzenlosen Barmherzigkeit. Sie offenbaren Gottes heilendes Wirken und machen uns empfänglich für seine Gnade. Sie sind nicht an bestimmte Tage oder Orte gebunden – jeder Tag ist ein guter Tag, um Gutes zu tun, Leid zu lindern und Hoffnung zu schenken. Das gilt auch für die Synagoge und den Sabbat.
In diesem Abschnitt des Evangeliums erkennen wir zwei Arten von Sklaverei: die des Mannes mit der verdorrten Hand, der durch seine Krankheit gebunden ist, und die der Pharisäer, die Gefangene ihrer formalistischen Religiosität sind. Jesus, so sagte Papst Franziskus, „befreit beide: Er zeigt den Strengen, dass ihre starre Gesetzlichkeit nicht der Weg zur Freiheit ist, und er befreit den Mann mit der verdorrten Hand von seiner Krankheit.‟3
Gott steht selbstverständlich über allen Dingen, er will, dass wir unsere Sicherheit allein in ihm suchen – denn nur in dieser Ausrichtung finden wir die wahre Freiheit. Durch sein Handeln offenbart Jesus allmählich seine Identität. Er korrigiert das verzerrte Gottesbild seiner Zeitgenossen, aber auch die Vorstellungen, die wir uns oft von Gott machen. Jesus ist der Messias, auf den das Volk so viele Jahrhunderte lang gewartet hat; er ist derjenige, der kommt, um die Kluft zwischen Gott und den Menschen endgültig zu überwinden.
IM NEUEN Volk Gottes, der Kirche, hat der Sonntag den Sabbat abgelöst. Bereits von den ersten Tagen an legten die Christen großen Wert auf den Tag nach dem Sabbat, denn an diesem versammelten sie sich, um der Auferstehung des Herrn zu gedenken, die viele von ihnen miterlebt hatten. In den Anfangsjahren hielten sie noch am jüdischen Brauch des Sabbats fest, doch mit der Aufnahme der ersten Heiden begann der erste Tag der Woche, der dies Domini – der Tag des Herrn – im Mittelpunkt zu stehen.
Der Sonntag ist der Tag Christi, weil wir an diesem Tag seine Auferstehung feiern. „Er ist das wöchentliche Ostern, an dem der Sieg Christi über Sünde und Tod, die Vollendung der ersten Schöpfung in ihm und der Anbruch der neuen Schöpfung (vgl. 2 Kor 5,17) gefeiert wird“4, wie Papst Johannes Paul II. sagte, und daher ein Tag der Freude und der Hoffnung. Er ist ein Tag, der Gott gewidmet und der gleichzeitig der „dies hominis, der Tag des Menschen“5 ist, den wir als Gelegenheit nützen, um auszuruhen, zu entspannen und das familiäre, kulturelle und soziale Leben zu pflegen. Wir Christen heiligen den Sonntag, indem wir unseren Familien „die Zeit und Aufmerksamkeit schenken, die wir ihnen an den anderen Tagen der Woche zu wenig widmen können“6. Der Katechismus der Kirche erinnert uns daran, dass der Sonntag traditionell auch für gute Werke und den Dienst an Kranken, Behinderten und älteren Menschen genutzt wird – ganz im Sinne des Meisters, der am Sabbat in der Synagoge heilte.7
Im Mittelpunkt des Sonntags steht jedoch die „Perle von großem Wert“: die Eucharistie. Papst Benedikt XVI. schrieb: „Die Teilnahme an der Sonntagsmesse sollte vom Christen nicht als auferlegte Pflicht oder Last empfunden werden, sondern vielmehr als inneres Bedürfnis und als etwas Freudiges. Sich mit den Brüdern und Schwestern versammeln, das Wort Gottes hören und sich von Christus nähren, der für uns geopfert wird, ist eine schöne Erfahrung, die dem Leben Sinn gibt.“8
An diesem Tag ist die Mutter Jesu in besonderer Weise präsent. „Sonntag für Sonntag begibt sich das pilgernde Volk in die Fußstapfen Marias.“9 Wir wollen uns von ihrer Freude über die Auferstehung Christi anstecken lassen und diese Freude in unseren Sonntag hineintragen.
1 II. Vat. Konzil, Gaudium et Spes, Nr. 26.
2 Hl. Beda Venerabilis, In Marcum, 1,3.
3 Franziskus, Predigt, 9.9.2013.
4 Hl. Johannes Paul II., Dies Domini, Nr. 1.
5 Ebd. Nr. 55-73.
6 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2186.
7 Vgl. ebd.
8 Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 12.6.2005.
9 Hl. Johannes Paul II., Dies Domini, Nr. 86.