JESUS war noch ein Säugling, als der greise Simeon zu Maria sagte: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden (Lk 2,34-35). Die Begegnung mit Christus ließ niemanden gleichgültig. Manche öffneten sich seinem Licht, andere verschlossen sich ihm. Besonders deutlich zeigen das die Evangelien am Beispiel der Schriftgelehrten und Pharisäer. Diese geachteten und gelehrten Männer fühlten sich durch Jesus herausgefordert. Er deckte die Gedanken ihres Herzens auf, entlarvte ihren Hochmut und zeigte ihnen, dass ausgerechnet sie, die Lehrer Israels, Gefahr liefen, sich dem Wirken Gottes zu verschließen (vgl. Lk 18,9; Joh 9,41).
Jesu Worte verletzten ihren Stolz (vgl. Mt 15,12), seine Wunder ließen sie jedoch nicht unberührt. Manche – wie Nikodemus – begannen zu ahnen, dass Gott in ihm wirkte (vgl. Joh 3,2). Der Herr wollte dabei niemanden demütigen. Er rief vielmehr alle zur Umkehr und dazu auf, ihn als den Sohn Gottes anzunehmen. Wer aber ihn aufnimmt, lernt zugleich, auch den Mitmenschen ohne Ansehen der Person anzunehmen (Joh 9,16).
Als die Auseinandersetzung ihren Höhepunkt erreichte, verlangten die Pharisäer ein letztes Zeichen: Meister, wir möchten von dir ein Zeichen sehen (Mt 12, 38). Dabei waren sie viele Male dabei gewesen, als Christus Wunder wirkte. Dennoch verspricht Jesus, ihre Bitte zu erfüllen: Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein (Mt 12, 40). Tod und Auferstehung Jesu sind das endgültige Zeichen Gottes und der tiefste Grund, sich ihm anzuschließen und jenen Glauben anzunehmen, der unser Leben verwandelt. Allerdings ist es nur für diejenigen erkennbar, die ein demütiges Herz haben, sich nicht an ihre eigenen Vorstellungen klammern und Gottes Ehre über die eigene stellen.
DER APOSTEL Johannes spricht immer wieder vom Licht, das Jesus in die Welt gebracht hat, ein Licht, das uns von der Sklaverei der Sünde befreit (Joh 8,31-47) und uns befähigt, in der Freiheit der Kinder Gottes zu leben (1 Joh 3,1-10). Er verweist direkt auf unsere Gebrechlichkeit: Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht (1 Joh 1,8-9). Auch die Einwohner von Ninive waren einsichtig, denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt (Mt 12,41). Sie öffneten sich der Mitteilung, die weder beeindruckend noch mitreißend war, kehrten um und erfuhren die unendliche Barmherzigkeit Gottes (vgl. Joh 3,10).
Gott weiß besser als jeder andere, was unser Herz heilt. Darum führt der Weg zu ihm immer über ein doppeltes Bekenntnis: das Eingeständnis unserer Schwäche und das Vertrauen auf seine Vergebung: „Erbarme dich, Herr, erbarme dich. Denn wir haben vor dir gesündigt.“ Diese Haltung beseitigt ein Hindernis, das uns oft von ihm trennt: den Stolz. Papst Franziskus warnt deshalb: „Wenn jemand von uns sagt: ,Ach danke, Herr, dass ich ein guter Mensch bin, Gutes tue, keine schweren Sünden begehe …‘, dann ist das kein guter Weg, sondern ein Weg der Selbstgenügsamkeit, ein Weg, der nicht rechtfertigt.“1 Dagegen öffnet die ehrliche Gewissenserforschung, die unsere Bedürftigkeit anerkennt, das Herz für die Freude der Umkehr.
Die Heiligen haben sich nie für makellos gehalten, sondern immer für Menschen, die auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind. Der heilige Josefmaria bezeichnete sich selbst als einen armen Sünder, der Jesus Christus „wie verrückt“ liebte. Deshalb konnte er sagen: „Die Freude ist ein christliches Gut. Einzig bei der Beleidigung Gottes zieht sie sich zurück.“2 Doch selbst dann ist sie nicht verloren. Denn wenn wir bereuen und im Sakrament der Versöhnung zum Vater zurückkehren, kommt Gott uns entgegen, vergibt uns – und die Freude kehrt zurück.
GOTT schenkt seine Gnade denen, die sich dem Licht öffnen, das er ihnen sendet – auch wenn es zunächst so unscheinbar erscheint wie die Botschaft des Jona an die Einwohner von Ninive. Ein empfängliches Herz braucht oft nur einen kleinen Anstoß, um sich mit Dankbarkeit, Reue oder neuen Vorsätzen erfüllen zu lassen. Diese innere Wachheit ist selbst schon eine Gabe des Heiligen Geistes.
Dieses Licht erreicht uns auf unterschiedlichen Wegen. Manchmal spricht Gott zu uns durch Menschen, die uns lieben und den Mut haben, uns auf etwas hinzuweisen, das wir ändern sollten. Manchmal lädt er uns ein, selbst auf die Suche zu gehen, wie die Königin von Saba, die den weiten Weg auf sich nahm, um die Weisheit Salomos zu hören (vgl. 1 Kön 10,1–13). In Jesus begegnen wir jedoch einem, der größer ist als Salomo (vgl. Mt 12,42). Wir brauchen nicht ans Ende der Welt zu reisen, um seine Stimme zu hören: Er spricht zu uns in der Heiligen Schrift, in der geistlichen Lesung, im Gebet oder durch die geistliche Begleitung.
Entscheidend ist, dass wir uns vom Heiligen Geist führen lassen. Er lehrt uns, wie Papst Franziskus sagt, „wo wir anfangen sollen, welche Wege wir einschlagen und wie wir gehen sollen“3. Maria, die das Wort Gottes mit offenem Herzen aufgenommen hat, helfe uns, seine Stimme immer aufmerksamer zu hören und ihr mit Demut und Freude zu folgen.
1 Franziskus, Audienz, 29.3.2023.
2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 178.
3 Franziskus, Predigt, 5.6.2022.

