NACHDEM sie über die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die in Jerusalem versammelten Jünger berichtet hat, nennt die Apostelgeschichte ein gemeinsames Kennzeichen der ersten Christen: Sie hielten an der Lehre der Apostel fest (Apg 2,42). Damit ist ein Grundzug der Kirche benannt, der sie bis heute trägt: ihre Apostolizität. Die Kirche steht auf dem Fundament der Apostel – und lebt aus ihrer Sendung.
Der heilige Josefmaria wies ganz bewusst darauf hin, wie wenig die Apostel aus menschlicher Sicht vorzuweisen hatten: „Sie waren weder reich noch gelehrt noch menschlich gesehen heroisch. Und doch legt Jesus auf die Schultern dieser Handvoll Jünger eine gewaltige, göttliche Aufgabe.“ Zugleich macht seinen Aposteln Jesus Mut, in dem er ihnen versichert: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet (Joh 15,16). Von Anfang an war die Kirche kein menschliches Projekt, sondern ein Werk Gottes.
Über die Jahrhunderte hinweg sichern die Bischöfedie Treue zur ursprünglichen Sendung Christi in lückenloser Nachfolge der Apostel, der so genannten apostolischen Sukzession. „Die Bischöfe“, so erklärt das Konzil von Trient, „haben die Stelle der Apostel eingenommen und sind, wie der Apostel (Paulus) selbst sagt, vom Heiligen Geist eingesetzt, um die Kirche zu leiten (vgl. Apg 20,28).“1 So bleibt gewährleistet, dass das Evangelium nicht neu erfunden, sondern treu weitergegeben wird – Halte dich an die gesunde Lehre, die du von mir gehört hast (2 Tim 1,13) –, gemäß der Sendung Jesu Christi selbst: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern (Mt 28,19). Darauf gründet die Einheit der Kirche – über Zeiten, Kulturen und Grenzen hinweg.
DASS die Apostolizität der Kirche mehr ist als eine Strukturfrage, beweist der missionarische Geist der ersten Christen. Den heiligen Josefmaria berührte ihre Kühnheit, ihr Eifer und ihre Freude gemäß den Berichten der Apostelgeschichte: „Sie warten nicht auf Massen. Und selbst wenn die Massen kommen, wenden sie sich jeder einzelnen Seele zu, jedem Menschen, eins zu eins: Philippus an den Äthiopier (vgl. Apg 8,26-40), Petrus an den Hauptmann Cornelius (vgl. Apg 10,1-48), Paulus an Sergius Paulus (vgl. Apg 13,6-12).“2 Apostolat beginnt im persönlichen Gespräch, aus der Überzeugung heraus, in Christus das Entscheidende gefunden zu haben. So versichert der heilige Paulus: Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen (Phil 3,8).
Diese Haltung bleibt aktuell. So betont Papst Franziskus, dass „Jünger sein bedeutet, ständig bereit zu sein, den anderen die Liebe Jesu zu bringen, und das geschieht spontan an jedem beliebigen Ort, am Weg, auf dem Platz, bei der Arbeit, auf einer Straße. Der erste Schritt dieser stets respektvollen und freundlichen Verkündigung besteht aus einem persönlichen Gespräch, in dem der andere Mensch sich ausdrückt und seine Freuden, seine Hoffnungen, die Sorgen um seine Lieben und viele Dinge, von denen sein Herz voll ist, mitteilt.“3 Jeder Christ ist an seinem Ort Kirche – eine Kirche, die ihre Freude und ihr Licht in der Welt verbreiten möchte.
Die Apostel blieben in diesem missionarischen Eifer beständig. Wahrscheinlich hatten sie noch das Gleichnis vom Besitzer des Weinbergs im Ohr, der ein uns andere Mal ausging, um die Taglöhner am Dorfplatz zur Arbeit zu rufen. Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?, fragt er die Untätigen nicht ohne Vorwurf, um dann folgende Antwort zu hören: Weil uns niemand gedungen hat (Mt 20,6-7). Und der heilige Josefmaria schloss: „Das darf im Leben eines Christen nicht passieren. Es darf nicht sein, daß jemand aus unserer Umgebung behaupten kann, er habe nichts von Christus gehört, weil niemand zu ihm vom Herrn gesprochen hat.“4 Das Apostolat ist keine zeitlich beschränkte oder situationsabhängige Aufgabe, sondern eine Lebensform: Ein Christ ist immer Apostel.5
DIE ANNÄHERUNG von Fernstehenden, von Menschen also, denen der Trost Christi noch nicht zuteil geworden ist, an den Glauben, war dem heiligen Josefmaria stets besonders wichtig. Offenheit, Freundschaft und Respekt gegenüber allen Menschen waren für ihn dabei kein taktisches Mittel, sondern Ausdruck des Evangeliums. Der Glaube wird nicht aufgezwungen, sondern angeboten – in Freiheit und mit Achtung vor dem Wirken der Gnade. „Seit Anfang an haben wir diese Seelen als Freunde und oftmals als Mitarbeiter unserer apostolischen Arbeit angesehen.“6
So verbreitete sich das Christentum von Jerusalem aus in alle Kulturen und Sprachen. Nicht durch Macht, sondern durch die sanfte Kraft der Liebe, entsprechend dem Auftrag des Herrn an seine Jünger: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern (Mt 28,19).Viele Menschen fanden auf diesem Weg zur Fülle des Glaubens. Voraussetzung dafür ist die Demut des Apostels: nicht richten, sondern begleiten; nicht bedrängen, sondern bezeugen – mit Worten und mit dem Leben. Der heilige Josefmaria riet: „Dankt Gott dafür und bittet ihn um Stärke und Demut, damit ihr niemals das Wirken der Gnade stört und gute Werkzeuge seid. Um es nochmals zu sagen: Urteilt nie vermessen, seid gute Freunde aller, achtet die Freiheit der anderen und die Freiheit der Gnade; und zugleich bekennt euren Glauben mit Werken und Worten.“7
Wo Freundschaft und Apostolat ineinander übergehen und nicht mehr unterscheidbar sind,8 wird die Apostolizität der Kirche konkret erfahrbar. In diesem Geist bitten wir die Apostel um ihre Fürsprache und wenden uns an Maria, ihre Königin. Sie möge uns helfen, die Kirche in ihrer apostolischen Sendung neu zu schätzen – und unsere Herzen mit der Liebe Christi zu entflammen.
1 Hl. Josefmaria, Loyal zur Kirche, 12.
2 Ebd., 15.
3 Franziskus, Apost. Schr. Evangelii gaudium, Nr. 127-128.
4 Hl. Josefmaria, Loyal zur Kirche,.
5 Vgl. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 14.2.2017, Nr. 9.
6 Hl. Josefmaria, Instrucción, Mai 1935/14.9.1950, Nr. 146.
7 Hl. Josefmaria, Brief 24.10.1965, Nr. 56 und 62.
8 Vgl. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 1.11.2019, Nr. 19.

