JEDES Reich, das in sich selbst gespalten ist, wird veröden und ein Haus ums andere stürzt ein (Lk 11,17). Mit diesen Worten antwortet Jesus auf den Vorwurf, er treibe Dämonen mit der Macht des Teufels aus. Doch das Bild der Spaltung lässt sich auch auf unser eigenes Leben übertragen. Wir alle kennen die Kluft zwischen dem, was wir sagen und tun, zwischen unseren guten Vorsätzen und ihrer Verwirklichung, zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir gerne wären.
Seit dem Sündenfall ist die ursprüngliche Harmonie des Menschen gestört. Wir erleben innere Widersprüche, die unsere Entscheidungen erschweren und die der Teufel auszunutzen versucht. Der heilige Paulus beschreibt diesen Zwiespalt eindringlich: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse (Röm 7,15). Obwohl er sich am Gesetz Gottes freut, spürt er in sich eine andere Kraft, die ihm widerstrebt (vgl. Röm 7,22-23).
Doch solche inneren Kämpfe müssen uns nicht entmutigen. Sie erinnern uns daran, dass wir schwache Menschen sind und auf Gottes Hilfe angewiesen bleiben. Gerade darin können sie zu einer Gelegenheit werden, unsere Liebe zu Christus zu vertiefen. Der heilige Josefmaria riet, sich über diese Schwierigkeiten nicht zu wundern: Schließlich sind wir aus „Lehm“. Und er fügte hinzu: „Wenn der innere Kampf einmal härter wird, ist das die beste Gelegenheit, um zu beweisen, dass unsere Liebe zu Gott aufrichtig ist. Mit dem heiligen Paulus dürfen wir fragen: Wer wird mich von diesem Leib des Todes befreien? Und in unserer Seele die göttliche Antwort vernehmen: Meine Gnade genügt dir.“1 Unsere Schwäche hat also nicht das letzte Wort. Entscheidend ist, dass wir im Kampf nicht auf uns allein vertrauen, sondern auf die Gnade Gottes.
EINE WEITERE SPALTUNG entsteht, wenn unsere äußeren Werke nicht mit den Absichten unseres Herzens übereinstimmen. Jesus kritisierte jene, die Almosen gaben oder beteten, um von den Leuten gelobt zu werden (Mt 6,2). Ihre Taten waren an sich gut, doch ihnen ging es weniger darum, anderen zu helfen oder Gott zu ehren, als darum, selbst gut dazustehen. Papst Franziskus lädt uns deshalb zur Selbstprüfung ein: „Wie folge ich Jesus? Tue ich die guten Dinge, die ich tue, im Verborgenen oder um gesehen zu werden?“2
Ein Christ ist kein Schauspieler, der eine Rolle spielt, um den Beifall anderer zu gewinnen. Er möchte aus Liebe handeln und Gott ehren und erfreuen. Dabei darf er darauf vertrauen, dass der Herr auch die kleinsten Taten sieht, die aus Liebe zu ihm geschehen.
Der heilige Josefmaria erinnerte sich gerne an eine Begebenheit aus den Anfängen des Opus Dei. Vier begabte Studenten, angehende Ingenieure und Architekten, halfen bei der Einrichtung eines Studentenwohnheims. Als sie in einem Studienraum eine Schreibtafel montiert hatten, schrieben sie als Erstes darauf: Deo omnis gloria – Gott alle Ehre! Der heilige Josefmaria wandte sich in seinem Inneren spontan an den Herrn: „Jesus, ich weiß, dass dir das gefallen hat.“3 Die Lauterkeit der Absicht schenkt unserem Leben Einheit. Wenn wir unsere Arbeit, unsere Beziehungen und selbst die unscheinbarsten Tätigkeiten auf Gott ausrichten, finden unser äußeres Handeln und unser inneres Wollen immer mehr zusammen. Wir tun das Gute nicht, um etwas darzustellen, sondern weil wir Gott und die Menschen lieben möchten.
DIE EINHEIT, zu der Christus uns ruft, betrifft nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch die Gemeinschaft der Kirche. Sie ist eine große Familie, in der der Heilige Geist im Laufe der Jahrhunderte eine Vielfalt von Charismen und Initiativen geweckt hat. Diese Vielfalt ist ein Reichtum, denn auf unterschiedlichen Wegen führt Gott Menschen zu demselben Ziel: zur Gemeinschaft mit ihm.
Kurz vor seinem Leiden betete Jesus für die Einheit seiner Jünger: Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein (Joh 17,21). Ihre Einheit soll der Welt zeigen, dass Christus vom Vater gesandt wurde. Papst Franziskus erinnert deshalb daran, dass Einheit und Zeugnis untrennbar zusammengehören. Wir können den Gott der Liebe nicht glaubwürdig verkünden, wenn wir untereinander uneins sind. Zugleich darf sich unsere Gemeinschaft nicht in sich selbst verschließen, sondern muss offen sein für alle Menschen.“4
In der Zuneigung zu Maria findet die Einheit der Christen einen besonderen Ausdruck. Der heilige Josefmaria verglich das Zusammenströmen der Menschen bei ihr mit einem „Familienfest, bei dem die älteren Geschwister, die durch das Leben auseinandergegangen waren, sich wieder bei ihrer Mutter versammeln. Auch wenn sie gelegentlich Streit hatten, finden sie an diesem Tag zueinander und erneuern ihre gegenseitige Zuneigung.“5
Maria, die Mutter der Kirche, kann uns helfen, diese familiäre Verbundenheit zu leben. Bitten wir sie, dass wir uns über die Vielfalt der Wege in der Kirche freuen, einander mit Wohlwollen begegnen und das suchen, was uns verbindet: die gemeinsame Liebe zu Christus. Denn je näher wir ihm kommen, desto enger wachsen wir auch untereinander zusammen.
1 Hl. Josefmaria, Brief 2, Nr. 92-94.
2 Franziskus, Tagesmeditation, 5.5.2014.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 611.
4 Franziskus, Ansprache, 4.11.2022.
5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 139.

