Aus Anlass dieses Jubiläums erscheint das Transkript eines Vortrags bei Radio Gloria von Prof. Dr. Dr. Stefan Mückl, in dem er das besondere Verständnis des Priestertums in der Lehre und Verkündigung des hl. Josefmaria Escrivá anhand konkreter Begebenheiten seines bewegten Lebens beleuchtet. Prof. Mückl lehrt Staatskirchenrecht an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom.
Der 100. Jahrestag der Priesterweihe des hl. Josefmaria bietet einen guten Anlass, sich diesem „Heiligen des Alltäglichen“, wie ihn der hl. Papst Johannes Paul II. nannte[1], ein wenig zu nähern. Dabei soll es weniger um die zahlreichen Inhalte seiner Verkündigung gehen, die inzwischen längst zum Gemeingut der Kirche geworden sind, obwohl sie seinerzeit auch sehr kritisch gesehen wurden – man denke nur an die allgemeine Berufung zur Heiligkeit, an das Verständnis der Ehe als Berufung, an den Aufruf zur Heiligung des Alltags, speziell der beruflichen Arbeit und des Familienlebens. Vielmehr soll die Grundlage seiner Verkündigung näher in den Blick genommen werden, nämlich das Priestertum. Er selbst verstand sich als Priester, nur als Priester, ganz und gar als Priester. Wie verstand er sein priesterliches Amt? Wie hat er sein persönliches Vorbild weitergegeben, zunächst an seine priesterlichen Söhne im Opus Dei, aber auch an zahlreiche weitere Priester auf der ganzen Welt? Schließlich: Wie haben sein Leben als Priester und seine Lehre über das Priestertum in der Kirche fortgewirkt?
Bevor diesen Fragen nachgegangen wird, ist vorab die fundamentale Weichenstellung zu betrachten: Warum wurde der junge Josefmaria eigentlich Priester? Was ist die Geschichte seiner Berufung?
Zum Priestertum berufen
Die Frage nach der Berufung eines Menschen berührt das große Geheimnis, wie Gott in einer Seele wirkt – manchmal als Kulminationspunkt einer geradlinigen Entwicklung, oft aber auch unerwartet und überraschend, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Gott erwählt einen konkreten Menschen, mit seiner Biographie und Persönlichkeit, um ihm die Mitwirkung an Seinem Heilsplan in einem bestimmten historischen Augenblick und in einem konkreten Umfeld anzuvertrauen. Speziell der Priester, so heißt es im Hebräerbrief, wird aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott[2].
Vielfach gibt es im Leben eines Menschen ein konkretes Berufungsereignis, das sich unauslöschlich in Herz und Verstand förmlich einbrennt. Der Apostel Johannes wusste noch nach Jahrzehnten, dass es um die zehnte Stunde war, als er und sein Bruder Jakobus den Ruf des Herrn: Kommt und seht!, vernahmen[3]. Ebenso erinnert sich der hl. Augustinus, wie er den Singsang eines Kindes: „Nimm und lies“, hörte, zur Heiligen Schrift griff und durch eine Stelle aus dem Römerbrief in seinem Innersten erschüttert wurde. Oder die hl. Edith Stein: In einer einzigen Nacht las sie, als Jüdin geboren, doch sich selbst Atheistin nennend, das „Buch meines Lebens“ der hl. Teresa von Ávila und sagte sich: „Das ist die Wahrheit.“ Wenige Monate später wurde sie getauft.
Ein vergleichbares Ereignis gibt es auch im Leben des hl. Josefmaria. Im Winter 1917/1918 sah der gerade Sechzehnjährige eines Morgens barfüßige Abdrucke im tiefen Schnee, die zum Konvent der Unbeschuhten Karmeliten im nordspanischen Logroño führten. Diese Fußspuren, die für ihn nur von einem der Karmeliten stammen konnten, erschütterten ihn zutiefst: „Es gibt Menschen, die für Gott und den Nächsten solche Opfer auf sich nehmen“, dachte er, „und ich, habe ich denn Gott nichts anzubieten?“ Ihm war klar, Gott wolle etwas von ihm. Was das genau war, wusste er nicht – und so betete er mit den Worten des blinden Bartimäus aus dem Markus-Evangelium „Domine, ut videam!“, „Herr, lass mich sehen!“, oder auch „Domine, ut sit!“, „Herr, lass es geschehen!“. Mit beiden Stoßgebeten wandte er sich auch an die Gottesmutter Maria: „Domina, ut videam!“, „Domina, ut sit!“. Er begann, täglich die Heilige Messe zu besuchen und – damals noch keinesfalls die Regel – zu kommunizieren, häufig zu beichten, mehr und intensiver zu beten. So reifte in ihm der Entschluss, Priester zu werden, obgleich er immer noch keine Klarheit gewonnen hatte, was Gott genau von ihm wollte. Doch er spürte, dass dazu das Priestertum notwendig sein würde. Der Schleier der Ungewissheit über die ihm zugedachte Bestimmung im Heilsplan Gottes sollte sich erst ein Jahrzehnt später lüften: Am 2. Oktober 1928 „sah“ er, wie er zeitlebens das Ereignis beschrieb, das Opus Dei.
Nach zwei Jahren als externer Student am Priesterseminar von Logroño trat er 1920 in das Priesterseminar San Carlos Borromeo in der aragonesischen Hauptstadt Saragossa ein. In der dortigen Seminarkirche wurde er dann am 28. März 1925 zum Priester geweiht, noch keine 23 Jahre alt. Zwei Tage später, am Montag der ersten Passionswoche, feierte er in der Heiligen Kapelle der Basilica del Pilar seine erste Heilige Messe.
