DIE PHARISÄER sind zufrieden: Jesus hat ihre Rivalen, die Sadduzäer, zum Schweigen gebracht. Nun wollen sie selbst ihn auf die Probe stellen. Einer von ihnen fragt: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? (Mt 22,36). Angesichts der zahlreichen Vorschriften des jüdischen Gesetzes scheint die Frage durchaus berechtigt, doch dahinter verbirgt sich die Absicht, Jesus eine verfängliche Antwort zu entlocken. Der Herr antwortet zunächst wie erwartet: Das wichtigste Gebot ist die Liebe zu Gott. Doch dann fügt er etwas Entscheidendes hinzu: Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mt 22,39).
Jesus macht damit deutlich, dass Gottesliebe und Nächstenliebe untrennbar zusammengehören. Denn Gott ist Mensch geworden und hat uns durch seinen Tod und seine Auferstehung zu seinen Kindern gemacht. Wer ihn liebt, kann deshalb den Menschen, die er liebt, nicht gleichgültig gegenüberstehen. Papst Franziskus betonte: „Solange es einen Bruder oder eine Schwester gibt, denen wir unser Herz verschließen, sind wir noch weit davon entfernt, Jünger zu sein, wie Jesus es von uns verlangt.“1
Die Liebe zu Gott und zu den Menschen durchdringen einander so sehr, „dass“, wie der heilige Josefmaria schrieb, „bei jedem Akt der Brüderlichkeit Kopf und Herz oft nicht unterscheiden können, ob es sich um einen Dienst an Gott oder um einen Dienst an den Brüdern handelt; denn im zweiten Fall erweisen wir Gott einen doppelten Dienst.“2
WENN WIR als Jünger Christi leben, zeigt sich die Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe ganz natürlich in unserem Verhalten. Darauf weist der heilige Paulus hin: Ihr wisst selbst, wie wir bei euch aufgetreten sind, um euch zu gewinnen (1 Thess 1,5). Mit gutem Beispiel voranzugehen bedeutet nicht, sich von anderen abzuheben oder Bewunderung zu ernten. Vielmehr soll unser Verhalten Ausdruck gelebter Liebe und aufrichtiger Sorge um unsere Mitmenschen sein. Der Prälat des Opus Dei schreibt: „Die gut gelebte Brüderlichkeit ist unmittelbares Apostolat. Zahlreiche Menschen werden unsere Liebe zueinander sehen und so einen Anlass haben, um auszurufen, wie sie es angesichts der ersten Christen taten: ,Seht, wie sie einander lieben.‘ Sie werden sich durch diese christliche Liebe angezogen fühlen.“3
Auch der heilige Josefmaria betonte: „Wenn ich dich auf das ,gute Beispiel‘ anspreche, will ich dich auch daran erinnern, dass du immer Verständnis haben und entschuldigen sollst, dass du Frieden und Liebe auf der Welt verbreiten sollst.“4 Denn was wäre ein vorbildliches Verhalten wert, wenn andere uns als kalt und unnahbar erleben würden? Unser Zeugnis soll vielmehr die Nähe Gottes spürbar machen und den Frieden und die Liebe weitergeben, die wir selbst von ihm empfangen haben.
Wie aber können wir andere mit Jesus bekannt machen? Der heilige Josefmaria antwortete: „Durch unser Beispiel: Seien wir seine Zeugen, mit unserem freiwilligen Dienst an Jesus Christus, bei allen unseren Tätigkeiten (...). Und dann, wenn wir dieses Zeugnis des Beispiels gegeben haben, werden wir auch fähig sein, die Menschen im Wort, in der Lehre zu unterweisen.“5
IN DER ERSTEN Lesung der heutigen Messe erinnert uns das Buch Exodus daran, dass Nächstenliebe anspruchsvoll sein kann. Gott fordert sein Volk auf, besonders auf schutzbedürftige Menschen zu achten: Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen (Ex 22,20–21). Unsere Liebe soll also nicht auf jene beschränkt bleiben, die uns besonders nahestehen oder sympathisch sind. Die Zuneigung zu unseren Freunden soll uns vielmehr helfen, auch anderen das Herz zu öffnen. So hat Jesus gelebt: Jeder, der ihm begegnete, durfte sich persönlich geliebt wissen.
Nächstenliebe „besteht“, wie Papst Franziskus erläutert, „aus Nähe, aus Zuhören, Teilen und Fürsorge für den anderen. Und oft versäumen wir es, dem anderen zuzuhören, ihn mitzunehmen oder ihn in seinen Sorgen, in seinen Prüfungen zu begleiten, weil er uns langweilt oder Zeit kostet“6. Gerade wenn es uns schwerfällt, einem Menschen Liebe entgegenzubringen, können wir uns an Gott wenden und mit dem Psalmisten beten: Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke (Ps 18,2). Denn aus der Erfahrung seiner bedingungslosen Liebe schöpfen wir die Kraft, auch andere zu lieben. Der Prälat des Opus Dei erinnert daran: „Unsere Liebe zu Gott – eine übernatürliche Liebe – ist Antwort auf Gottes Liebe zu allen und zu jedem einzelnen. Der Herr selbst hat sie uns als Vorbild und Horizont für unsere Liebe zu unseren Mitmenschen hingestellt.“7 Bitten wir Maria, die Königin der Apostel, uns zu helfen, Gottes Liebe immer tiefer zu erfahren und sie großzügig an andere weiterzugeben.
1 Franziskus, Angelus-Gebet, 25.10.2020.
2 Hl. Josefmaria, Instrucción, Mai 1935 – September 1950, Nr. 75.
3 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023, n. 16.
4 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 560.
5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 182.
6 Franziskus, Angelus-Gebet, 25.10.2020.
7 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023, n. 1.

