DIE FÜHRER des Volkes Israel baten Jesus wiederholt, ihnen endgültig zu beweisen, dass er der Messias sei: Wie lange hältst du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen! (Joh 10,24). Darauf erwiderte ihnen der Herr: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab (Joh 10,25). Jesus hatte ja schon viele Wunder und Zeichen gewirkt, bei denen die Führer des Volkes auch selbst dabei gewesen waren. Daher konnte er in einem anderen Moment sagen: Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht! Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! (Joh 10,37-38)
Jesus hat damals gewirkt und tut es weiterhin. So ist er auch in unserem Leben großzügig am Werk. Das sollten wir uns häufig vor Augen führen. Papst Franziskus hielte es für sehr bedauerlich, „wenn wir die Erinnerung an die großen Dinge verlieren, die der Herr in unserem Leben getan hat, die er in seiner Kirche, in seinem Volk getan hat, und wir uns daran gewöhnen, mit unserer Kraft und unserer Selbstgenügsamkeit voranzugehen (...).“1
Gelegentlich können wir – wie jene Führer des Volkes Israel – versucht sein, Jesus um Beweise seiner Göttlichkeit zu bitten, auch wenn wir sie in unserem eigenen Leben finden können. Der heilige Josefmaria erinnerte gerne daran, dass Gottes Kraft nicht geringer geworden ist (vgl. Jes 59,1); er wirkt dieselben Wunder, die er vor mehr als zweitausend Jahren gewirkt hat, indem er für uns sorgt oder uns unverhofft Licht schenkt. Das Gute, das wir tun oder das uns widerfährt, wird immer ein Zeichen der Nähe des auferstandenen Christus in unserem Leben darstellen und uns mit Freude erfüllen. Papst Franziskus fährt fort: „Es wird uns auch gut tun, stets den Rat des Paulus an Timotheus, seinen geliebten Jünger, zu wiederholen: Erinnere dich an den von den Toten auferstandenen Jesus Christus (2 Tim 2,8). Erinnere dich an Jesus – an Jesus, der mich bis hierher begleitet hat und der mich bis zu jenem Augenblick begleiten wird, in dem ich vor ihm, dem Verherrlichten, erscheinen muss.“2
DIE SCHAFE verstehen die Stimme und Gesten ihres Hirten. Wenn sie ihm vertrauen, können sie sich seines Schutzes sicher sein. Ich gebe ihnen ewiges Leben, sagt Jesus; sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins (Joh 10,28-30). Diese Worte „vermitteln uns“, wie Papst Franziskus sagt, „einen Eindruck absoluter Sicherheit und unendlicher Zärtlichkeit. Unser Leben ist völlig sicher in den Händen Jesu und des Vaters, die eins sind: eine einzige Liebe, eine einzige Barmherzigkeit, ein für alle Mal im Kreuzesopfer offenbart.“3
Wir sind immer in der Obhut Jesu. Dennoch kann es auch in unserem Leben Momente geben, in denen wir aus seiner Fürsorge herausgefallen zu sein scheinen. Das können Momente besonderer Gnade sein, denn der Herr wird uns die Kraft geben, an ihm festzuhalten. Und er wird uns mit größerer Tiefe erkennen lassen, wie er ist und wie er handelt. Wir werden mit Paulus sagen können: Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Röm 8,38-39).
Wenn wir überzeugt sind, dass wir in Gottes Hand sind, ändert sich die Art und Weise, wie wir unsere Aufgaben angehen. Vor allem werden wir von größerer Gelassenheit erfüllt sein: angesichts unserer Fehler, der Fehler der anderen, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Der heilige Josefmaria gab folgende Antwort auf die Frage, wie ein Christ lebt: „Mit Liebe zu Gott, in dem Wissen, dass die Nöte aller Art als ein Segen aus seiner Hand anzunehmen sind.“4
IN DER Apostelgeschichte, die uns die Liturgie heute vorlegt, hören wir von der Ankunft der Christen in der Stadt Antiochia. Sie befanden sich dort in einer paradoxen Lage. Denn einerseits waren sie durch die Verfolgung, die sich nach dem Tod des heiligen Stephanus entfesselt hatte, gezwungen, den Ort zu verlassen; andererseits ließen sie sich nicht entmutigen und sprachen offen über Jesus und sein Evangelium. Die Heilige Schrift berichtet: Die Hand des Herrn war mit ihnen und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn (Apg 11,21).
Gottes Hände beschützen uns, drängen uns aber auch, für ihn in der Welt zu arbeiten. Es wird erzählt, dass eine Christusfigur in einer deutschen Kirche bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg die Arme verlor. Als die Frage der Restaurierung der Statue im Raum stand, entschied man, den Christus ohne diese Gliedmaßen zu belassen und dafür einen Satz auf den Querbalken des Kreuzes zu schreiben, der die Christen daran erinnern sollte, dass sie Jesu Arme auf Erden sind. So sagte auch der heilige Josefmaria: „Der Herr hat uns das Leben, unsere Sinne, unsere Fähigkeiten und zahllose Gnaden geschenkt; deshalb dürfen wir nicht vergessen, dass jeder von uns einer von vielen Arbeitern auf diesem Acker ist, auf den er uns gestellt hat, damit wir daran mitwirken, für die anderen Menschen Nahrung bereitzustellen.“5
Barnabas und Paulus kamen nach Antiochia, um die Bekehrten in ihrem Glauben zu bestärken. Hier wurden die Jünger zum ersten Mal „Christen“ genannt (vgl. Apg 11,26), was von unseren ersten Glaubensbrüdern sicherlich gerne angenommen wurde. Wie stolz trugen sie diesen Namen! Indem wir uns als Christen bekennen, bringen wir unsere Zugehörigkeit zum Herrn und unseren Wunsch zum Ausdruck, mit ihm eins zu sein. Bitten wir unsere Mutter Maria, bei der Weitergabe des Glaubens so freimütig zu reden wie die Jünger in Antiochia.
1 Franziskus, Tagesmeditation, 7.3.2019.
2 Ebd.
3 Franziskus, Regina Coeli-Gebet, 17.4.2016.
4 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 250.
5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 49.