Gleich zu Beginn seines fünfzigjährigen Wirkens als Priester zeigten sich drei entscheidende Prägungen: Die tiefe Verehrung der Heiligen Eucharistie, die vertrauensvolle und kindliche Verehrung der Mutter Gottes (seine Primizkapelle beherbergt das Gnadenbild „Unserer Lieben Frau von der Säule“) und das Eingetauchtsein in die Passion des Herrn. Nicht nur äußerlich begann sein priesterlicher Dienst in der Passionszeit. Kurz vor seiner Diakonweihe im November 1924 war, noch nicht sechzigjährig, sein Vater gestorben (und ein gutes Jahr zuvor war sein Erzbischof, Kardinal Soldevila, von Anarchisten ermordet worden). Die wirtschaftliche Situation der Hinterbliebenen, seiner Mutter, seiner älteren Schwester und seines sechsjährigen Bruders, war prekär. An der Primiz nahm gerade einmal ein Dutzend Gläubiger teil, das Festessen verdiente ob seiner Kargheit kaum diesen Namen. Als prophetisches Leitwort über seinem priesterlichen Wirken sollte sich der Ausruf Jesu aus dem damaligen Tagesevangelium erweisen: Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt! … Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.[4]
„Echte Diener der Diener Gottes sein“
Wie verstand nun der hl. Josefmaria sein priesterliches Amt? Von Beginn an zeigen sich markante Haltungen und Einstellungen, die sich über all die Jahre und Jahrzehnte konstant beobachten lassen, in denen er selbst weiter gereift ist. Seine unverrückbare Grundhaltung war das Streben nach Einswerdung mit Jesus Christus: „Was ist die Identität des Priesters? Die Identität mit Christus. Nicht nur alter Christus, sondern ipse Christus können und sollen alle Christen sein: ein anderer Christus, Christus selbst. Doch im Priester geschieht dies unmittelbar, auf sakramentale Weise.“[5]
Entsprechend dem Vorbild des Herrn, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen,[6] verstand er das Priestertum nicht als Station einer „Laufbahn“[7], sondern als Dienst: „Mir scheint, dass von uns Priestern gerade die Demut verlangt wird zu lernen, nicht modisch, sondern echte Diener der Diener Gottes zu sein …, damit die gewöhnlichen Christen, die Laien, Christus in allen Bereichen der Gesellschaft gegenwärtig machen“[8]. Konkret wurde dies schon in seinem ersten priesterlichen Auftrag, den er am Tag nach seiner Primiz antrat:
Für zwei Monate sollte er in einem kleinen 800-Seelen-Dorf nordöstlich von Saragossa den erkrankten Pfarrer vertreten. Er lernte die heute kaum vorstellbare Armut – in materieller wie in geistlicher Hinsicht – kennen und suchte sie mit dem zu lindern, was der Priester, und nur er, geben kann: Christus zu verkündigen. Anders als zahlreiche Landpfarrer in der angeblich „guten alten Zeit“ beschränkte er sich nicht auf das reine Pflichtprogramm, um den Rest der Zeit mit den Dorfhonoratioren beim Kartenspiel zu verbringen, sondern er verausgabte sich in zahllosen Katechesen für Erwachsene wie Kinder. In den wenigen Wochen in dieser Pfarrei besuchte er, Haus für Haus, alle Familien.
Zeit seines Lebens war ihm die Verkündigung ein Herzensanliegen, damit die Menschen Christus kennenlernen, wie Er nach dem Zeugnis der Evangelien ist. Damals wie heute bestehen entweder überhaupt keine, rudimentäre und lückenhafte oder schlicht falsche Vorstellungen über Ihn. So hat er sich mit nie erlahmendem Eifer dem geistlichen Werk der Barmherzigkeit „Die Unwissenden lehren“ gewidmet und sich dabei von der Maxime des hl. Thomas von Aquin leiten lassen: „Die größte Wohltat, die man einem Menschen erweisen kann, besteht darin, ihn vom Irrtum zur Wahrheit zu führen.“[9] Achtung vor Überzeugung und Gewissen anderer wusste er mit Entschiedenheit in der Sache zu verbinden. Charakteristisch für sein Wirken ist diese Aussage: „Christliches Apostolat hat es nicht nötig, Gräben aufzureißen oder Menschen, die die Wahrheit Christi nicht kennen, schlecht zu behandeln. Ein Verächter des Glaubens kann sich am Ende noch – von seinem Irrtum enttäuscht – ehrlich und von Herzen bekehren, wenn wir ihm gemäß dem Wort des Apostels begegnen: ‚Caritas omnia suffert‘ – die Liebe erträgt alles! Ausgeschlossen aber bleibt, unter der Parole einer angeblichen ‚Weite des Denkens‘ in den wesentlichen Fragen des Glaubens selbst nachzugeben. Eine solche falsche Toleranz birgt die Gefahr, sich außerhalb der Kirche zu stellen. Statt anderen zu helfen, schadet man sich selbst.“ [10]
[1] Hl. Johannes Paul II., Ansprache an die Pilger, die zur Heiligsprechung von Josefmaria Escrivá de Balaguer nach Rom gekommen sind, 7. Oktober 2002, Nr. 2.
[2] Vgl. Hebr 5,1.
[3] Vgl. Joh 1,35-39.
[4] Joh 7,38.
[5] Hl. Josefmaria, Homilie „Priester auf ewig“, in: Liebe zur Kirche, Nr. 38.
[6] Mt 20,28.
[7] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 582.
[8] Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 59.
[9] Hl. Thomas von Aquin, In Librum Beati Dionysii De Divinis nominibus Expositio, 13,4.
[10] Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 939.